„Tatort“ heute: Große Klappe, nichts dahinter – Kritik zum Nürnberger Fall „Trotzdem“
Nach einer Woche Ausfall in der Sommerpause meldet sich der „Tatort“ mit einer Wiederholung aus Nürnberg zurück – und hat gleichermaßen wenig und viel zu erzählen.

Keine „Tatort“-Sommerpause ohne eine Wiederholung, in der gezeigt wird, wie eine Ermittlerin die Reihe mal mehr und mal weniger freiwillig verlässt. Letztes Jahr wurde diese Rolle von „Das Mädchen, das allein nach Haus‘ geht“ eingenommen und dieses Jahr ist der Nürnberger Fall „Trotzdem“ dran. Hinter dem doch eher unspektakulären Titel steckt ein moderater Thriller, der Spektakel gegen Charakterdrama eintauscht.
„Trotzdem“: Worum geht es im „Tatort“ heute?
Absolute Idylle in Nürnberg: Ermittler Voss (Fabian Hinrichs) ist verliebt und Ermittlerin Ringelhahn (Dagmar Manzel) lässt sich von seiner guten Laune anstecken. Doch schon bald ist das schöne Wetter verhagelt, als sich herausstellt, dass sich ein angeblich zu Unrecht inhaftierter Mann im Gefängnis umgebracht hat. Von Schmerz zerrissen, konfrontieren die Schwestern Lisa (Mercedes Müller) und Maria (Anne Haug) den Mann, den sie eigentlich hinter der Tat vermuten, und infolge dieser Konfrontation wird er von Maria vom Balkon gestoßen.
Plötzlich werden etliche Parteien aktiv. Die Schwestern lassen sich von einem größenwahnsinnigen Sicherheitsbeamten (Florian Karlheim) beschützen, die Familie des Opfers setzt einen Verbrecher auf die Täterinnen an und Voss hat mit der überraschenden Pensionierung seiner Kollegin zu ringen.
Die richtigen Elemente sind da, aber interessant ist es trotzdem nicht
„Ich wünschte, ich hätte mal so eine richtig gute Idee, wo ich mich dann hinterher hinstellen kann und sagen kann: ‚Das war jetzt ein Ding‘, aber das kann ich nicht“, so Ermittlerin Ringelhahn zu Voss in den ersten paar Minuten des Falls. Diesen prinzipiell schönen Gedanken sollte man sich beim „Tatort“ mal zu Herzen nehmen, denn dann könnte ich mit Stolz behaupten, mit „Trotzdem“ einen guten Fall gesehen zu haben.
Und manchmal ist dem tatsächlich so. Im direkten Vergleich zu der letztwöchigen WDR-Versendung „Schmale Schultern“ langweilt „Trotzdem“ nicht zu Tode. Das Charakterdrama ist hier ernster und weniger affig ausgearbeitet, aber ich persönlich muss erneut feststellen, dass der „Tatort“ häufiger ins Klo greift, wenn man seine Hauptcharaktere aus den Augen verliert – was absurd ist, denn eigentlich versucht „Trotzdem“, ein persönlicher Fall zu sein.
Warum der Abschied von Ringelhahn gar nicht funktioniert
„Die Frauen sind das Glück dieser Erde“, behauptet Voss‘ Freundin Anja (Maja Beckmann) zu Beginn der Episode. Auch diese Aussage hätte man sich zu Herzen nehmen sollen, denn Ringelhahn wird zwar zur Hauptfigur und zum Fokus des Falls verklärt, aber das bedeutet nicht, dass wirklich irgendein Augenmerk auf ihr liegt.
Statt den kreativen Freifahrtschein einer „Tatort“-Verabschiedung zu nutzen, panscht man ein liebloses Lebewohl hin, in der Hoffnung, dass ein selbst dahingeträllerter Song dafür sorgt, dass es mir wirklich nahegeht, dass Ringelhahn Voss fortan allein lässt. Denn das ist das Problem: Inmitten aller Geschichten rund um Familien, Schuldfragen und Moral geht Ringelhahn vollends unter und bekommt in den letzten fünf Minuten eine stiefmütterliche Behandlung.
Damit will ich nicht sagen, dass jede „Tatort“-Verabschiedung ein großes, ohrenbetäubendes Spektakel sein muss, aber selbst Mechthild Großmanns einfacher Abgang war durchdachter als das, was man hier in Nürnberg serviert bekommt.
Kann die „Tatort“-Sommerpause bitte endlich enden?
Trotz der etwas öden und drögen Kriminalkamelle, die am wohl beliebtesten Sendeplatz der Woche platziert wurde, gibt es immerhin einen Hoffnungsschimmer. Das Publikum muss nach einer wirklich durchmischten Sommerpause nur noch zwei weitere Wiederholungen über sich ergehen lassen, bis es endlich mit neueren und hoffentlich besseren Episoden weitergeht.
Bis dahin wird man aber ebenso wie Ermittler Voss noch zurückgelassen – in diesem Falle mit der Episode „Trotzdem“, die per se wie ein normaler Fall wirkt, der auf ziemlich dicke Hose macht. Wer viel Lärm um nichts ertragen kann, genießt jegliche Freiheit einzuschalten. Wer seine Augen und Ohren hingegen lieber schützen möchte, sollte Ringelhahn und Voss dieses Wochenende links liegen lassen.









