Das Kinopublikum vs. Langeweile – Kritik zu „Coyote vs. ACME“
Wenn der Skandal rund um einen Film spannender als das Endprodukt ist, dann weiß man, dass im Kino Langeweile vorprogrammiert ist. Was steht „Coyote vs. ACME“ im Weg?

Prinzipiell dürfte ein jeder und eine jede diesen einen Freund oder diese eine Freundin kennen, der oder die seit Jahrzehnten denselben Witz reißt. Der Witz ist zwar nicht aus der Zeit gefallen, aber Jahre des Materialverschleißes haben dafür gesorgt, dass man nicht mehr über ebenjenen Witz lachen kann. Da einem die Freundschaft am Herzen liegt, man aber auch ehrlich sein möchte, weist man die Person darauf hin. Und besagte Person nimmt die Kritik an und versucht, den Witz etwas auszuschmücken, um ihn frischer wirken zu lassen. Aber gerade der Versuch des Auffrischens offenbart erst, dass die Luft trotz Frischzellenkur raus ist.
Diese Mentalität trifft in etwa auf meinen guten Freund Wile E. Coyote zu, der seit 1949 (!) versucht, den Road Runner zu erwischen. Dass dieser Schuh langsam alt wird, hat man auch in „Coyote vs. ACME“ gemerkt und dem Kojoten nicht nur Raketenschuhe, sondern auch ein eigenes Kinoabenteuer à la „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ spendiert. Leider ist dieses zu keiner Sekunde so gut wie die vielen weiteren Vertreter der Live-Action-Animationsfilm-Hybride …
Worum geht es in „Coyote vs. ACME“?

Wile E. Coyote (gespielt von Wile E. Coyote) macht tagtäglich Jagd auf den Road Runner (gespielt vom Road Runner), um ihn zu verspeisen. Doch all seine Pläne, die stets Produkte der ACME-Corporation, einem globalen Milliardenunternehmen, beinhalten, gehen schief. Als der Kojote dann über die Fernsehwerbung eines Anwalts (Will Forte) stolpert, entschließt er sich, die ACME-Corporation zu verklagen – zum großen Unmut des Firmenanwalts (John Cena) und seines Chefs Foghorn Leghorn. Inmitten des Gerichtsstreits tun sich große Fragen auf: Wieso funktionieren Produkte von ACME nie? Hat hier jemand alternative Motive? Und welche Rolle spielt eigentlich der Road Runner in diesem Unterfangen?
Gehört „Coyote vs. ACME“ wirklich ins Kino?
Per se ist diese Frage etwas gemein, denn tendenziell sollte jeder Film – solange nicht moralisch verwerflich oder inhaltlich fragwürdig – die Chance bekommen, im Kino gezeigt zu werden. Doch bei „Coyote vs. ACME“ muss man sich diese Frage wohl oder übel stellen, denn der Skandal, der den Film umgibt, setzt eine Beantwortung gewissermaßen voraus.
2023 strich Warner Bros. den Kinostart von „Coyote vs. ACME“ und dachte kurzzeitig sogar darüber nach, den Film so wie „Batgirl“ zu einer Steuerabschreibung zu machen. Man hatte kein Vertrauen darin, dass der Film finanziell erfolgreich sein könnte – was zu Recht die Frage aufwirft, warum man ihn dann überhaupt produziert hat. Doch allgemeiner Unmut sorgte dafür, dass Warner den Traum der Steuerabschreibung abschreiben musste, und man bot ihn stattdessen zum Verkauf an. Ketchup Entertainment bekam den Zuschlag und darf den Film nun weltweit vertreiben. Aber ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, warum der Film von Warner nicht direkt auf HBO Max verbannt wurde und im Vorfeld eine limitierte Kinoausstrahlung bekommen hat, denn auf einem Streamer wäre der Film wohl viel besser aufgehoben. Und bevor jetzt allgemeiner Unmut gegen mich aufkommt, möchte ich das einmal einordnen …
Schöner könnte es gar nicht sein – oder etwa doch?
„Coyote vs. ACME“ bedient eigentlich die Schiene des mittelbudgetierten Films, den man kaum noch im Kino sieht. Was diesen Filmen manchmal im Weg steht, ist, dass sie optisch nicht so viel hermachen wie ihre großen Brüder – und diesem Vorwurf kann sich „Coyote vs. ACME“ nicht wirklich entziehen.
Während des Schauens dachte ich mir immer wieder, wie viel besser „Looney Tunes: Back in Action“ aussah, und der Film erschien im Jahr 2003. Aber selbst modernere Vertreter wie „Chip und Chap: Die Ritter des Rechts“ von 2022 machen optisch mehr her und nutzen die spielerischen Freiheiten des Animations-Real-Hybrids viel mehr. Immer dann, wenn man es mit aufwendigen Animationen zu tun hat, sehen Wile, der Road Runner, Daffy und Bugs gar nicht schlecht aus, aber hat man es mit einer ruhigeren Szene zu tun – und davon gibt es eine Menge –, dann habe ich nicht wirklich das Gefühl, dass man ausnutzt, mit den Vorzügen des Animationskinos zu spielen.
Und das ist ärgerlich, denn damit bleibt nur noch die Geschichte zurück, bei der ich mir auch etwas unsicher bin, an wen sie sich eigentlich richtet.
Kinder und Erwachsene, vereint euch in der Langeweile!
Wie jeder weiß, lieben Kinder Gerichtsdramen. Erst neulich erzählte mir ein kleiner Junge in der Bahn, dass sein Lieblingsfilm „Erin Brockovich“ ist. Umso besser, dass alle Kinder nun ihre liebsten Looney-Tunes-Charaktere vor Gericht sehen dürfen.
Selbstverständlich müssen sich Animationsfilme nicht primär an Kinder richten – die besten Animationsfilme haben sowohl etwas für die Kleinsten als auch für die Größten parat –, doch wäre ich nicht deprimierende 25 Jahre, sondern eher 10 Jahre alt, dann wäre ich wahrscheinlich etwas unterwältigt aus dem Kino gestolpert. Jetzt war ich schon immer etwas zynisch veranlagt, aber „Coyote vs. ACME“ gelingt die Gratwanderung … pardon, Canyon-Wanderung nie. Erwachsene bekommen einen Film, der nicht unbedingt im renommierten Gerichtsdrama-Genre mitspielen kann, und Kinder bekommen Looney-Tunes-Witze, die redundant wirken. Somit gewinnt niemand – weder im Gerichtssaal noch im Publikum.
Das Urteil ist gefallen: „Coyote vs. ACME“ ist heiße Luft
Nach langer Beratungszeit sind die Geschworenen (mein Kollege Tjark Lorenzen und ich) zu einem Urteil gekommen: „Coyote vs. ACME“ hat sein Herz am richtigen Fleck, doch das reicht nicht aus, um ihm vollends seine öden Angewohnheiten zu verzeihen. Wir wollen es den Looney Tunes nicht verbieten, auch in Zukunft weiterhin im Kino aufzutauchen, aber es wäre wahrscheinlich ein durchaus besserer Ansatz, würden sich zukünftige Geschichten wieder auf Daffy Duck fokussieren.
Außerdem wird die „Animation is cinema“-Gruppierung infrage gestellt, die immer laut danach bettelt, dass Filme im Kino stattfinden sollen, aber dann nie auftaucht, wenn es (finanziell) wirklich darauf ankommt.
Zuletzt: Sollte irgendjemand der festen Überzeugung sein, dass der Road Runner anstelle von „Meep Meep“ „Beep Beep“ sagt, möchten die Geschworenen festhalten, dass diese Personen die Looney Tunes auf einer fundamentalen Ebene nicht verstanden haben.






