„Tatort“ heute: Zwischen Müll und Tränen – Kritik zum Dresdner Fall „Was ihr nicht seht“
Der heutige „Tatort“-Beitrag aus Dresden will auf allen Partys gleichzeitig tanzen – hat aber leider gar kein Rhythmusgefühl. Warum „Was ihr nicht seht“ nicht gesehen werden muss …

Eine knappe Stunde: So lange dauert es, bis die „Tatort“-Wiederholung „Was ihr nicht seht“ endlich offenbart, wovon sie eigentlich erzählen möchte. Inmitten der Hitzewelle fährt das Team aus Dresden einen Fall auf, der ewig braucht, sein Potenzial zu entfalten – und auf dem Weg dahin vieles davon verschenkt. Was sind die vielen, vielen Probleme von „Was ihr nicht seht“?
„Was ihr nicht seht“: Wovon handelt der „Tatort“ heute?
Sarah Monet (Deniz Orta) steht völlig neben sich und bricht schlussendlich blutverschmiert im Treppenhaus zusammen. Eine polizeiliche Untersuchung der Wohnung offenbart ihren toten Freund, der noch im Bett liegt. Sofort wollen sich Gorniak (Karin Hanczewski) und Winkler (Cornelia Gröschel) an die Ermittlungen machen, aber Winkler ist leider befangen, da sie mit Monet befreundet ist.
Als der Ermittlerin ihre Freundin abhandenkommt, fehlt die einzige Mordverdächtige. Zumindest scheint es so, bis Winkler, Gorniak und Schnabel (Martin Brambach) eine Serientat entdecken, die mit K.-o.-Tropfen und seriellen Sexualdelikten zusammenhängen könnte.
Von A nach B zu Z bis K: Der „Tatort“ wartet mit einem verworrenen Drehbuch auf
Zu viele Köche versalzen bekanntlich die Suppe, und das beweist „Was ihr nicht seht“ in der ersten Stunde gekonnt. Insgesamt drei Personen sollen an dem Drehbuch für diesen Fall herumgedoktert haben, und zugegeben spiegelt das auch in etwa das Seherlebnis wider.
Tendenziell möchte man die Sendezeit nutzen, um auf Themen wie K.-o.-Tropfen aufmerksam zu machen. Jedoch braucht der Fall unsäglich lange, bis wir an diesem Punkt ankommen. Der gesamte Vorbau rund um Winkler, die versucht, ihre Freundin zu schützen, dient per se nur der Figurenzeichnung – einer Figurenzeichnung, die dieser Fall aber gar nicht benötigt. Schnabel, Winkler und Gorniak präsentieren sich hier bereits als eingespieltes Team. Das zeigen vor allem die Dialoge im Büro.
Natürlich braucht eine Geschichte gelegentlich Luft zum Atmen, um ihre wahre Wirkung entfalten zu können, aber in diesem Fall fühlt es sich eher so an, als hätte man die eigentliche Thematik, die man ansprechen wollte, etwas anreichern müssen, weil die Lauflänge sonst zu kurz gewesen wäre.
Damit bleibt eine letzte halbe Stunde, die sich zwar gut ansehen lässt, aber per se auch ein großes Problem mitbringt.
„Tatort“ und „Polizeiruf“ lassen grüßen: „Was ihr nicht seht“ wirkt inspirationslos
Auch wenn ich nicht der größte Borowski-Fan bin, muss ich ihn einmal als positives Beispiel aufs Schlachtfeld dieser „Tatort“-Kritik schicken. In dem Publikumsliebling „Borowski und der stille Gast“ aus dem Jahr 2012 hat es der Kultermittler mit dem titelgebenden stillen Gast (Lars Eidinger) zu tun, der Frauen in ihren eigenen Wohnungen stalkt.
Der Täter in „Was ihr nicht seht“ handhabt das ganz ähnlich, jedoch gesellt sich eine sexuell übergriffige Komponente hinzu. Das ist per se aber auch nicht relevant, denn das, was ich eigentlich sagen möchte, ist, dass „Borowski und der stille Gast“ um die Spannung seiner Ausgangslage wusste und es vermochte, 90 Minuten Lauflänge mit der Prämisse zu füllen. Somit wirkt „Was ihr nicht seht“ wie die aufgekochte Version eines Klassikerfalls, der nicht viel eigene Identität mitbringt.
Und damit möchte ich nicht sagen, dass Ideen im „Tatort“- und „Polizeiruf“-Kosmos einzigartig sein sollten. Denn ein Fall, der in dasselbe Subgenre der Krimireihen fällt, ist der letzte Hallenser „Polizeiruf: Der Wanderer zieht von Dannen“. Dieser hatte sich auch mit einer ähnlichen Thematik auseinandergesetzt, jedoch die Ausgangslage genommen und daraus etwas komplett Eigenes gemacht. Ein Umstand, den ich mir von „Was ihr nicht seht“ auch wünschen würde.
Immerhin passt die Chemie: Dresden bleibt eingespielt
Schnabel, Winkler, Gorniak – das passt. Auch wenn das Dresdner Team mittlerweile ohne Gorniak ermittelt, ist der Ableger des „Tatorts“ immer noch einer mit den nachvollziehbarsten beziehungsweise selbstverwirklichtesten Figuren.
Dass man davon in „Was ihr nicht seht“ Gebrauch machen wollte, sieht man. Die Figuren sind eingespielt, aber der Versuch, ihre Persönlichkeiten in die Handlung einzubinden, klappt nicht wirklich. Als direkter Vergleich fällt da die letztjährige Dresdner Sommerpausen-Wiederholung „Katz und Maus“ ins Gedächtnis, in der man sehr gut verstand, wie man einen Fall für die Figuren personalisieren kann.
Die ganze Figurenarbeit, die man hier aber mit Winkler versucht, führt vollends ins Leere. Das Einzige, womit die Figur am Ende der Geschichte herausgeht, ist noch mehr Weltschmerz – und davon hatte sie definitiv schon vorher genug. Gleichzeitig fällt auf, dass man nicht wusste, wie man Gorniak und Schnabel in diese Geschichte einbauen sollte. Sie sind einfach nur da, um ihren Job zu machen, aber Polizeiarbeit ist nicht immer so spannend, wie sie aussieht.
„Was ihr nicht seht“ muss man nicht sehen: Keine Empfehlung für den „Tatort“ heute
Vielleicht ist die Aussage „keine Empfehlung“ nicht vollends korrekt. Prinzipiell kann man sich „Was ihr nicht seht“ schon anschauen, jedoch nur die letzte halbe Stunde. Ich weiß nicht, ob bis dahin etwas Brauchbareres im Fernsehen läuft, aber wer bis 21:15 Uhr nicht eingenickt ist, dürfte voraussichtlich auf seine oder ihre Kosten kommen. Andererseits gilt natürlich: „Was ihr nicht seht“, könnt ihr auch ruhig verpassen.









