„Tatort“ heute in der ARD: „Borowski und der stille Gast“ wartet mit Lars Eidinger auf
Halbfinale in der „Tatort“-Sommerpause: Diesmal wird ein Kieler Fall mit Ermittler Borowski aus 2012 wiederholt – und der sieht aus wie Hochglanz … aber ist er auf hohem Niveau?

Nachdem nächste Woche Batic und Leitmayr die „Tatort“-Sommerpause feierlich beenden, wartet man diese Woche im TV-Programm nochmal mit einem Kieler-Fall aus 2012 auf. Dieser ist sowohl vor als auch hinter der Kamera hochkarätig besetzt – aber kann der Cast auch die Story aufbessern?
- „Borowski und der stille Gast“: Was passiert im Kieler „Tatort“?
- (Bau)meister unter sich: „Tatort“ wartet mit einem grandiosen Cast auf
- „Tatort“ aus Kiel: Diese Schauspielerin greift vollends ins Klo
- „Borowski und der stille Gast“: Wiedergutmachungspotential
- „Tatort“ am Sonntag: Synchronarbeit in Kiel
- „Borowski und der stille Gast“: Fazit
„Borowski und der stille Gast“: Was passiert im Kieler „Tatort“?
Ein Notruf erreicht die Kieler Polizei und sorgt für Angst und Schrecken: Eine Frau behauptet, dass jemand in ihrer Wohnung auf sie lauert und wenige Zeit später findet man sie tot in ihrer dieser auf. Borowski (Axel Milberg) nimmt zusammen mit der Kommissaranwärterin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) die Ermittlungen auf. Währenddessen treibt „der stille Gast“ (Lars Eidinger) weiterhin Unwesen und wanzt sich über seinen Job als Postbote wie ein Parasit in den verschiedensten Wohnungen ein. Und er hat schon seine nächsten zwei Objekte der Begierde auserkoren: Eine junge Mutter, sowie Prostituierte (Peri Baumeister) und die Ermittlerin Sarah Brandt selbst …
(Bau)meister unter sich: „Tatort“ wartet mit einem grandiosen Cast auf
Ähnlich wie im 2010er-Fall „Weil sie böse sind“, der mit Matthias Schweighöfer und Milan Peschel aufwarten konnte, kann man in „Borowski und der stille Gast“ allerlei begabte Darsteller und Darstellerin begutachten. Borowski selbst ist das Mittelstück zwischen Peter Faber aus Dortmund und dem ehemaligen „Tatort“ Kommissar Fritz Dellwo aus Frankfurt. Mit einer ausgeglichenen Menge an selbstironischem Humor und Pathos stolpert Axel Milberg durch den Fall und versucht irgendwie gegen den „stillen Gast“ anzukommen. Und das ist sehr schwierig, denn der Täter, in dem heutigen „Tatort“ wird von keinem geringeren als Lars Eidinger gespielt – und der hat es in sich. Der Vergleich mag etwas hoch angesetzt sein, aber wenn man Eidinger als sozial-gestörten Stalker sieht, dann fragt man sich für einen kurzen Moment „Wer braucht schon Paul Dano als Riddler in ‚The Batman‘ (2022)?“. Kein Wunder, dass Eidinger noch zwei weitere Male als „stiller Gast“ zurückgekehrt ist.
Und auch die Nebendarsteller und Nebendarstellerin sind hochwertig besetzt: Peri Baumeister gibt als drogenabhängige Prostituierte und Mutter alles – insbesondere in einer Szene, in der sie eine eher schockierende Entdeckung macht. Und auch Samuel Finzi, der den Rechtsmediziner spielt und eine erstaunlich echt anmutende Gehirnattrappe in den Händen hält, ist auf seine Art und Weise charmant verschroben. So gut das alles klingen mag, natürlich gibt es „Tatort“-typisch wieder ein Problem …
„Tatort“ aus Kiel: Diese Schauspielerin greift vollends ins Klo
Borowskis Gegenstück Sarah Brandt wird von Sibel Kekilli gespielt, die den meisten für ihre grandiose Leistung in Fatih Akins „Gegen die Wand“ (2004) bekannt sein sollte. Doch trotz all dieser Vorschusslorbeeren ist sie als Ermittlerin beim „Tatort“ nicht wirklich zu gebrauchen. Ihr Spiel ist hölzern, die Sätze sind in einem Moment völlig überbetont und im nächsten Moment vollends monoton. Und als wäre das nicht schlimm genug, wird diese eher schlechte Leistung noch mit der wohl schlechtesten Szene gepaart, die ich bisher in einem „Tatort“ sehen durfte. Ermittlerin Brandt leidet nämlich an Epilepsie und tatsächlich bekommt sie in „Borowski und der stille Gast“ einen epileptischen Anfall, der sowohl vom Schauspiel als von der Inszenierung her desaströs ist. All dieses Laientum mündet in einer furchtbar-anmutenden Computer-generierten U-Bahn, die auf Brandt während ihres Anfalls auf sie zufährt – und die Frage aufwirft, ob man nicht gerade selbst einen Anfall hat. Wie passend, dass Brandt gegen Ende des Falls, die mehr als passenden Worte „Ich bin gut. Ich kann besser werden.“ vor sich hinmurmelt.
„Borowski und der stille Gast“: Wiedergutmachungspotential
Jetzt muss man aber auch zugeben, dass Brandt und dieser epileptische Anfall ein paar der wenigen Probleme in diesem „Tatort“ sind – in Bremen oder Wien wären wir nicht einmal halbwegs durch diese aufzuzählen. Hinter der Kamera lässt sich nämlich jemand finden, der mit seiner Inszenierung den „Tatort“ aus Kiel massiv aufwertet. Regisseur Christian Alvart führte nämlich hier Regie und das merkt man. Bekannt wurde Alvart für seinen Thriller „Antikörper“ (2005) und danach durfte er mit „Pandorum“ (2009) sogar einen größeren Hollywood-Film inszenieren. Die Erfahrung merkt man ihm also durchaus an. Insbesondere dann, wenn am Anfang eine Montage schon alle Antworten darauf liefert, wie „der stille Gast“ in Wohnungen einsteigen kann – ganz nach dem Motto: Show, don’t tell.
„Tatort“ am Sonntag: Synchronarbeit in Kiel
„Geshowed“ wird den Zusehenden übrigens Kiel, das neben Franken, aus der „Tatort“-Wiederholung der letzten Woche, eine wirklich coole Kulisse ist. Statt wie in Berlin oder anderen größeren „Tatort“-Städten kontinuierlich mit eher schönen Kulissen anzumuten, bekommt man Kiel so wie es ist: Grau, riesige Innenhöfe mit Garagen und sozial-prekäre Hochhaussiedlungen – was immer noch besser ist als zum hundertsten Mal einen Szenenwechsel zu haben, der mit einer x-beliebigen Sehenswürdigkeit kaschiert wird.
Apropos, kaschieren: Für meine Annahme habe ich keine Indizien, aber irgendwie wurden für manche Rollen entweder Synchronsprecher gecastet oder es wurde nachsynchronisiert, denn manche Personen hören sich wirklich unnatürlich und seltsam an (man achte mal auf den Mann in der Telefonzentrale ganz am Anfang). Das ist weder gut noch schlecht, sondern schlichtweg verwirrend.
„Borowski und der stille Gast“: Fazit
Es gibt diesen Satz, den ich in Bezug auf den „Tatort“ immer gerne dresche: „Wer einen „Tatort“ sehen, sieht mit Fall XY einen „Tatort“.“ Und das trifft auch auf „Borowski und der stille Gast“ zu. Wie immer existiert das Grundproblem, dass der Täter interessanter als jeder andere Charakter im „Tatort“ ist. Da hilft es dann leider auch nicht, wenn man mit einem wirklich tollen Cast und solider Arbeit hinter der Kamera aufwartet. Aber wenn man sich das restliche Programm am Sonntagabend ansieht, kann man sicherlich schlechter unterhalten werden …