Licht in der Dunkelheit

„Tatort: Dunkelheit“: Kritik zum neuen Frankfurt-Krimi mit Edin Hasanovic

Alles neu im „Tatort“: Man schickt in Frankfurt ein neues Ermittler-Duo an die Front, das sich ungelösten Fällen annimmt – und das Konzept geht auf …

Melika Foroutan und Edin Hasanovic stehen beide mit entschlossener Haltung da. Hasanovic fasst sich an
Kälter als Eis: Das neue Frankfurter-Duo versucht sich an cold cases nicht die Finger zu verbrennen. Foto: HR/Degeto/Sommerhaus/Daniel Dornhöfer

Der „Tatort“ braucht dringend eine Frischzellenkur – das scheint man auch langsam in der ARD zu verstehen, denn man präsentiert dem Publikum mit Edin Hasanovic und Melika Foroutan zwei neue Ermittler, die cold cases lösen. Kann dieses neue Duo in die großen Fußstapfen vorheriger Frankfurter Ermittlerteams wie Dellwo und Sänger treten?

„Dunkelheit“: Handlung

Michaela Zeller (Anna Drexler) denkt sich nichts Böses, als sie die Garage ihres verstorbenen Vaters ausräumen möchte. Doch sie stößt auf zwei Fässer, in denen Leichenteile gelagert wurden. Grund genug für die „Abteilung für Altfälle“ bestehend aus Hauptkommissar Hamza Kulina (Edin Hasanovic) und Maryam Azadi (Melika Foroutan), die Ermittlungen zu starten. Die größten Fragen: War Vater Zeller wirklich der „Main Ripper“? Zu wem gehörten die Leichenteile? Und was ist das düstere Geheimnis aus Kulinas Vergangenheit?

„Dunkelheit“: Worldbuilding, das ausnahmsweise funktioniert

Es wurde sich Gedanken gemacht. Das sollte eine Grundvoraussetzung für alles sein – insbesondere dann, wenn man einen TV-Krimi inszeniert – aber es muss nochmal hervorgehoben werden. Wie in einer guten Serie werden wir in die Mitte des Geschehens geworfen und erfahren nicht von Anfang an alles über unser Ermittlerteam. Das weckt Interesse, denn die Dinge, die in Bezug auf die Figuren angedeutet werden – wenn auch eher bei Kulina – sind interessant. Gleichzeitig ist es aber auch relevant, denn beim eigentlichen Kriminalfall muss man bei diesem ersten neuen Frankfurter-Fall nicht groß herumrätseln. Außerdem hilft es der Zuschauerbindung, wenn sich diese mit den Rollen auseinandersetzen müssen, um herauszufinden, was mit ihnen falsch ist.

„Dunkelheit“: Schöne neue Welt

„Dunkelheit“ ist vielleicht nicht immer der inszenatorisch mutigste Fall, aber man hatte definitiv eine Vision. Wie sich diese Vision äußert? Zum Beispiel anhand von alt anmutendem Bildmaterial, das innerhalb der eröffnenden Szenen gezeigt wird. Auf Nachfrage hat mir der Hessische Rundfunk bestätigt, dass diese alten Aufnahmen tatsächlich auf Film gedreht wurden und es dem Stadtarchiv, sowie dem Archiv des hr stammen. Späteres Bildmaterial, das mit schauspielerischen Inhalten gefüllt ist, wurde leider nicht auf Film gedreht, mutet aber durch Filter immerhin passend an.

Eine weitere Vision: Die Titeleinblendung erfolgt durch eine Kamerafahrt in die titelgebende Dunkelheit. Dazu gesellt sich die Tatsache, dass dieser „Tatort“ ausnahmsweise nicht die übliche Platzhaltermusik abdüdelt, sondern an vielen Stellen einen stimmungsvollen Score mitbringt.

„Dunkelheit“: Teamwork makes the dream work

Und als wäre das nicht schon genug Lob, muss man auch noch anmerken, dass Hasanovic und Foroutan nicht nur als singuläre Rollen, sondern auch als Duo sehr gut funktionieren. Die beiden leiden nicht nur an der üblichen „Tatort“-Krankheit, dass sie sich ständig Sprüche um die Ohren hauen müssen. Stattdessen funktionieren sie eher wie Felix Voss (Fabian Hinrichs) aus Franken, als dieser noch mit seiner Partnerin Ringelhahn (Dagmar Manzel) zusammengearbeitet hatte. Sprich, eigenwillig und menschlich, aber stets auf das Wohl des jeweils anderen bedacht.

Den beiden steht mit ihrer Chefin Schatz (Judith Engel) eine erfrischend intrigante Chefin gegenüber, die mal nicht die unfehlbare Autoritätsperson ist, sondern schon eher antagonistisch handelt.

Kurz gesagt: Der Guss, aus dem das neue Team ist, macht Lust auf mehr und lässt hoffen, dass in diesen Charakteren noch spannende Geschichten schlummern.

„Dunkelheit“: Abzüge in der B-Note

Es gibt ein kleines Problem in Bezug auf den neuen „Tatort“-Ansatz: Die Idee ist noch nicht vollends ausgereift. Ja, es kann spannend sein cold cases, also ungelöste Kriminalfälle zu lösen, aber es bringt, als Zusehender nicht so viel Spaß den Fall von hinten nach vorne aufzurollen. Im Falle von „Dunkelheit“ wird einem von Anfang an klargemacht, wer der Täter ist, und danach sieht man Kulina und Azadi dabei zu, wie sie ungelöste Mordfälle dem „Main Ripper“ zuordnen. Das ist dramaturgisch noch nicht vollends ausgereift, mundet aber in einer spannenden Idee: Man hat eine längere Szenenabfolge, in der Kulina und Azadi mit den Angehörigen der Opfer sprechen und ihnen erklären, was passiert ist. Dadurch entsteht ein Maß an Emotionalität, die man im „Tatort“ sonst eher weniger findet.

„Dunkelheit“: Das Potenzial ist da!

Ich, der den klassischen festgefahrenen „Tatort häufig ablehnt, empfängt Kulina und Azadi mit offenen Armen. Wenn der Frankfurter „Tatort“ in den nächsten Fällen dieselbe Qualität mitbringt und die Kinderkrankheiten ausmergelt, dann kann man davon ausgehen, dass das Frankfurter-Team neben den Kolleginnen aus Zürich, eine der erinnerungswürdigeren „Tatort“-Brigaden wird.

Wer also einen weniger konventionellen Kriminalfall sehen will, sollte „Dunkelheit“ eine Chance geben – denn entgegen allen Erwartungen lässt man den Zuschauer und die Zuschauerinnen ausnahmsweise nicht im Dunkeln tappen.