„Tatort“ heute: Unerwartet furchtbar – Kritik zum Hannover-Fall „König in Gelb“
Ein „Tatort“ am Freitag, Maria Furtwängler wird 60 und (mehr als) leichte Startschwierigkeiten: All das und viel mehr in „König in Gelb“ – dem ersten „Tatort“ der neuen Saison …

Meine Damen und Herren, nach etlichen Monaten der moderaten „Tatort“-Wiederholungen ist die längste Sommerpause der Reihe endlich vorbei und den Einstand für die neue Saison gibt dieses Jahr Ermittlerin Lindholm – gespielt von Maria Furtwängler, die am Erscheinungstag der Episode „König in Gelb“ ihren 60. Geburtstag feiert. Zumindest, wenn man den klassischen „Tatort“-Tag bedenkt, denn neuerdings kann man die neuen Episoden auch schon ab Freitag in der Mediathek streamen.
Inmitten all dieser Neuerungen gerät aber fast eine ganz andere Frage in Vergessenheit: Gelingt dem „Tatort“ der Start in die neue Saison oder hat man es hier mit dem durchschnittlichsten Geburtstagsgeschenk aller Zeiten zu tun?
„König in Gelb“: Worum geht es im „Tatort“ heute?
Ermittlerin Lindholm (Maria Furtwängler) verschlägt es in ein Demenzdorf, einen Ort, wo Personen mit ebenjener Krankheit gemeinschaftlich leben, um dort den Mord an einer Bewohnerin aufzuklären. Für sie wirkt es zunächst wie ein Unfall, doch als Ermittler Vogel (Andreas Lust) ins Büro platzt und den Mordfall in Relation zu einem Serienkiller sieht, beginnt sie, sich tiefer in die Ermittlungen zu stürzen, und fängt an, den Demenzkranken Herrn König (Thomas Thieme) ins Visier zu nehmen. Doch mit voranschreitender Zeit beginnt sie zunehmend mehr an ihrer eigenen Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln.
„König in Gelb“: Immerhin wird mal wieder ermittelt
Nachdem zuletzt doch eher die privaten Probleme der Ermittler in den „Tatort“-Wiederholungen im Fokus der Handlung standen, kann man sich schon glücklich schätzen, dass Ermittlerin Lindholm überhaupt kein Privatleben hat – so zwingt man die Hauptfigur tatsächlich, einen Krimi aufzulösen.
Leider ist das Problem, dass der eigentliche Kriminalfall nicht unbedingt originell ist. Alle Wendungen sind die, die man erwartet, und alle Dinge, die in einem Krimi passieren, werden passieren. Aber Vorhersehbarkeit ist noch eines der geringeren Übel im „Tatort“, denn es stellt sich auch immer die Frage, ob und was die jeweilige Geschichte mitbringt. Spoiler-Alarm: nicht viel.
Ein Horrorfilm für das ARD-Publikum
So viel man diese Woche bemängeln kann, muss man „König in Gelb“ immerhin eine Sache lassen: Er ist zielgruppengerecht. Das doch eher etwas betagtere ARD-Publikum bekommt hier einen „Tatort“ aufgeboten, der zwar nicht versucht, über Demenz aufzuklären, aber immerhin auf Demenz aufmerksam zu machen. Obwohl man stellenweise den Vorwurf nicht von sich weisen kann, dass man vielleicht sogar eher Angst vor Demenz macht.
Und das ist, gelinde gesagt, etwas unfair, denn man kann Demenz zwar vorbeugen, aber ob man daran erkrankt, obliegt ja nicht den daran Erkrankten. Entsprechend absurd ist es, wenn alle Charaktere kontinuierlich sagen, wie furchtbar Demenz sei und dass man sie in manchen Fällen bitte erschießen sollte, wenn es so weit kommt. Letzterer Wortlaut stammt übrigens von Kathrin Ackermann, Maria Furtwänglers Mutter, die auch im „Tatort“ die Mutter der Ermittlerin spielt und im Vorfeld als große Rückkehrerin angekündigt wurde – aber ehrlich gesagt nicht mehr als ein glorifizierter Cameo ist.
Kurzum gesagt: Man zeichnet in einer ohnehin getrübten Gesellschaft ein angsteinflößendes und hoffnungsloses Bild von Demenz, das keine wirklichen Lösungsansätze bietet, die darüber hinausgehen, die Erkrankten ins Heim zu schicken. Da dürfte sich selbst das ARD-Durchschnittspublikum verarscht vorkommen. Wo ich mir hingegen verarscht vorkomme …
Verallgemeinerungen und KI: Was zur Hölle ist hier eigentlich los?
KI im „Tatort“ ist nichts Neues – zumindest, wenn man den Blick auf vorherige Fälle wirft. Im furchtbaren Kieler Fall „Borowski und das ewige Meer“ durfte sich Axel Milberg zum Beispiel mit einer künstlichen Intelligenz herumärgern. Doch ich war schon etwas erstaunt, als zu Beginn der Episode die fast übersehbare Einblendung auftauchte, dass der Fall mit der Unterstützung von KI produziert worden sei. Mir wurde zwar seitens des NDR zugesichert, dass es sich hierbei nur um Inhalte handeln würde, die früher in Photoshop erstellt worden wären, aber früher oder später fragt man sich, wo man hier die Grenze zieht.
Wo man definitiv eine Grenze ziehen sollte, ist bei manchen Äußerungen, die in „König in Gelb“ fallen. So telefoniert Lindholm in einer Szene mit einem ehemaligen Kollegen des mutmaßlichen Täters und dieser ist der Traum einer jeden Person, die Videos für politisch korrekten Umgang am Arbeitsplatz erstellt. So fallen in dieser kurzen Szene Sätze wie „Darf man das noch sagen oder ist das eine Belästigung?“ oder „Jeder Asylant darf zehnmal sein Geschlecht ändern (…)“ und ich sitze ratlos da. Denn wenn man sich über solche inkorrekten Personen lustig machen möchte, dann herzlichen Glückwunsch: Klischeehafter und ungelenker geht es gar nicht mehr. Und wenn man sich nur über alle lustig machen möchte, die einen politisch korrekten Umgang ernst nehmen, dann geht die Intention etwas baden, denn diese Personen schauen sicherlich nicht den „Tatort“.
„König in Gelb“: Geburtstagsgeschenke sehen anders aus
Also ein gutes Geburtstagsgeschenk ist „König in Gelb“ wirklich nicht – weder für das Publikum noch für Maria Furtwängler. Jetzt muss man aber auch offen zugeben, dass die wenigsten Personen aktiv an ihrem eigenen Geburtstagsgeschenk beteiligt sind.
Was am Ende des Tages bleibt, ist ein „Tatort“, der einen mit einem mulmigen Gefühl auf die kommende Saison zurücklässt. Zwar ist der Fall nicht so hanebüchen wie der letztjährige Einstand aus Franken, aber dafür bringt man ganz andere Kinderkrankheiten mit. Was aber gesagt sei: Das liegt weniger an den Darstellerinnen und Darstellern, sondern viel eher am restlichen Gesamtpaket. Aber was rede ich mir hier den Mund fusselig? Die „Neuerungen“ werden doch eh wieder genügend Personen vor den Bildschirm locken …






