Hier ist kein Wurm drin!

„Tatort“ heute in der ARD: „Letzte Ernte“ aus Hannover diesmal ohne „Black Panther“-Star

Diese Woche wird der „Tatort“ gemütlich – und das trotz Pestizid-Verschwörungen, fehlenden Köpfen und Enthauptungen …

Ermittlerin Lindholm steht mit mehreren Personen auf einer Apfelplantage.
Ermittlerin Lindholm (rechts) beißt in den sauren Apfel: „Letzte Ernte“ ist ein Kriminalfall der anderen Sorte. Foto: NDR/Christine Schroeder

Nach einem wirklich desaströsen „Polizeiruf“ liegt nun die große Last, besser zu sein, auf dem dieswöchigen „Tatort“. „Letzte Ernte“ aus Hannover, oder eher Norddeutschland, ist ein wirklich schöner Fall, der perfekt zum taubtrüben Herbstwetter passt.

„Letzte Ernte“: Warum ist Ermittlerin Lindholm im Alten Land?

Inmitten von Weiten an blutroten Äpfeln findet ein blutrünstiges Verbrechen statt. Ein rumänischer Aushilfsbauer namens Victor (Greg Stosch) wird enthauptet auf einer Apfelplantage gefunden. Während die komplette ländliche Bevölkerung, inklusive des örtlichen Polizisten Olaf (Ole Fischer), fest daran glaubt, dass es sich dabei um einen Unfall handelt, ist LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) der festen Ansicht, dass Victor ermordet wurde. Grund genug für Lindholm, vorerst im Alten Land zu bleiben, um herauszufinden, wer oder was wirklich hinter dieser Schandtat steckt …

„Letzte Ernte“: Wie „Die Nordreportage“ – nur mit etwas mehr Blut

Augenscheinlich scheinen in diesen „Tatortnicht nur Rundfunkgebühren, sondern auch touristische Gelder geflossen zu sein, denn selten sah ein Kriminalfall aus Norddeutschland einladender aus. Kameraspielereien sucht man hier weit und breit vergeblich, aber immerhin hatte hier jemand Augen für schöne Bilder: Apfelplantagen, so weit das Auge reicht, ein kleiner Leuchtturm auf einem Deich und alte Hofhäuser. Da vergisst man schnell, dass man eigentlich einen Kriminalfall schaut, denn hier wirkt alles schon fast dokumentarisch – nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich …

„Letzte Ernte“: Selten waren Äpfel und Spritzprotokolle interessanter

Der heutige „Tatort“ wirkt schon eher wie eine Special-Interest-Reportage. Wer vor „Letzte Ernte“ nichts über Äpfel weiß, wird spätestens um 21:45 Uhr um einiges schlauer sein. Normalerweise nervt es, wenn der „Tatort“ die Haltung des schulmeisterlichen Lehrers einnimmt, aber selten hat man lieber etwas über Äpfel gelernt. Die Intrigen, die hier rund um die Frage „Wie lang ein Bio-Apfel ein Bio-Apfel ist“ gesponnen werden, sind stets lehrreich und informativ. Aber so spannend Äpfel, Apfelplantagen und Spitzkontrollen sind, ergibt sich ein Problem:

„Letzte Ernte“: Informell, aber nicht wirklich kriminell

Es ist schon etwas seltsam: Der „Tatort“ fängt mit einer Enthauptung und einem fehlenden Kopf an und wird danach vollends handzahm – ein Umstand, der weder gut noch schlecht ist. Stattdessen bekommt man einen sehr klassischen Kriminalfall, der eher an „Knives Out“ (2019) oder den Nachfolger „Glass Onion“ (2022) erinnert. Statt großer Schusswechsel, Verfolgungsjagden und Ermittlerdrama steht Ermittlerin Lindholm irgendwann in der Mitte einer Scheune und arbeitet die letzten 90 Minuten wie Hercule Poirot oder Benoit Blanc auf. Das ist zwar etwas quatschig, denn „Letzte Ernte“ ist inhaltlich sicher nicht auf dem hohen Niveau, auf dem sich die vorgenannten Detektive bewegen, aber immerhin experimenteller als das, was in den letzten paar Wochen stattgefunden hat.

„Letzte Ernte“: Ein Lichtblick am düsteren „Tatort“-Himmel

Das Kernstück von „Letzte Ernte“ sind seine Figuren – und viele, viele Äpfel. Statt irgendwelchen unzusammenhängenden Mist zu erzählen, wurde der Fokus darauf gelegt, dass die erzählte Geschichte von hinten bis vorne stimmt und gleichzeitig stimmig ist. Gleichzeitig wird bewiesen, dass Ermittlerin Lindholm keine Hampel um sich braucht, um einen Kriminalfall zu tragen. Das macht hoffnungsvoll. Hoffnungsvoll, dass die nächsten „Tatort“-Fälle der Saison nicht weit vom Stamm fallen – so wie die roten Äpfel aus „Letzte Ernte“.