Tatütata

Kein „Tatort“: Ist der „Polizeiruf“ heute mit der Folge „Tu es!“ aus Rostock ein würdiger Ersatz?

Zeit 110 zu wählen, denn anstelle eines „Tatort“ wird diese Woche ein „Polizeiruf“ aus Rostock gezeigt. Doch schlummert zwischen sanften Jazz-Melodien und „This is the Life“ von Amy McDonald auch ein guter Fall?

Böwe, eine verletze Frau und König stehen bzw. sitzen teils auf einer Straße.
Der „Polizeiruf“ aus Rostock bleibt seinen Wurzeln treu: Er ist langweilig, überfüllt und voller Pathos. Foto: NDR/Boris Laewen

Eigentlich hatte der Tatort“ nach der Sommerpause etwas Rhythmus gefunden, aber der wird diese Woche mit einem „Polizeiruf“ aufgebrochen. Diese Woche wartet auf alle Krimi-Fans ein Fall aus Rostock – der kaum austauschbarer sein könnte …

„Tu es!“: Handlung

Die Ermittlerinnen König (Anneke Kim Sarnau) und Böwe (Lina Beckmann) haben es wieder mit einem echten Brocken zu tun: Ein junger Mann (Karl Seibt) sticht eine Managerin (Nora Moltzen) auf offener Straße ab. Anschließend begeht der junge Mann Selbstmord. Im Nachhinein findet man auf dem Handy des Täters eine Nachricht des Lehrers Felix Lange (Sebastian Jakob Doppelbauer). Die Worte der Nachricht: „Tu es!“ Und Felix Lange ist König und Böwe kein Unbekannter, denn vier Wochen zuvor war er bereits Verdächtiger in dem Selbstmord der 19-jährigen Lara (Samara Fry). Doch was macht Felix Lange überhaupt verdächtig und hängen diese beiden Fälle wirklich zusammen?

„Tu es!“: Komm zum Punkt!

„Tu es!“ bringt dieselben Probleme mit, die der vorherige Fall „Böse geboren“ bereits vor einigen Monaten mitgebracht hat. Wie in einer Sitcom gibt es mehrere Plots, die abwechselnd stattfinden – und keine dieser Geschichten ist interessant. Das fängt bei Böwes familiären Drama an, das bereits in „Böse geboren“ breitgetreten wurde. Dazwischen werden immer Szenen gestreut, die den augenscheinlichen Täter Felix Lange vermenschlichen sollen. Und um das narrative Sandwich zu schließen, bekommt man zum Schluss wieder familiäres Drama aus der Richtung Königs.

Als kleinen Nachschlag wird einem dann noch das Drama eines anderen Ermittlers erzählt, der angeschossen wurde. Hier ist viel zu viel los, aber es passiert zu wenig. Wenn man nicht genügend Stoff hat, um einen „Polizeiruf“ zu erzählen, dann kann man sich das Füllmaterial sparen und es gleich sein lassen.

„Tu es!“: Make Your Own Kind of Music – aber benutze sie richtig!

Man soll mich jetzt nicht falsch verstehen: Es gibt kaum etwas Cooleres, als Needle drops – also das Einspielen von meist lizenzierter Musik in Film- oder Serienszenen. Diesen Gedanken scheint man auch beim „Polizeiruf“ nachvollziehen zu können, aber es gibt ein Problem: Man hat scheinbar noch nicht ganz verstanden, wie man einen Needle drop anwendet.

Es dudelt verhältnismäßig viel Lizenzmusik (drei bis vier Songs) durch diesen „Polizeiruf“, aber an keiner Stelle passt diese wirklich. Wenn Böwe im Schatten der Dunkelheit allein in ihrem Auto sitzt und tieftraurig zu „This is the Life“ von Amy MacDonald mitsingt, dann versteht man, was man bewirken will (Trauer bei den Zusehenden forcieren), aber „This is the Life“ spiegelt eine andere Art von Trauer wider, als die, die Böwe empfindet.

Ein weiterer Needledrop, der einfach nur verwirrt, ist Frank Sinatras „That’s Life“. In der Szene, in der der Song einspielt, läuft ein Mann mit einer Bombenweste durch eine Schule und dieser Kontrast von einem friedlichen Ort, der von etwas Furchtbarem heimgesucht werden könnte, passt zu dieser ironischen Songwahl. Die Problematik hier ist nur, dass es nicht würdig inszeniert wird. „That’s Life“ ist ein Song mit majestätischer Energie, aber Inszenierung kriegt es nicht hin, die majestätische Energie auf die Person zu übertragen – und das, obwohl besagte Person eine Bombenweste trägt.

Zuletzt wären da noch Needledrops, die einfach zu häufig getätigt wurden: Wenn man zwei Leute im Bett nach dem Beischlaf sieht, dann kann man so viele Schmusesongs spielen. Warum muss man sich dann ausgerechnet für „Put Your Head On My Shoulder“ von Paul Anka entscheiden?

„Tu es!“: Technik, die (nie) begeistert

Dabei ist dieser „Polizeiruf“ allgemein sehr filmisch inspiriert. Wenn Felix Lange am Anfang lacht und darüber der Titel eingeblendet wird, erinnert das sehr an „Smile“ (2022).

Wenn Felix Lange einen langen Monolog über die „Gesellschaft“ hält, erinnert das sehr an Edward Nortons Monolog aus „25th Hour“ (2002) … nur mit dem Unterschied, dass das Wort „Fuck“ durch „Scheiß auf …“ ersetzt wurde – und, dass Doppelbauer nicht mal ansatzweise an Edward Norton herankommt.

Und wer glaubt, dass Needledrops, die schon sehr Tarantino-esque verortet sind, an den gleichnamigen Kultregisseur erinnern, sollte definitiv auf die Crash-Zooms (schnelle Zooms auf Objekte oder Personen) achten.

Was bleibt sind Kopien großer Vorbilder – nur leider ist hier niemand Edward Norton, Quentin Tarantino oder wenigstens Parker Finn.

„Tu es!“: Im Klinsch mit dem Cringe

Und wo wir schon bei altbackenen Dingen wie Edward Norton oder Tarantino sind, warum werden Redewendungen von vor über fünf Jahren, wie „Okay, Boomer“ in dieses Drehbuch eingewoben? Das sagt niemand mehr – außer vielleicht Jan Boomermann … pardon, Böhmermann, wenn er krampfhaft versuchen möchte, die Leute daran zu erinnern, wofür eigentlich das „neo“ in ZDFneo steht.

Der restliche „Okay, Boomer“-Monolog ist aber nicht besser. Große Themen (Ukraine, Klimawandel, Rechtsruck) werden simpel heruntergebrochen und schon fast verharmlost. Allgemein haben wir es hier mit einem „Polizeiruf“ der Monologe zu tun: Abgesehen von Edward Norton Impressionen und Gesellschaftskritik mit veralteten Redewendungen, darf Ermittlerin fast eine gesamte Minute ihren Charakterbogen der letzten paar „Polizeirufe“ zusammenfassen – obwohl das Wort „Charakterbogen“ vielleicht schon etwas zu viel Lob wäre.  

„Tu es!“: Wenn die Aufforderung zum Abschalten schon im Titel steckt

Nach diesem „Polizeiruf“ dürften wahrscheinlich viele die 110 wählen, denn wie viel Zeit einem hier gestohlen wird, ist schon kriminell – von den Rundfunkgebühren, die dieses mittelmäßige Medley finanziert haben, mal ganz abgesehen. Deswegen ein gut gemeinter Rat:

Wer heute Abend einen guten Monolog sehen will, sollte tatsächlich „25th Hour“ sehen. Wer heute Abend gute Needledrops sehen will, wird nicht nur bei Tarantino, sondern auch bei Edgar Wright oder im deutschen Bereich zu bleiben auch bei Peter Thorwarth bedient. Wer heute Abend Leute grenzdebil (über Titeleinblendungen) grinsen sehen will, der dürfte bei „Smile“ oder „Weapons“ abgeholt werden. Und wer eine Sitcom sehen will, was der Rostocker „Polizeiruf“ so gerne wäre, der ist mit „Abbott Elementary“ fantastisch bedient …