Ab sofort in Hamburg

„Zurück in die Zukunft – Das Musical“: So anders ist die deutsche Version! Interview mit Autor Bob Gale

Wer schon immer mit Marty McFly durch die Zeit reisen wollte, muss einfach nach Hamburg kommen. Wir haben mit Drehbuchautor Bob Gale über das deutsche „Zurück in die Zukunft“-Musical gesprochen.

Bob Gale, Jan Kersjes, Raphael Groß und Colin Ingram lächeln in die Kamera.
Bob Gale (l.) und Produzent Colin Ingram (r.) mit den Jan Kersjes, dem deutschen Darsteller von Doc Brown, und Raphael Groß, dem deutschen Darsteller von Marty McFly. Foto: Morris Mac Matzen / Stage Entertainment

In den Achtzigerjahren hat Bob Gale gemeinsam mit Robert Zemeckis das Drehbuch zur „Zurück in die Zukunft“-Trilogie verfasst und seitdem wacht er über die Legende von Marty McFly und Doc Brown.

Ein Remake? Eine Fortsetzung? Für Bob Gale undenkbar! Doch auf mehr Abenteuer mit dem DeLorean müssen Fans dennoch nicht verzichten, denn „Zurück in die Zukunft – Das Musical“ ist endlich auch in Deutschland gelandet. Seit dem 22. März läuft die Produktion, die seit Jahren erfolgreich am Londoner West End aufgeführt wird, in einer übersetzten Fassung im Hamburger Operettenhaus.

Passend zur Bekanntgabe der deutschen Hauptdarsteller im November 2025 durften wir uns das englische Original bereits ansehen und im Anschluss mit Bob Gale höchstpersönlich sprechen, der auch beim deutschen Musical maßgeblich beteiligt ist.

„Wenn etwas keinen Lacher bekommt, ändern wir es “

Bob Gale bei der Eröffnung der Universal Fan Fest Nights in den Universal Studios Hollywood.
Bob Gale beschützt „Zurück in die Zukunft“. Foto: IMAGO / Future Image

TV Movie: Das deutsche Publikum kennt und liebt die „Zurück in die Zukunft“-Filme genau so, wie sie sind. Doch jetzt, da das Musical nach Deutschland kommt, gäbe es ja die Möglichkeit, Dinge zu ändern und Dialoge auszutauschen. Sind Änderungen für die deutsche Produktion geplant, oder bleibt die Geschichte so, wie sie aktuell in London zu sehen ist?

Bob Gale: Es wird ein paar kleine Unterschiede geben, aber nicht viele. Auf einer Ebene ist es so, dass das deutsche Publikum die Dialoge in der Synchronfassung gewohnt ist. Also versuchen wir, viele der bekannten Sätze, die direkt aus dem Film stammen, im Musical genauso zu lassen. Der größte Unterschied betrifft aber die Songs. Ich habe dem Übersetzer gesagt: „Versuche nicht, das Lied wörtlich zu übersetzen.“ Stattdessen habe ich erklärt, worum es im Lied geht.

Zum Beispiel: [„It Works“] handelt davon, dass Doc feiert, dass seine Erfindung endlich funktioniert. Du musst die Musik beibehalten, aber schreibe den Text so, dass er Docs Freude über seinen Erfolg ausdrückt. Lass es sich reimen, mach es witzig – schreib einfach ein wirklich gutes Lied. Und wenn du das tust, wird es funktionieren. Er war sehr glücklich darüber, dass ich ihm diese Freiheit gegeben habe.

Im übersetzten Skript habe ich ihm dann beschrieben: [„For the Dreamers“]  handelt von Docs Träumen, von seiner Vergangenheit, seinen Schwierigkeiten – von den Problemen aller kreativen Menschen, die nicht immer Erfolg haben. All das muss in diesem Lied vorkommen. Ich habe gesagt: „Mir ist egal, wie du es machst – aber es muss funktionieren.“

Dann läuft es so ab: Er übersetzt das Musical ins Deutsche. Danach bekommt es jemand Drittes, der fließend Deutsch und Englisch spricht, aber das Musical noch nie gesehen hat. Diese Person übersetzt die deutsche Fassung zurück ins Englische. So kann ich die Rückübersetzung lesen und prüfen: „Okay, das ergibt Sinn“, oder „Moment, was bedeutet das?“ Dann sprechen wir darüber und arbeiten Details aus.

Aber im Großen und Ganzen lag der Übersetzer schon beim ersten Versuch sehr nah dran, und ich war wirklich zufrieden. Und natürlich gibt es Dinge, bei denen wir nicht wissen, ob sie funktionieren. Dafür gibt es die Previews. Wenn etwas keinen Lacher bekommt oder eine Pointe nicht zündet, ändern wir es – genau wie in der englischen Version. Manchmal funktioniert ein Witz nicht, oder eine Anspielung geht verloren – dann korrigieren wir das.

TV Movie: In der Londoner Produktion sorgen Martys Satz „That’s heavy“ und der anschließende Dialog voller Missverständnisse für viele Lacher im Publikum. Übersetzen lässt sich das allerdings nicht, also ist es spannend, die deutsche Lösung dafür zu sehen.

Bob Gale: Ja, stimmt. Ich erinnere mich gerade nicht genau, wie sie es gelöst haben. Aber das war einer der Punkte, die ich angesprochen habe: „Okay, das Wortspiel mit Destiny und Density (Schicksal/Dichte) wird im Deutschen nicht funktionieren. Aber im Film wurde ja auch etwas gemacht, damit der Witz klappt* – also überlegt euch etwas.“ Und ja, sie haben etwas gefunden.

(*Im deutschen Film wurde aus Martys Vorschlag „Das Schicksal hat mich zu dir geführt“ in Georges Version plötzlich „Mein Rikscha hat mich zu dir geparkt“.)

„Oh, etwas ist schiefgegangen – wie kommen sie da raus?“

TV Movie: Sie haben das Drehbuch zusammen mit Robert Zemeckis geschrieben und auch das Buch für das Musical verfasst. Sie kennen die Geschichte besser als jeder andere. Aber das Musical ist ein bisschen anders – manchmal etwas verspielter und alberner, auf eine sehr unterhaltsame Art und Weise. Hatten Sie einen anderen Ansatz, weil eine Geschichte auf der Bühne einfach anders funktioniert?

Bob Gale: Absolut. Wenn man ins Theater geht – besonders bei einem Musical – weiß man, dass da echte Menschen live auf der Bühne stehen. Sie spielen für dich, und vielleicht machen sie einen kleinen Fehler oder haben einen spontanen Moment. Gestern bei der Londoner Aufführung zum Beispiel: Die Gehirnwellen-Maschine hat nicht funktioniert, und der Schauspieler hat sie sich um den Hals gewickelt – das war Improvisation.

Und genau für solche Momente lebt man, wenn man Theater sieht – man fragt sich: „Oh, etwas ist schiefgegangen – wie kommen sie da raus?“ Und sie bleiben in der Rolle, machen einfach weiter. Das Publikum versteht das, und genau deswegen sind sie da. Im Kino dagegen willst du etwas Perfektes sehen – weil man es dort perfekt machen kann.

Wir überarbeiten die Filme ständig mit neuer Technologie, verbessern das Bild, und dabei entdecken wir neue Dinge. Zum Beispiel: Als das Modellauto vom Tisch fällt und in die Lappen kracht und Feuer fängt – mit der höheren Auflösung sieht man plötzlich den Draht, an dem es hängt. Also mussten wir den Draht digital entfernen. Solche Dinge machst du im Film – aber auf der Bühne sind kleine Unvollkommenheiten Teil des Erlebnisses.

„Es ist sogar besser als im Film“

TV Movie: Das Musical erzählt die gleiche Geschichte wie der Film – mit allen großen Szenen. Das Lachen von George McFly im Musical gleicht auch Crispin Glovers Lachen im Film, was eindeutig als kleines Geschenk an die Fans zu verstehen ist. Aber es gibt auch Änderungen. Manche versteht man sofort – es gibt keinen Hund, kein Baby. Aber was war der Gedanke hinter der Änderung der Plutonium-Szene?*

(*In der Musical-Version gibt es keine libyschen Terroristen, die Doc Brown erschießen.)

Bob Gale: Nun, wir konnten keine Terroristen haben. Und keine Schusswaffen. Es gab mehrere Gründe. Erstens: Wir wollten eine Familien-Show machen – wir wollten nicht, dass Schüsse Kinder erschrecken. Außerdem kann man auf der Bühne keine Autoverfolgungsjagd inszenieren. Und dramaturgisch wollten wir auch nicht am Ende wieder zum Einkaufszentrum zurückkehren, um zu zeigen, was mit den Terroristen passiert ist.

Also haben wir gesagt: Lass sie einfach weg. Stattdessen haben wir eine andere Lösung gefunden: Doc hat eine Strahlenvergiftung. Das gibt Marty einen genauso guten Grund, ins Auto zu springen und versehentlich durch die Zeit zu reisen, wie im Film die Flucht vor den Terroristen. Das war einfach eine clevere Möglichkeit, ein dramaturgisches Problem mit den Mitteln der Bühne zu lösen.

Ein anderes Beispiel: Im Musical spricht das Auto. Und in gewisser Weise ist das sogar besser als im Film. Wir müssen nicht erklären, dass der Anlasser defekt ist – stattdessen startet das Auto nur, wenn Docs Stimme ertönt. Das ist noch besser! Und außerdem brauchen wir keinen Bildschirm mit den Datumsangaben – man hört einfach Docs Stimme: „5. November 1955“ – und das Publikum weiß sofort, wo und wann wir sind.

„Man verkauft seine Kinder nicht in die Prostitution“

TV Movie: Ein „Zurück in die Zukunft 4“ wird es nicht geben – und sollte es auch nicht. Jedes Mal, wenn Sie in einem Interview erzählen, dass es keine weitere Fortsetzung geben wird, sind alle Kommentare darunter erleichtert. Heutzutage ist es erfrischend, dass es eine Kult-Filmreihe mal nicht fortgesetzt wird. Aber ich frage mich: Damals, direkt nach dem dritten Teil – gab es da einen Plan für eine Fortsetzung?

Bob Gale: Nein, nie. Wir haben gesagt: Das war’s. Wir wollen das zu Ende bringen. Das Ende war perfekt: „Deine Zukunft ist das, was du daraus machst – also mach das Beste daraus.“ Das ist ein großartiger Abschluss. Wir konnten das nicht toppen.

Bob Zemeckis und ich waren zwei Typen, die auch nie wollten, dass die Beatles wieder zusammenkommen – weil wir wussten: Es kann nie so gut sein wie früher.

Also sagten wir: Wir haben’s geschafft. Es ist großartig geworden. Fertig. Egal, wie viel Geld man uns bietet – wir haben genug verdient. Aber nicht, um den Film zu ruinieren.

Wie ich oft sage: „Man verkauft seine Kinder nicht in die Prostitution.“

„Wir spielen mit der Musical-Logik“

TV Movie: Michael J. Fox wird immer der einzige Marty McFly im Film bleiben, Christopher Lloyd der einzige Doc Brown. Aber durch das Musical gibt es nun verschiedene Versionen dieser Figuren – jeder Schauspieler bringt etwas Eigenes ein. Dennoch: Gibt es etwas, das Sie den Darstellern mitgeben, ein Detail, das unbedingt in der Figur enthalten sein muss, damit sie funktioniert?

Bob Gale: Als wir mit dem Musical anfingen, war Roger Bart der erste Doc Brown. Er hat über 600 Vorstellungen in London gespielt und stand später auch während der kompletten Broadway-Spielzeit auf der Bühne. Während der Entwicklung hat er viele Ideen eingebracht – nicht nur zu seiner Figur, sondern auch zu Marty und zu manchen Szenen. Er hat sehr viel dazu beigetragen, dass das Musical so geworden ist, wie es ist, weil sein Humor perfekt zu meinem und zu dem von[Regisseur] John Rando passte.

Ein Beispiel ist die Szene vor der Twin Pines Mall, wenn die Tänzerinnen auf die Bühne kommen. Bob und ich hatten immer gedacht: Es wäre witzig, dort eine kleine Revue-Nummer einzubauen. Roger fragte: „Aber wer sind diese Frauen? Es ist ein Uhr morgens in einem Einkaufszentrum – sind das die Putzfrauen?“ Also machten wir daraus einen Witz. Marty sagt: „Wer sind diese Frauen?“ Und Doc antwortet: „Keine Ahnung. Sie tauchen einfach auf, sobald ich anfange zu singen.“

Das Publikum liebt das – weil es genau das denkt! Das ist typisch Musical-Logik, und wir spielen damit. Wir sagen quasi: „Nehmt das nicht zu ernst – wir wissen, was wir hier tun, und wir haben Spaß dabei.“ Aber gleichzeitig nehmen die Figuren ihre Situation ernst. Du sorgst dich darum, dass Marty nach Hause kommt, dass George und Lorraine sich finden, dass George endlich Biff die Stirn bietet. Diese menschlichen Elemente funktionieren immer noch wunderbar – und gleichzeitig können wir das Ganze mit einem Augenzwinkern betrachten.

TV Movie: Vielen Dank für das Gespräch!