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Boerne und Thiel blühen auf

„Tatort“ heute: Einer der besten Fälle aus Münster – Kritik zu „Unter Gärtnern“

Thiel und Boerne aus Münster schlagen in der Sommerpause ein zweites Mal zu – und glücklicherweise ist „Unter Gärtnern“ ein Lichtblick in der „Tatort“-Pause.

Axel Prahl steht im Blaumann und Jan Josef Liefers im Anzug in einem Schrebergarten. Beide halten Werkzeuge in der Hand.
„Pflanzenfaschisten“? Boerne (Jan Josef Liefers, l.) und Thiel (Axel Prahl, r.) müssen im Schrebergarten ermitteln. Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Taimas Ahangari

Nach etlichen ernsten Fällen und einem WM-Ausfall bekommt man in der „Tatort“-Sommerpause leichte Kost von Thiel und Boerne aus Münster. Die Wiederholung aus dem Jahr 2024 führt das Duo in den spießigen Kosmos der Schrebergärten und wartet mit nackten Männern, Leichen im Beet und zwei verstorbenen Eichhörnchen auf. Aber ist das Klamauk oder macht Thiels und Boernes Kleingartenprojekt etwas her?

„Unter Gärtnern“: Worum geht es im „Tatort“ heute?

Die Kleingärtnerin Sabine Schmidt (Sibylle Canonica) wird tot in ihrer Laube aufgefunden. Für Boerne (Jan Josef Liefers) ist das offensichtlich ein natürlicher Todesfall, aber nach Einwänden der restlichen Kleingartenbewohner und -bewohnerinnen machen sich Thiel (Axel Prahl) an die Ermittlungen – und stoßen dabei auf etliche Ungereimtheiten.

Einerseits stellt sich heraus, dass Schmidt für jeden Gärtner und jede Gärtnerin augenscheinlich eine andere Identität bereithielt. Andererseits ist Boerne vom Todeshergang verwirrt, denn Schmidts Gehirn ist zwar Matsch, aber es gibt keine Anzeichen gewaltsamer Einwirkungen. Nun können nur noch die Anwohner und Anwohnerinnen herhalten, in der Hoffnung, dass sie den entscheidenden Hinweis liefern.

Unterhaltsam UND spannend: „Unter Gärtnern“ kann auf allen Partys gleichzeitig tanzen

Das Team aus Münster lief bei mir bisher unter dem Anschein „hin und wieder ganz nett und zum Glück nie kreativ bankrott“, aber zugegeben habe ich keinen Fall der Ermittler gesehen, der nicht in diesem Jahrzehnt stattgefunden hat. Meine Annahme wurde aber von „Unter Gärtnern“ ad absurdum geführt, denn der Fall ist nicht nur lustig und spannend, sondern auch ein klassischer Kriminalfall, der stets die notwendige Wendung mitbringt, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen.

Nachdem Eisner und Fellner aus Wien bereits letzte Woche vorgelegt haben, legen Boerne und Thiel diesen Sonntag nach – wenn auch eher auf ihre Art. Wo „Azra“ tonal eher melancholisch bis niederschlagend war, ist „Unter Gärtnern“ die Antithese. Die Charaktere dürfen wie gewohnt herumblödeln, aber ausnahmsweise wird Humor mal nicht über die Geschichte oder die Charaktere gestellt.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einen „Tatort“ gesehen habe, der es vermocht hat, seine humoristischen und ernsten Elemente so gut zu vermengen. Trotz der Lobhudelei gibt es dennoch die eine oder andere Ungereimtheit … sowohl im Positiven als auch im Negativen.

Wie macht man es allen recht? Wem „Unter Gärtnern“ gefallen dürfte

Wie in jedem guten Beet ist in diesem „Tatort“ alles vorhanden, jedoch schmeckt bekanntlich nicht allen alles. Nun ist es bekanntlich nichts Neues, dass das Team aus Münster das Publikum spaltet, „Unter Gärtnern“ verlangt aber von vielen, dass man seine Ungläubigkeit vollends aussetzt.

Das fängt bei der Toten an, die von allen als unsäglich alte Person beschrieben wird, aber ehrlich gesagt nicht wesentlich älter als Prahl oder Clausnitzer aussieht. Gleich danach folgt eine Passage mit zwei toten Eichhörnchen, die auf einer Trage in die Obduktion transportiert werden. Wem dieser Humor nicht gefällt, der wird mit „Unter Gärtnern“ nicht warm werden, denn solche Witze ziehen sich durch den ganzen Fall.

Egal, ob „Pflanzenfaschisten“, eine Verfolgungsjagd mit einem Speer, die musikalisch vollends falsch unterlegt ist, oder Boernes Ambitionen, an Hundewelpen zu experimentieren – in diesem „Tatort“ gibt es keine Humorgrenzen.

Das ist aber teilweise auch eine Schwäche, denn in klassisch öffentlich-rechtlicher Manier versucht man es auch wieder, allen recht zu machen, und fügt einige Witze auf Kosten von „Alberichs“ Größe ein, die von Mal zu Mal mehr und mehr „cringe“ werden. Man versucht zwar zu adressieren, dass ein solcher Humor nicht mehr zeitgemäß ist, aber das hat ungefähr denselben Beigeschmack, wie wenn das ZDF behauptet, dass rassistische Aussagen nicht rassistisch gemeint seien.

Es ist, was es ist: „Unter Gärtnern“ ist ein absolutes „Tatort“-Highlight

Wer braucht schon das WM-Finale (läuft ohnehin nicht in der ARD), wenn man auch einen gelungenen „Tatort“ schauen kann? Boerne und Thiel beweisen trotz des bald anstehenden 50. Falls, dass sie immer noch Geschichten erzählen können – wenn sie nur wollen.

Und immerhin wollen die beiden es diesmal allen recht machen, was zwar nicht vollends klappt, aber immerhin eine noble Intention ist. Darüber hinaus hat man sich mit „Unter Gärtnern“ einen Fall ausgesucht, der zu den derzeitigen Temperaturen in Deutschland passt.

Wer also jemals Karikaturen der spießigen Schrebergartennachbarn sehen wollte oder einfach mal eine Partie James Bond für Arme braucht, der hat dieses Wochenende jedes Recht, den „Tatort“ aus Münster zu schauen. Ich meine, wie häufig passiert es, dass „der Kritiker von TVMovie“ mal einen Fall empfiehlt?

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