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Kommentar

ARD-Doku über Jérôme Boateng: Zu viel Mitleid, zu wenig Kritik

Die ARD gibt in der Dokumentation „Being Jérôme Boateng“ einen Einblick in das Leben des ehemaligen Profifußballers. Am Ende bleiben: 126 Minuten verschwendete Lebenszeit. Ein Kommentar.

Jérôme Boateng mit schwarzer Brille und Hoodie.
In der ARD-Dokumentation wird das Leben des Ex-Fußballers Jérôme Boateng (37) beleuchtet. Foto: IMAGO / Ulrich Wagner

Unter dem Titel „Being â€¦â€œ hat die ARD zuletzt einige Dokus über deutsche Sport-Größen wie Jan Ullrich, Michael Schumacher und Franziska von Almsick veröffentlicht. Seit dem 21. November kommt nun ein weiterer Sportler hinzu: Jérôme Boateng. In drei Folgen zeigt der Film den „Aufstieg und Fall eines Fußball-Weltmeisters“, wie es in der Beschreibung heißt. Das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein.

ARD-Doku „Being Jérôme Boateng“ zu glattgebügelt

Stattdessen werden in den Episoden die Stationen seines Lebens nacheinander abgehakt: Von seiner Kindheit in Berlin, die geprägt ist von der Scheidung seiner Eltern, über den Konkurrenzkampf mit seinem Bruder Kevin-Prince Boateng und die heftigen Rassismus-Erfahrungen bis zu seiner Karriere als Profi beim FC Bayern München und als wichtiger Teil der Nationalmannschaft.

Dass sich im Leben des Sportlers aber gerade in den vergangenen Jahren immer mehr Abgründe aufgetan haben, wird in der Doku zur Randthematik. Immer mal wieder wird der Sorgerechtsstreit mit seiner Ex-Freundin erwähnt, dann aber direkt wieder zu seiner Arbeit als Fußballer gewechselt. Es entsteht schnell der Eindruck: So richtig trauen sich die Regisseurinnen Annette Baumeister, Anna Grün und Ulrike Schwerdtner nicht an eine Kritik Boatengs heran. Das ist verheerend, macht es die Doku doch zeitweise zu einer glatt gebügelten Show des Fußballstars.

Kasia Lenhardts Tod ist nur einige Minuten wert

Besonders deutlich wird das in der dritten und letzten Folge, wenn Jérôme Boateng doch auch noch einmal kritisch beleuchtet wird. Erstmals spricht der Ex-Fußballer über den Tod seiner Ex-Freundin Kasia Lenhardt, die sich 2021 das Leben nahm. Wenige Tage zuvor hatte er der „Bild“-Zeitung ein Interview gegeben, in dem er heftige Vorwürfe gegen das Model äußerte. Was folgte, war eine beispiellose Hasswelle gegen die Influencerin im Netz. In der Doku bezeichnet der Ex-Fußballer das Interview als „Fehler“ und erklärt, dass er immer noch dabei sei, Kasias Tod zu verarbeiten.

Die Tatsache, dass Kasia Lenhardt zu Beginn der Beziehung ein Non-Disclosure-Agreement, also eine Geheimhaltungsvereinbarung, unterschrieben hat und dies nach Recherchen des Podcasts „NDA: Die Akte Kasia Lenhardt“ mutmaßlich unter Zwang geschehen sein soll, wird nur kurz erwähnt. Stattdessen kommen bekannte Persönlichkeiten wie Ex-Spielerfrau Cathy Hummels zu Wort, die am Ende der Doku lapidar erklärt: „Wir wissen einfach nicht, was die Wahrheit ist.“

Boateng-Doku mit großen Versäumnissen

Was hingegen feststeht: Jérôme Boateng wurde 2024 wegen vorsätzlicher Körperverletzung an seiner früheren Ex-Freundin und der Mutter seiner Kinder schuldig gesprochen. Er erhielt eine Verwarnung mit Strafvorbehalt und einer Geldstrafe von insgesamt 200.000 Euro, die nur bei erneuten Straftaten fällig wird.

Erst vor wenigen Wochen gab es deshalb massive Fan-Proteste beim FC Bayern München, als bekannt wurde, dass Boateng eine Trainer-Hospitanz bei seinem ehemaligen Verein antreten wird. Nach der Kritik erklärte der Verein, dass das Engagement nicht zustande kommen werde. Auch deshalb wirkt die Doku – wenige Tage vor dem Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November – erschreckend deplatziert.

In dem Film wird erwähnt, dass die Redaktion auch Angehörige von Kasia Lenhardt um ein Interview gebeten habe, diese aber ablehnten. Das hat nun zur Folge, dass das Publikum eine einseitige Doku präsentiert bekommt, in der Jérôme Boateng kaum mit seinen Verfehlungen konfrontiert wird. So bleibt beispielsweise das viel diskutierte Bild mit Rammstein-Sänger Till Lindemann, in dem sie die beiden als Opfer der Berichterstattung inszenieren, von dem Sportler gänzlich unkommentiert.

In weiten Teilen der Doku gehen die Regisseurinnen geradezu sanft mit Jérôme Boateng um. Der Ex-Kicker darf sich zu seinen Verfehlungen äußern, ja sogar Mitleid einfordern, wenn er beklagt, ihm sei nach dem Tod „das Recht zu trauern“ abgesprochen worden. Hinzukommen Weggefährten, die für ihn Erklärungen für seine Handlungen finden. Mit kritischen Nachfragen wird der Protagonist des Films kaum konfrontiert.

Am Ende zeigt der Dreiteiler vor allem eines: So groß der öffentliche Druck auf Personen wie Jérôme Boateng auch sein mag, das Ende ist es nicht. Stattdessen wird ihnen in einer meist oberflächlichen Doku Raum gegeben, sich als Held und Opfer zu präsentieren.

Vor rund zwei Wochen wurde in der ARD-Mediathek eine Doku des BR über Femizide mit dem Titel „Morgen bin ich tot · Gewalt gegen Frauen“ veröffentlicht. Rund 34 Minuten, die sich mehr lohnen als jede Folge der Dokumentation „Being Jérôme Boateng“.

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