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Kino-Rezension

„Oasis – Don’t Look Back in Anger“: Lohnt sich die Musik-Doku im Kino?

Liam und Noel sind zurück. Die Oasis-Doku „Don’t Look Back in Anger“ zeigt die Reunion der Gallagher-Brüder und beweist, weshalb ihre Songs noch immer Gänsehaut auslösen. Und wir verraten dir, ob der Kinobesuch lohnt.

Liam und Noel Gallagher bei der Premiere der Oasis Doku Don't Look Back In Anger in London.
Es ist eine Augenweide für Oasis-Fans die Gallagher-Brüder nebeneinander zu sehen. Im Kino, wie auf der Bühne. Foto: IMAGO / SOPA Images

Am Montag vor offiziellen Kinostar sitze ich im Hamburger Abaton-Kino und warte auf den Beginn der Oasis-Doku, als sich zwei weitere Journalist*innen vor mich setzen. Der Kollege erzählt seiner Kollegin erst einmal stolz, dass er Oasis schon unter anderem im Hamburger „Logo“ live erlebt hat. Dann lehnt er sich zurück und sagt: „Und nach der Doku erkläre ich dir, warum sie die langweiligste Live-Band der Welt sind.“

Ich muss kurz schmunzeln und mir einen schnippischen Kommentar verkneifen. Die Retour-Kutsche brauche ich nämlich gar nicht laut aussprechen.

Denn spätestens als die ersten Songs laufen, ist von Langeweile bei seiner Begleitung nicht mehr viel zu spüren. Sie wippt den kompletten Film über mit, bei „Wonderwall“ wird sogar mitgesungen. Langweilige Live-Band? Ja, ne ist klar.

Die Antwort fällt nach 122 Minuten ziemlich eindeutig aus. Denn ja, Oasis machen auf der Bühne tatsächlich nicht besonders viel. Liam steht am Mikrofon, Noel steht daneben, die Band spielt ihre Songs.

Große Choreografien? Fehlanzeige. Spektakuläre Showeinlagen? Ebenfalls. Denn das braucht es auch gar nicht. Während des Films passiert etwas, das sich nur schwer mit dem Wort „langweilig“ beschreiben lässt.

Hello – said it's good to be back

„Don’t Look Back in Anger“ begleitet die Wiedervereinigung von Oasis und die große Live-Tour 2025. Bevor die Band vor Zehntausenden Menschen spielt, geht es zunächst dorthin, wo es nach 15 Jahren Pause besonders interessant wird: in den Proberaum.

Noel und der Rest der Band arbeiten sich durch die Songs, bevor Liam dazukommt. Und natürlich lässt der jüngere Gallagher nicht lange auf sich warten, ohne klarzumachen, dass sich zumindest eine Sache nicht verändert hat. Er beschwert sich über die Bedingungen im Proberaum, stellt sich anschließend ans Mikrofon und liefert genau das, was man von Liam Gallagher erwartet.

Das Bemerkenswerte ist dabei weniger, dass die beiden plötzlich beste Freunde geworden wären. Viel interessanter ist, wie selbstverständlich die Zusammenarbeit wieder funktioniert. 15 Jahre lang haben Noel und Liam nicht miteinander gesprochen.

Jetzt stehen sie wieder gemeinsam auf einer Bühne und müssen offenbar nicht erst erklären, weshalb Oasis Oasis sind. Warum sie niemand anderes sein können.

Noel schwärmt von Liam? Kein Witz

Noel findet für seinen Bruder in der Doku sogar ein bemerkenswertes Wort: Liam sei „delightful“. Also liebenswert, angenehm, bezaubernd. Ausgerechnet Liam Gallagher. Der Mann, der jahrzehntelang für Beleidigungen, Provokationen und demonstratives Desinteresse berühmt war. Dass Noel ihn so beschreibt, sagt vielleicht mehr über die neue Nähe zwischen den beiden aus als jede ausführliche Erklärung ihrer Versöhnung.

Auch die Band um sie herum wirkt erleichtert. Gitarrist Paul „Bonehead“ Arthurs, der zwischen den Gallagher-Brüdern positioniert wird, hat dabei beinahe die undankbarste und gleichzeitig schönste Aufgabe des Abends: Er darf zwischen zwei Menschen stehen, deren Streit die Band einst auseinandergerissen hat.

Und Liam? Der wirkt in dieser Doku erstaunlich diszipliniert. Alkohol und Zigaretten bleiben während der Tour offenbar weitgehend außen vor. Die Songs sollen ernst genommen werden. Das ist vielleicht eine der größeren Überraschungen des Films, denn wer bei Liam Gallagher automatisch auf den nächsten Skandal wartet, wartet vergeblich.

Bühne von Oasis in Edinburgh kurz vor Konzertbeginn.
Für viele Fans war der Glaube an die Konzerte erst da, als es wirklich losging. Foto: IMAGO / Avalon.red

Die eigentliche Hauptrolle in der Doku gehört den Fans

Sobald Oasis die Bühne betritt, verändert sich der Film.

Die Konzerte führen durch verschiedene Länder und Kontinente. Cardiff, Dublin, Manchester, Seoul, São Paulo, Tokio, New York und weitere Stationen werden zu einem einzigen großen Oasis-Moment zusammengeschnitten. Dabei interessiert sich die Doku mindestens genauso sehr für das Publikum wie für die Band.

Und genau hier entwickelt sie ihre größte Stärke. Da ist die Frau, die ihren Hund nach Bonehead benannt hat. Da sind Fans, die erzählen, welche Bedeutung die Musik in ihrem Leben bekommen hat. Da ist eine südkoreanische Taucherin, die beschreibt, wie Oasis ihr in einer schweren Phase geholfen haben. Und da sind immer wieder Menschen im Publikum, die nicht einfach nur einen Konzertabend erleben.

Sie weinen. Sie tanzen. Sie singen. Sie umarmen sich. Währenddessen fühle ich mich zurückversetzt an den 8. August letzten Jahres. Als ich einen der schönsten Tage bisher erleben durfte – Oasis standen vor mir auf der Bühne und für knapp zwei Stunden war die Welt wieder mehr als in Ordnung.

Man kann das kitschig finden. Man kann sich sogar darüber lustig machen. Aber irgendwann wird es schwierig, sich dem zu entziehen. Denn „Don’t Look Back in Anger“ zeigt ziemlich eindrucksvoll, was passiert, wenn Musik über Jahrzehnte Teil des eigenen Lebens geworden ist.

Und ja: Auch mir als lebenslangem Oasis-Fan, als selbsternanntem Oasis-Nerd, kommen dabei die Tränen. Nicht nur einmal. Die Songs sind für mich längst mit Erinnerungen, Lebensphasen und Menschen verbunden. Wenn dann Zehntausende gemeinsam „Live Forever“ oder „Don’t Look Back in Anger“ singen, ist es schwer, die emotionale Distanz zu wahren. Die Doku weiß genau, wann sie diesen Momenten Raum geben muss.

Für Noel selbst ist das offenbar eine neue Erkenntnis. Er spricht darüber, wie sehr ihn die Reaktionen des Publikums überrascht haben. Und plötzlich geht es gar nicht mehr darum, ob Oasis 2025 noch genauso wichtig sind wie Mitte der 90er.

Die Antwort darauf gibt das Publikum.

Noel Gallagher 2025 in Cardiff mit Oasis auf der Bühne.
Beim Tour-Auftakt in Cardiff (Wales) wusste Noel Gallagher in den ersten 40 Minuten nicht, wo er war. Genau das beschreibt die Wucht dieser Band. Foto: IMAGO / Capital Pictures

Die Gallagher-Brüder bleiben die Gallagher-Brüder

Natürlich wäre es schön gewesen, mehr über die 15 Jahre zwischen Trennung und Reunion zu erfahren. Das ist leider die einzige Schwäche der Doku, wenn man es denn so hart bezeichnen will.

Wir erfahren, dass Noel und Liam 15 Jahre lang nicht miteinander gesprochen haben. Wir sehen, dass sie sich wieder vertragen haben. Wir hören, dass sie inzwischen wieder miteinander schreiben und sich sogar deutlich häufiger austauschen.

Aber wie es eigentlich dazu kam, bleibt weitgehend im Hintergrund. Das ist schade, weil gerade dort eine außergewöhnliche Geschichte liegen würde.

Was genau hat die Versöhnung ausgelöst? Wer hat den ersten Schritt gemacht? Was ist in diesen 15 Jahren zwischen den Brüdern passiert? Auf viele dieser Fragen gibt der Film keine wirkliche Antwort.

Stattdessen entscheidet sich „Don’t Look Back in Anger“ für die angenehmere Variante: Die Vergangenheit darf Vergangenheit bleiben. Die Brüche werden nicht seziert, sondern möglichst schnell hinter sich gelassen. Die Doku will nicht herausfinden, wer damals recht hatte. Sie will zeigen, dass Oasis wieder da sind.

Das funktioniert. Nur hätte ein bisschen mehr Reibung dem Film gutgetan.

Denn gerade weil die Gallagher-Brüder über Jahrzehnte für Streit, Ego und gegenseitige Seitenhiebe standen, wäre es spannend gewesen, ihnen dabei zuzusehen, wie ausgerechnet sie lernen, wieder miteinander auszukommen. Dass Noel Liam heute als „delightful“ bezeichnet, ist zwar ein schöner Hinweis darauf, wie sehr sich etwas verändert hat. Eine wirkliche Erklärung ersetzt er aber nicht.

Bühne von Oasis in Edinburgh mit dem Schriftzug Rock and Roll
Eine Dokumentation, die einen gefühlstechnisch sofort zurückbringen kann, habe ich so auch noch nicht erlebt. Foto: Jay Becker / Privat

You gotta Roll With It

Letztlich ist das aber auch der Grund, warum man „Don’t Look Back in Anger“ diese Lücken verzeihen kann. Denn wenn Oasis spielen, braucht der Film plötzlich keine großen Erklärungen mehr.

„Hello“, „Wonderwall“, „Don’t Look Back in Anger“, „Live Forever“ und die anderen Songs werden nicht einfach als Konzertmitschnitte abgespult. Sie werden zu Erinnerungen. Für die Band. Für die Fans. Und irgendwann auch für diejenigen im Kinosaal.

Liam muss nicht über die Bühne rennen. Noel muss keine Show veranstalten. Die Musiker müssen nicht versuchen, größer zu wirken, als sie sind. Sie stehen da und spielen Songs, die offenbar längst größer geworden sind als ihre Urheber.

Und genau da liegt die Antwort auf die Frage meines Sitznachbarn.

Ist Oasis eine langweilige Live-Band?

Wenn man eine spektakuläre Bühnenshow erwartet, vielleicht.

Wer aber verstehen will, warum Zehntausende Menschen gemeinsam dieselben Zeilen singen, warum Erwachsene bei einem Song plötzlich wieder Teenager sind und warum eine Band nach 15 Jahren Abwesenheit noch immer eine solche Wirkung entfalten kann, dann ist diese Doku ziemlich überragend.

Sie zeigt nicht die wildeste oder skandalöseste Seite von Oasis. Sie zeigt auch nicht alles, was zwischen Noel und Liam passiert ist. Dafür zeigt sie etwas anderes: die Kraft dieser Songs und das Gefühl, das entsteht, wenn eine ganze Menge Menschen für einen Abend dasselbe erleben.

Und spätestens bei „Wonderwall“ im Kinosaal wird klar, dass man dafür keine Pyrotechnik braucht.

Langweilige Live-Band? Genau ...

Während der 122 Minuten sind alle Zuschauenden Rock’n’Roll-Stars. Und ich fühle mich Supersonic.