„Tatort“ heute: Endlich mal ein guter Krimi aus Wien – Kritik zum Fall „Azra“

Diese Woche verirrt sich die „Tatort“-Sommerpause nach Wien – und das ist gut so, denn zum ersten Mal bekommt man diesen Sommer mit „Azra“ einen guten Fall aufgeboten.

Fellner und Eisner richten ihre Waffen in die Ferne.
Die Herrschaften kommen endlich in Wallung: Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln in ihrem besten Fall. Foto: ARD Degeto/ORF/Darryl Oswald

Eisner und Fellner aus Wien sind nicht unbedingt mein liebstes „Tatort“-Duo. Dementsprechend hätte ich auch nicht unbedingt gedacht, dass ausgerechnet die Kombi aus Wien mir die Sommerpause versüßen würde. Aber mit „Azra“ befindet sich das Team meiner Meinung nach zum ersten Mal auf Höchstleistung. Woran das liegt, verrate ich in meiner Kritik …

„Azra“: Wovon erzählt der „Tatort“ heute?

Der Datviani-Clan ist Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) schon lange ein Dorn im Auge. Doch zur Überraschung des Duos braucht der Clan-Chef ihre Hilfe, da sein Bruder von einem Scharfschützen erschossen wurde. Eisner und Fellner vermuten jedoch, dass dieser seinen Bruder selbst hingerichtet hat. Wie gut, dass bereits die V-Frau Azra (Azra Akinci) in den Clan eingeschleust wurde, um gegen den Mafioso zu ermitteln.

Anfänglich laufen die Ermittlungen auch glatt, doch als Eisner einen einschneidenden Fehler begeht, ist Azra plötzlich verschwunden. Ein Wettrennen gegen die Zeit beginnt …

Jenseits von „Wir sind nicht zu fassen“: Wenn Eisner und Fellner die Zähne fletschen

Ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Mir wurde redaktionell das Ressort „Tatort“ und „Polizeiruf“ im letzten Jahr zugeschustert und meinen Einstand feierte ich mit dem furchtbaren Rostocker „Polizeiruf: Böse geboren“. In der Woche darauf folgte mein erster „Tatort“, bei dem es sich um den Fall „Wir sind nicht zu fassen“ handelte, der mich tatsächlich fassungslos zurückließ. Bis heute ist das eine der ideologisch fehlgeleitetsten Episoden, die ich jemals über mich ergehen lassen musste.

Seitdem habe ich das Wiener Team immer mit einem weinenden Auge ertragen und war glücklich zu hören, dass sie sich ohnehin bald in den Ruhestand begeben würden. Entsprechend geringe Hoffnungen hatte ich, als ich hörte, dass mit „Azra“ auch ein Wiener Beitrag in der Sommerpause gezeigt werden würde – und wurde vollends überrascht. Denn zum ersten Mal sind Eisner und Fellner für mich Figuren. Figuren, die bewegt, frustriert, nachvollziehbar und einfühlsam sind.

Eisner und Fellner: Hier schlummert etwas

Zuerst dachte ich, dass „Azra“ ein guter Fall werden würde, weil Eisner und Fellner von Azra an den Rand gedrängt werden. Doch die Wahrheit ist vielmehr, dass Azra der Katalysator dafür ist, dass die beiden aktiv werden.

Derartig viel Präsenz, wie diesen beiden Figuren zugemutet wird, hätte ich ihnen nicht einmal in meinen wildesten Träumen zugetraut – noch weniger, dass sie diese ausfüllen können. Wenn Fellner sagt, dass sie Eisner erst dann nicht mehr in Schutz nehmen würde, wenn sie tot sei, dann ist das keine dahergesagte Floskel, sondern ernst gemeint. Und diese platonisch-intimen Momente finden in diesem Fall immer wieder statt. Offen gesagt weiß ich gar nicht, wann ein Ermittler zuletzt so echt mit sich gerungen hat, ohne dass das Drehbuch Zerrissenheit mit einer Charaktereigenschaft verwechselt.

Dass dieser Fall generell an seinen Figuren hängt, merkt man auch daran, dass ausnahmsweise nach dem Lösen des Mysteriums noch zehn Minuten für Charakterarbeit übrig bleiben. Selbstverständlich ist das auch ein Vehikel, um einen Trick anzuwenden, den der „Tatort“ gerne nutzt. Aber solange mir dabei etwas von Wert erzählt wird, bin ich schon zufrieden.

Struktur ist alles: Das weiß auch „Azra“

Wer hat eigentlich behauptet, dass es nicht auch etwas Positives sein kann, wenn ein „Tatort“ anstrengend ist? Eisner und Fellner laden in „Azra“ auf eine Reise ein, die ausnahmsweise mal nicht kondensiert innerhalb weniger Tage abgehandelt wird. Stattdessen begleiten wir die Ermittler wochenlang bei ihrem Versuch, Azra zu finden – und man spürt die Zeit. Eisner und Fellner sind gegen Ende nicht mehr dieselben Figuren, die sie zu Beginn des Falls waren.

Vielmehr kann man eigentlich sagen, dass „Azra“ kontinuierlich die Erwartungshaltung unterwandert und alles andere als ein klassischer „Tatort“ sein will.

Marmor, Stein und Eisner bricht: „Tatort“-Fans haben heute Einschaltpflicht

Ich wünschte, dass ich einen „Tatort“ am Sonntag viel häufiger uneingeschränkt empfehlen könnte – insbesondere dann, wenn das Team aus Wien ermittelt. Aber zumindest lässt mich „Azra“ mit der Hoffnung zurück, dass der Abschied von Eisner und Fellner im späteren Verlauf des Jahres mindestens genauso spektakulär wird.

Doch bis dahin muss man weiterhin hoffen, dass in der Sommerpause noch ein oder zwei brauchbare Fälle auftauchen. Nächste Woche kehrt das Team aus Münster mit seinem zweiten Abenteuer in diesem Sommer zurück – ob das gut geht?

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