Sexualisierende Kameraeinstellungen: Neue TV-Regeln bei Übertragungen von Frauen-Sport
Die European Broadcasting Union hat konkrete Kamerarichtlinien für Sportübertragungen veröffentlicht – auch ARD und ZDF sind als Mitglieder betroffen.

Die European Broadcasting Union (EBU) hat gemeinsam mit European Athletics ein 23-seitiges Dokument mit dem Titel „Raising the Bar“ veröffentlicht. Es richtet sich an europäische Broadcaster und enthält konkrete Empfehlungen dafür, wie Athletinnen bei Sportübertragungen gefilmt werden sollen – mit dem Ziel, sexualisierende Kameraeinstellungen zu vermeiden. Als EBU-Mitglieder sind in Deutschland auch ARD und ZDF von den Richtlinien betroffen.
Darum geht es bei „Raising the Bar“
„Raising the Bar“ benennt drei Kategorien von Aufnahmen, die Produktionsteams künftig vermeiden sollen: aufdringliche Nahaufnahmen von spezifischen Körperteilen wie Brust und Gesäß, tiefe Rückansichten aus niedrigen Winkeln – besonders verbreitet bei Hoch- und Weitsprung sowie Sprintrennen – sowie zwecklose Zeitlupenwiederholungen ohne technischen Mehrwert. Letztere werden im Dokument ausdrücklich als problematisch eingestuft, weil sie aus dem Kontext gerissen und auf Social Media für Online-Belästigungen missbraucht werden.
Stattdessen sollen Kamerateams den vollständigen Bewegungsablauf zeigen: Anlauf, Absprungmoment, Landung und Technik der Athletin als Ganzes. Das Dokument betont dabei ausdrücklich, dass es keine Verbotsliste sein will, sondern zeigen möchte, dass gute Kameraarbeit und respektvolle Darstellung oft dasselbe sind.
Athletinnen waren an der Entstehung beteiligt
Das Dokument entstand in enger Zusammenarbeit mit aktiven Sportlerinnen, darunter die britische Olympia-Stabhochspringerin Holly Bradshaw, die serbische Weitspringerin Ivana Španović und die kroatische Hochspringerin Blanka Vlašić. Bradshaw schildert im Dokument, dass sie und andere Athletinnen in Wettkampfsituationen so sehr von Kamerapositionen abgelenkt waren, dass sie sich nicht mehr vollständig auf ihre eigene Leistung konzentrieren konnten. Sie berichtet zudem, dass sie Hasskommentare erhalten und „unangemessene Videos“ von sich und Kolleginnen gesehen hat – zusammengeschnitten aus Zeitlupenaufnahmen bei Wettkämpfen.
Glen Killane, Executive Director of EBU Sports, betont, Frauensport verdiene es, „auf gleicher Augenhöhe gesehen, berichtet und wertgeschätzt zu werden“. Dobromir Karamarinov, Präsident von European Athletics, verweist auf die „Race for Respect“-Initiative seines Verbandes und das Ziel, Sport so zu präsentieren, dass alle Athletinnen und Athleten respektiert werden – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hintergrund.
Ein wesentlicher Punkt: Die Richtlinien sind nicht verpflichtend. Es gibt weder Sanktionen noch eine Pflicht zur Umsetzung. Die EBU hat in den vergangenen Jahren bereits mehrere Publikationen zu Geschlechtergerechtigkeit in der Sportberichterstattung veröffentlicht – „Raising the Bar“ ist der bisher konkreteste Versuch, einheitliche Standards zu etablieren. Ob und in welchem Umfang einzelne Sender die Empfehlungen tatsächlich umsetzen werden, bleibt abzuwarten.








