„Tatort“ heute: Knüller mit Richy Müller – Kritik zum Stuttgarter Fall „Überlebe wenigstens bis morgen“
Diese Woche laufen die „Tatort“-Ermittlungen in Stuttgart: In „Überlebe wenigstens bis morgen“ hat sich eine junge Frau erhängt – oder etwa nicht? Unsere Kritik zum neuen Fall mit Lannert und Bootz liest du hier.

Einsamkeit macht sich breit: Der heutige „Tatort“ aus Stuttgart behandelt mit sozialer Isolation, Sehnsucht nach Nähe und Entfremdung viele wichtige Themen. Doch kann der neueste Kriminal-Streifen mit Richy Müller all diesen Themen gerecht werden oder verhebt man sich bei dem Versuch, einen Aktualitätsbezug herzustellen?
- „Überlebe wenigstens bis morgen“: Aber warum eigentlich?
- Das fehlende Gefälle gefällt: „Überlebe wenigstens bis morgen“ überzeugt auf schauspielerischer Ebene
- Schön anzusehen – von Anfang bis Ende: „Überlebe wenigstens bis morgen“ muss sich technisch nicht verstecken
- Switch Reloaded: Hier hört die technische Klasse in „Überlebe wenigstens bis morgen“ noch nicht auf
- Doppelt hält besser: Wie „Überlebe wenigstens bis morgen“ stets interessant bleibt
- Traurige Träume und noch traurigere Themen: Funktioniert der Aktualitätsbezug in „Überlebe wenigstens bis morgen“?
- Unser Fazit: „Überlebe wenigstens bis morgen“, damit du diesen „Tatort“ sehen kannst
„Überlebe wenigstens bis morgen“: Aber warum eigentlich?
Es ist eine riesige Sauerei: Seit einer nicht klar feststellbaren, aber dennoch viel zu langen Zeit findet man die Leiche der jungen Nelly Schlüter (Bayan Layla) in ihrer Wohnung wieder. Alles deutet auf einen Selbstmord hin – hat die junge Frau doch immerhin einen Strick um ihren Hals –, doch Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) trauen dem Braten nicht. Prompt klappern die beiden Kriminalisten den Bekannten- und Freundeskreis von Nelly ab – nur um festzustellen, dass viele der Bekannten keine engen Verhältnisse zu ihr pflegten und ihre Freunde sowie Freundinnen den Begriff Freundschaft auch eher als Hyperbel bezeichnen würden.

Das fehlende Gefälle gefällt: „Überlebe wenigstens bis morgen“ überzeugt auf schauspielerischer Ebene
Während letzte Woche im Freiburger Fall „Der Reini“ noch ein gewisses schauspielerisches Gefälle herrschte, hat man es hier in Stuttgart mit einem wirklich soliden Cast zu tun. Richy Müller und Felix Klare funktionieren als nahezu Duo mit Dauerlangweile so gut, dass man tatsächlich glauben könnte, dass die beiden seit fast 20 Jahren Beamte bei der Polizei sind. Aber im Gegensatz zu den meisten Kriminalkaspern der ARD spielen sie diese Langweile charismatisch – mal ganz abgesehen davon, dass Lannert und Bootz nicht zu einer Randnotiz wie die meisten Ermittler und Ermittlerinnen erklärt werden.
Und auch der Rest der Schauspielerriege begeistert. Es gibt keine Sekunde, in der man Bayan Layla nicht die einsame und verzweifelte Romantikerin sowie Tagträumerin abkaufen würde. Leonie Wesselow, die hier eine mysteriöse Frau spielt, ist ohnehin immer eine Bereicherung in allem, wo sie mitspielt.
Das einzige Gefälle findet man bei einem Mann, der einen Vermieter spielt. Das Problem liegt aber gar nicht am Schauspieler selbst, sondern eher beim Drehbuch. Klar, es gibt durchaus Vermieter, die dieser überzogenen Darstellung gerecht werden, aber niemand von ihnen würde die Sätze sagen, die diesem armen Schauspieler hier in den Mund gelegt wurden.
Schön anzusehen – von Anfang bis Ende: „Überlebe wenigstens bis morgen“ muss sich technisch nicht verstecken
Auch technisch überzeugt man hier auf ganzer Ebene. Schon die Eröffnung, die eine der Tagträumereien Nellys zeigt, ist schön zusammengeschnitten und mündet in einer sehr energiegeladenen Titeleinblendung – ein Umstand, der lobend hervorgehoben werden muss, denn das kennt man auch durchaus anders von der langlebigen TV-Krimi-Reihe.
Das wahre Herzstück ist aber die dynamische Kamera. Es heißt ja immer, dass die Kamera die Augen der Zuschauer und Zuschauerinnen lenken soll, und das findet hier durchaus statt. Einstellungen, wie Lannert und Bootz im Büro sitzen oder im Rahmen einer Befragung den Rest einer Treppe hochgehen, kann man statisch inszenieren … oder man macht es wie in „Überlebe wenigstens bis morgen“ und bewegt die Kamera minimal, aber nicht zu sehr. Dadurch verliert man den steifen Stil, den man sonst allzu häufig im „Tatort“ findet.
Switch Reloaded: Hier hört die technische Klasse in „Überlebe wenigstens bis morgen“ noch nicht auf
All das mündet in einer für „Tatort“-Verhältnisse wirklich ambitionierten Einstellung: In der Mitte sitzt ein Mann, der befragt wird; rechts neben ihm, etwas höher, stehen links und rechts Bootz und Lannert. Die Kamera schwenkt immer auf die jeweils sprechende Person – also höher und tiefer. Diese bahnbrechende technische Meisterleistung ist im „Tatort“ schon mehr als erwähnenswert, aber es kommt noch besser. Da Lannert und Bootz in dieser Szene mehrere Personen befragen, finden nahtlose Szenenübergänge statt. Sprich: Immer dann, wenn die Kamera runterschwenkt und die Frage einer anderen Person gilt, sitzt plötzlich eine andere Person als vorher da. Ein Mysterium, wie sich so etwas in einen herkömmlichen „Tatort“ schleichen konnte …
Doppelt hält besser: Wie „Überlebe wenigstens bis morgen“ stets interessant bleibt
Niemand kommt in diesem „Tatort“ zu kurz. Lannert und Bootz sind hier kontinuierlich präsent, weil zwischen ihre Ermittlungen kontinuierlich Szenen geschoben werden, die zeigen, was die beiden Ermittler gerade aufgedeckt haben. Diese „Flashbacks“ sind aber nie repetitiv, weil sich das Grauen, das sich Bootz und Lannert ergibt, dann erst ersichtlich wird – in etwa: „Tease, dann show“ statt „Show, don’t tell“.
Diese Erzählweise ist im „Tatort“ jetzt nichts Neues, aber das scheint „Überlebe wenigstens bis morgen“ auch zu wissen. So hören sich Lannert und Bootz in einer Szene zum Beispiel Tonaufnahmen von Nelly an und als das Duo bei einem Punkt ankommt, der für sie eine neue Perspektive auftut, spulen sie zurück – und dieselbe Szene, die man zuvor im Gegenschnitt gesehen hat, wird ein zweites Mal abgespielt. Das ist zwar nicht überragend, aber verspielt genug, um beim Ball zu halten.
Traurige Träume und noch traurigere Themen: Funktioniert der Aktualitätsbezug in „Überlebe wenigstens bis morgen“?
Wie bereits erwähnt, findet man in diesem „Tatort“ Überzeichnung allerhöchstens bei der einen Figur des Vermieters. Nelly Schlüter hingegen ist ein reales Abziehbild eines Menschen, dem man jeden Tag begegnen könnte.
Die zunehmende Modernisierung der Welt bringt einen Widerspruch mit sich, den „Überlebe wenigstens bis morgen“ erkannt hat: Wir sind kontinuierlich vernetzt und können jederzeit digital am öffentlichen Leben teilnehmen, aber insbesondere Personen in ihren 20ern fällt es zunehmend schwer, wirkliche Bindungen zu ihren Mitmenschen aufzubauen. Menschen sind einsamer denn je und sehnen sich, umso mehr danach, wahrgenommen, gemocht und/oder geliebt zu werden. Das ist ein unfassbar wichtiger Themenkomplex, den dieser „Tatort“ aufstößt, und zementiert das dadurch, dass gegen Ende auch noch einmal Kontaktdaten rund um Themen wie Suizidgedanken etc. angegeben werden. Sprich: ein „Tatort“, der an die Hand nimmt, statt zu belehren.
Unser Fazit: „Überlebe wenigstens bis morgen“, damit du diesen „Tatort“ sehen kannst
Vor ein paar Monaten war ich wirklich zweifelhaft, was die neue „Tatort“-Saison angeht – war der erste Fall aus Franken doch ein Rohrkrepierer vor dem Herrn –, aber abgesehen von einem sehr durchschnittlichen Gastspiel aus Dresden hat man es bisher mit einem hohen Maß an Qualität zu tun gehabt. Ob man diesen Höhenflug beibehalten kann, wird sich innerhalb der nächsten Monate zeigen, doch bis dahin kann man sich erstmal mit „Überlebe wenigstens bis morgen“ begnügen … denn dieser Fall bekommt von uns eine definitive Einschaltempfehlung.









