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Kino

"The Whale": Kritik zum Kammerspiel-Drama mit Brandon Fraser und Sadie Sink

Ein Kammerspiel als emotionale Dampfwalze: In "The Whale" von Darren Aronofsky schlingt sich Brendan Fraser nicht nur selbst in den Abgrund, sondern liefert auch die beste Schauspielleistung seiner Karriere ab.

The Whale
Brendan Fraser in "The Whale" von Darren Aronofsky Foto: La Biennale
Inhalt
  1. "The Whale" versteckt seine theatrale Herkunft nicht
  2. The Whale: Fantastische Darsteller*innen tragen den Film
  3. Zwischen erzwungenen Emotionen und intensiven Kinoerfahrungen

Eigentlich sind es die kurzen Momente der vermeintlichen Erleichterung, die am meisten weh tun: Wenn Charlie (Brendan Fraser) lacht, dann schmerzt sein Körper (und auch sein Geist) nach einem kurzen Moment der scheinbaren Heiterkeit besonders stark. Jede Regung und jede Bewegung seines 270kg schweren Erscheinungsbildes erfordern nicht nur seine komplette Willensstärke, sondern verlangen im Gegenzug auch ihren brutalen Tribut. Dass Charlie früher oder später den Kampf gegen sein körperliches Gefängnis verlieren wird, macht Darren Aronofsky in seiner fast schon selbstironisch-zynischen Eröffnungssequenz klar: Als Charlie zu einem Porno masturbiert, plötzlich starke Schmerzen verspürt und das Gefühl bekommt endgültig sterben zu müssen, ist es ausgerechnet ein religiöser Missionar, der ganz zufällig vor seiner Tür steht und ihn wieder zurück in die schmerzhafte Realität führen muss – mit einem Essay über Moby Dick.

 

"The Whale" versteckt seine theatrale Herkunft nicht

Seine offene Tür spielt auch im Verlauf des knapp zweistündigen Films eine große Rolle. Sie ist nicht nur Eintrittstür für die wenigen verbliebenen Personen in Charlies Leben, die Ankerpunkte in seiner Gegenwart und seiner Vergangenheit sind, sondern akzentuiert auch stark die theatrale Herkunft des Ausgangsmaterials. Denn "The Whale" basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Samuel D. Hunter aus dem Jahr 2012 und spielt größtenteils in einem einzigen Raum. Normalerweise lässt Charlie fast niemanden in seine abgeschiedenen heimischen vier Wände – nicht einmal die virtuellen Teilnehmer*innen seiner Abendschulklassen, die er damit abspeist zu sagen, dass seine Videokamera nicht funktioniert. Den einzigen stabilen Kontakt zur Außenwelt hat Charlie mit Liz (Hong Chau), die ihm nicht nur seine geliebten Fleischbällchen-Sandwiches vorbeibringt, sondern auch die Einzige ist, die seiner alltäglichen Gutmütigkeit zumindest etwas Widerhall gibt. Doch auch sie kann Charlie nicht davon überzeugen medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Weil die Schmerzattacken jedoch immer weiter zunehmen und sein Zustand zusehends kritischer wird, will Charlie zumindest kurz vor seinem unvermeidlichen Ende noch einmal mit den Menschen abschließen, die er zeitlebens zutiefst enttäuscht und verletzt hat: In erster Linie wäre das seine Tochter Ellie (gespielt von „Stranger Things“-Star Sadie Sink), die Charlie unter einem Vorwand zu sich lockt. Als Ellie acht Jahre war, hatte Charlie sie für seine große Liebe zurückgelassen. Jetzt hält Ellie ihm einen zerbrochenen Spiegel vor, der so eigentlich nicht mehr zu kitten zu sein scheint…

 

The Whale: Fantastische Darsteller*innen tragen den Film

Dass die Verwandlung von Brandon Fraser zum selbsternannten Wal natürlich aufgrund der physischen Transformation schon für Aufsehen sorgen würde, ist keine allzu große Überraschung: Regisseur Darren Aronofsky setzt Fraser nicht nur absichtlich stärker in den Fokus, indem er den Bildausschnitt durch eine klassische 4:3-Kadrierung absichtlich um den massiven Körper seines Hauptdarstellers zentriert, sondern kann sich auch auf einige der beeindruckendsten Leistungen in den Bereichen Make-Up, Prothesen und Computereffekten verlassen, die wir in letzter Zeit erleben durften. Einerseits ist es Charlies massive Statur, andererseits der Schweiß, die Tränen und das Pfeifen in seiner Lunge, die immer wieder durch Mark und Bein gehen.

Was Frasers Schausspielleistung aber tatsächlich sensationell macht, ist die unglaubliche Tiefe und Ausdrucksstärke in seiner brüchigen Stimme und seinen Augen. Wenn Ellie ihrem Vater ein weiteres Mal wütend Dinge an den Kopf wirft und Fraser als Charlie seine Augen weitet, die vollkommene Verletzlichkeit seines Seins offenbart und trotzdem eine unglaubliche Wärme ausstrahlt, dann ist das herzzerreißend. Alleine durch Frasers Spiel hat sich Aronofsky die späteren emotionalen Höhepunkte verdient, die er mit zunehmender Spieldauer mit zunehmender Intensität den Zuschauer*innen entgegenschleudert. Ebenfalls sensationell agiert Hong Chau als Charlies selbstbewusste Pflegehilfe Liz, die in gewisser Form das pochende Herz und die Seele in dieser Geschichte ist. „Stranger Things“-Shootingstar Sadie Sink hatte ich für ihre Rolle in der Netflix-Serie in der Vergangenheit durchaus kritisiert: Aronofsky schafft es ihr rebellisches Spiel bestmöglich zu betonen und ihre Figur gleichzeitig auch zu erden, auch wenn sie trotzdem zeitweise an der Eindimensionalität vorbeischrammt. Damit hat auch die großartige Samantha Morton zu kämpfen, die nur sehr kurz "aktiv" in den Film eingebunden wird, aber in ihren Szenen auch den Wal manchmal ganz klein aussehen lässt.

 

Zwischen erzwungenen Emotionen und intensiven Kinoerfahrungen

So ganz geht „The Whale“ als Theater-Adaption auf der großen Leinwand allerdings auch nicht auf: Immer dann, wenn der Film einen neuen Plot Point bzw. einem neuen Impuls von außen benötigt, schleudert Aronofsky die Haustür von Charlie auf und lässt einfach eine neue Figur in die zentralen vier Hauswände eintreten. Das wirkt im filmischen Kontext leider manchmal etwas billig und unverdient: Hier hätte sich der "Requiem for a Dream"-Filmemacher dann doch noch stärker von Samuel D. Hunters Vorlage emanzipieren dürfen. Auch das finale Crescendo ist keine allzu große Überraschung, wenn man Aronofskys Ouevre kennt: Die Emotionspresse drückt dann nochmal richtig stark zu – ob das die Zuschauer*innen dann endgültig ins Tal der Tränen befördert oder vielleicht doch etwas über das Ziel hinausschießt, ist letztendlich auch der Grund dafür, warum "The Whale" nicht für jeden gleichermaßen funktionieren dürfte.

Doch gerade weil sich Aronofsky und seine Stars nicht scheuen auch über die Grenzen des körperlich-zumutbaren hinauszugehen, ist "The Whale" ein Stück raues und pures Kino, das wir in dieser Intensität nur selten serviert bekommen. Und vermutlich gerade deshalb gehörte das Pressescreening bei den internationalen Filmfestspielen von Venedig sicherlich zu einer der heftigsten Kinoerfahrungen, die ich in der jüngeren Vergangenheit machen durfte. Für Brendan Fraser markiert die Hauptrolle übrigens nicht nur ein unglaubliches Comeback, sondern befördert ihn sicherlich im kommenden Jahr auch auf die Shortlist der Kandidaten für die nächste Oscar-Verleihung. Diesen Wal wird man so schnell wohl nicht kleinbekommen.

Falls ihr euch die heutige Pressekonferenz mit Brandon Fraser, Sadie Sink & Co. noch einmal anschauen wollt, habt ihr hier die Gelegenheit dazu:

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