Wenn der Krankenwagen heult, wird die Fresse zerbeult – Kritik zu „Runner“
Geht nicht ins Kino, sondern „runnt“: Entgegen allen Erwartungen ist „Runner“ eines der Action-Highlights des Jahres …

Kennen Sie das? Sie schauen einen Film im Kino und haben kaum bis gar keine Erwartungen und fühlen sich in den ersten fünf Minuten in diesem Verhalten bestätigt. Doch dann passieren die restlichen 85 Minuten und Sie können gar nicht glauben, was Sie dort gesehen haben. Als perfektes Beispiel für dieses Gefühl dient der Actionfilm „Runner“, der auf den ersten Blick recht unspektakulär wirkt, sich aber schnell als kleiner Geheimtipp entpuppt. Was den Film so faszinierend macht …
„Runner“: Worum geht es in dem Actionfilm?

Hank Malone (Alan Ritchson) ist ein zurückgezogener Lieferant fürs Grobe, der nahezu alles transportiert. Nach einem harten Tag voller frustrierender Odd-Jobs möchte er eigentlich nur seine Mittagspause genießen, doch sein Chef offenbart ihm, dass eine Lieferung der besonderen Art hereingekommen ist: Hank soll eine Leber innerhalb von drei Stunden in ein Krankenhaus bringen, um das Leben eines im Sterben liegenden Mädchens zu retten. Jedoch gibt es zwei Probleme: Die Leber kommt in Begleitung der Quasselstrippe Ben Bishop (Owen Wilson) und ein Haufen Söldner hat es ebenfalls auf die Leber abgesehen. Nun liegt es an Hank, dafür zu sorgen, dass die Leber wohlbehalten ihr Ziel erreicht.
Die Vorboten waren alle da, aber sie wurden gekonnt umfahren
Um transparent zu sein: „Runner“ ist natürlich kein filmisches Meisterwerk, sondern eher ein B-Movie, aber ein sehr gelungener B-Movie. Regisseur Scott Waugh, der zuvor „Need for Speed“ inszenierte, hat augenscheinlich ein Auge für gelungene Action, denn vor allem ein Longtake in einem Krankenwagen lässt sprachlos und mit schwitzigen Händen zurück.
Und schwitzige Hände sind ein Symptom, das man im heutigen Action-Kino nicht mehr häufig erleben darf. Umso überraschender ist die brachiale sowie brutale Action aber, weil es genügend Vorboten gab, die darauf schließen ließen, dass „Runner“ eigentlich schiefgehen müsste. Mittlerweile gibt es genügend Filme, bei denen ein bis zwei Stars gecastet werden, die man in billige Locations stellt, um schnell irgendetwas zu drehen, was es auf jeden Fall schon gab. So wirkt „Runner“ auf den ersten Blick – insbesondere, wenn man dann noch bedenkt, dass der Film in den USA von den christlich verankerten Angel Studios vertrieben wird. Aber christliche Symbolik sucht man in „Runner“ weit und breit und die wirklich beeindruckende Action ist Existenzberechtigung genug. Und als wäre das nicht schon belohnend genug, bekommt man dann noch Owen Wilson serviert.
Ein seltsames Paar oder: „Runner Runner“

„Runner“ schafft auch in einer anderen Hinsicht jegliche Skepsis aus den Köpfen der Zuschauer und Zuschauerinnen. Anfänglich wirken Owen Wilson und Alan Ritchson wie ein Duo, das definitiv nicht gemeinsam auf die Kinoleinwand gehört, aber sobald Wilson zum ersten Mal seit Jahrzehnten seinen Charme wieder auspackt, merkt man, dass zwischen den beiden doch eine gewisse Spielfreude existiert.
Gemeinsam prügeln, verstecken und witzeln sich die beiden durch einen sehr kurzweiligen Film und lassen das Publikum am Ende mit dem Wunsch zurück, sie doch häufiger im Doppel sehen zu dürfen. Das Kernstück sind aber gar nicht die spannenden Momente, sondern viel eher jene, in denen sich Bishop und Malone einfach nur über die Vergangenheit des Letzteren unterhalten. Dabei rangieren die Momente stets von komisch bis tragisch und kreieren somit eine Art Dissonanz.
B steht für B-Movie – und für Budget
Die Problematik mit billigeren Produktionen ist auch immer wieder, dass sie trotz großer Ambitionen billig aussehen – ein Vorwurf, den auch „Runner“ nicht von sich weisen kann. Es scheint so, als wäre das meiste Budget in die Action geflossen, denn die restlichen Sets und Locations sehen teilweise billig und nicht wirklich cinematisch aus. Es wurde zwar viel vor Ort gedreht, was ein durchaus ehrbares Unterfangen ist, jedoch sehen viele Momente eher aus, als würde man den Beginn eines Softpornos schauen. Auch Sets wie das Krankenhaus werden zwar vollends zerlegt, aber es wirkt eher so, als hätte man die Resterampe des „Scrubs“-Archivs verwenden dürfen.
Der restliche Happen des Budgets ist voraussichtlich in die Gagen von Alan Ritchson und Owen Wilson geflossen, denn abgesehen von den beiden Darstellern ist der Rest des Casts eher laienhaft unterwegs. Rodrigo Santoros Bösewicht ist zwar nett anzusehen, verliert sich aber häufiger im frustrierenden Overacting. Auch Vincent D’Onofrios Tochter Leila George versucht ihr Bestes, aber sonderlich charismatisch oder erinnerungswürdig ist ihre Leistung nicht. Viele dieser Kritikpunkte ziehen sich auch durch den Rest der Besetzung.
„Runner“: Eine der größten Überraschungen des Jahres
Vielleicht bin ich dieses Jahr extrem geschmacksverirrt, aber nachdem mich bereits „Mercy“ dieses Jahr mehr als überrascht hat, ist „Runner“ nun der zweite Kandidat unter den Filmen, die ich wahrscheinlich lieber mag als der Rest der Kritikerbubble. Aber das ist gewissermaßen auch egal, denn am Ende des Tages ist ja ein jeder seines eigenen Glückes Schmied.
Wer einen kurzweiligen, spaßigen Film sehen möchte, sollte mit „Runner“ perfekt bedient werden. Und wer irgendetwas Tiefgründigeres oder Anspruchsvolleres braucht, schaut einfach irgendetwas anderes.









