„Tatort“ heute: Großartiger Fall, schlechter Nachruf? Kritik zum Ludwigshafener Fall „Roomservice“
Die heutige „Tatort“-Wiederholung aus Ludwigshafen soll als Nachruf auf Andreas Hoppe fungieren. Doch geht die Rechnung auf?

Mir ist ja wirklich schon einiges in meiner Zeit als „Tatort“-Kritiker untergekommen: gute Fälle, schlechte Fälle, herzreißende und haarsträubende Momente und verzweifelte Suchen nach Sommerpausen-Wiederholungen, die nicht in den Mediatheken oder auf ARD Plus verfügbar waren. Aber ich habe noch nie bereits zur Hälfte die angesetzte „Tatort“-Episode der Woche vorabgesichtet, nur um dann herauszufinden, dass eine Programmänderung stattfindet.
Der eigentlich geplante Fall „Gold“, der zumindest in seiner ersten Hälfte sehr solide wirkte, wird nun anlässlich des Todes von Andreas Hoppe gegen die Episode „Roomservice“ eingetauscht. Was steckt hinter der Wiederholung aus Ludwigshafen? Und wird sie Andreas Hoppe gerecht?
„Roomservice“: Worum geht es im „Tatort“ heute?
In einem luxuriösen Hotel wird ein Zimmermädchen tot aufgefunden. Sie scheint aus dem vierten Stock gestürzt zu sein, doch Odenthal (Ulrike Folkerts), Stern (Lisa Bitter) und Kopper (Andreas Hoppe) schließen Selbstmord schnell aus. Viele der Spuren deuten auf den EU-Kommissar Joseph Sattler (Peter Sattmann) hin, der unter Verdacht steht, das Opfer vergewaltigt und dann das Treppenhaus hinuntergestürzt zu haben.
Jedoch sind sich Odenthal und Stern uneinig. Während Letztere in der Tat ein Sexualdelikt sieht, vermutet Odenthal dahinter eine großpolitische Verschwörung. Und während intern die Fetzen fliegen, versucht Kopper, zwischen seinen Kolleginnen zu vermitteln …
Seiner Zeit etwas voraus: „Roomservice“ erzählt von sexueller Belästigung
Gedreht wurde „Roomservice“ im Jahr 2014, erschienen ist der Fall im Jahr 2015. Thematisch dreht es sich überwiegend um Vergewaltigungsvorwürfe, sexualisierte Gewalt sowie Frauenrechte. Mitte der 10er waren das selbstverständlich keine neuen Themen, aber die große Aufmerksamkeit, die diese Umstände seit der MeToo-Bewegung im Jahr 2017 erhalten haben, existierte damals noch nicht.
Man fasst diese Themenbereiche kontinuierlich mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und dem dazugehörigen Feingefühl an – auf jeden Fall überwiegend. So gibt es nämlich eine Szene, in der Ermittlerin Stern selbst Opfer sexueller Belästigung wird, und zuerst scheint es auch noch so, als würde man damit eine narrative Entwicklung anstreben. Jedoch wird auf den „Bärenbrüder“-Effekt gesetzt und die Szene, in der Stern Kopper offenbart, was passiert ist, wird weggeschnitten. Das ist zuweilen etwas ärgerlich, da man, wenn man seine Figuren schon in eine solche Situation bringt, immerhin die narrative Tragweite dessen ausschöpfen sollte. Und wo wir gerade bei Ausschöpfen sind …
„Ich dachte, ihr braucht mich hier überhaupt nicht mehr“: Wird man Andreas Hoppe gerecht?
Kommen Kopper und somit Andreas Hoppe hier wirklich zur Geltung? Ja, er ist präsenter als Dagmar Manzel in der letztwöchigen Wiederholung sowie Verabschiedung „Trotzdem“, aber per se agiert er in einem Trio und drei Charaktere lassen wenig Platz, die einzelnen Figuren wirken zu lassen. Vielleicht hätte man sich eher für einen Fall entscheiden sollen, in dem der Fokus tatsächlich auf Kopper liegt.
Einerseits ist die Entscheidung für „Roomservice“ in zweierlei Hinsicht ehrbar. So lenkt man den Fokus am prominentesten Sendeplatz der Woche auf Themen gesellschaftlicher Relevanz, die gut aufgearbeitet wurden, und versucht gleichzeitig, Andreas Hoppe ein Denkmal zu setzen.
Andererseits kommt vollends zurecht die Frage auf, ob man Hoppe nicht mit einem anderen Fall ein besseres Denkmal hätte setzen können, denn er darf zwar in beinahe allen Szenen, in denen man ihn sieht, strahlen, jedoch sind das wahrlich nicht viele Szenen. Fast so, als wäre man sich dessen bewusst gewesen, sagt er vollends passend irgendwann: „Ich dachte, ihr braucht mich hier überhaupt nicht mehr.“
Aber am Ende ist es die Geste, die zählt. Die Wiederholungsentscheidungen der ARD zu verstehen, ist ohnehin ein Kosmos, der noch vielerlei Erforschung bedarf.
Lohnt sich der „Tatort“ heute?
Definitiv. Nicht nur bekommt man einen gut geschriebenen sowie spannenden Thriller vorgesetzt, sondern auch Figuren, die noch nicht an der Eindimensionalität oder eher dem Materialverschleiß leiden, dem sie heutzutage ausgesetzt sind. Das fällt vor allem bei Stern auf, die zu dem Zeitpunkt noch recht neu in der Reihe war und dementsprechend voller Charaktereigenschaften steckt.
Aber tendenziell sind das alles nur positive Nebenwirkungen der Entscheidung, Andreas Hoppe gerecht zu werden. Als Nachruf funktioniert „Roomservice“ auf jeden Fall. Vielleicht war es auch das Ziel, einen Fall zu zeigen, der dem Publikum Lust auf mehr Zeit mit Kopper macht, denn all jene, die heute Abend „Tatort“ schauen, dürften danach noch eine Episode aus Ludwigshafen sichten wollen – zum Beispiel den Fall „Abgezockt“ aus dem Jahr 2004, den man gerade auf ARD Plus schauen kann.






