Netflix-Doku bringt Haftbefehl an seine Grenzen – emotionale Premiere endet abrupt
Bei der Premiere von „Babo – Die Haftbefehl-Story“ wird Rapper Aykut Anhan von Emotionen überwältigt – Szenen mit seinem verstorbenen Vater treiben ihn aus dem Kinosaal.

Es sollte ein Triumph werden – doch endete in einem Moment voller Tränen. Bei der Premiere seiner Netflix-Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“ in Berlin musste Aykut Anhan, besser bekannt als Haftbefehl, den Kinosaal vorzeitig verlassen.
Haftbefehl: Emotionaler Zusammenbruch bei der „Babo“-Premiere
Wie Regisseur Juan Moreno im Spiegel-Podcast „Short Cut“ schilderte, war es kein Moment der Scham oder des Skandals, sondern eine zutiefst persönliche Reaktion. In einer Szene sieht der Rapper alte Familienaufnahmen, in denen sein verstorbener Vater zu sehen ist – Aufnahmen, die er vorher nie gesehen hatte. „Aykut kannte dieses Material nicht (...). Er hat seinen Vater zum ersten Mal in diesem Dokumentarfilm gesehen – und er musste während dieser Szenen rausgehen, weil sie einfach zu hart für ihn waren“, so Moreno. Die Szenen stammen aus alten VHS-Videos, die in den 1990er-Jahren aufgenommen wurden. Für den Musiker, der in seiner Musik oft über Verlust und Schmerz rappt, war dieser äußerst emotionale Moment schlicht zu viel.
Mutter Anhan schweigt – aus Liebe und Schmerz
Nicht nur Haftbefehls Reaktion bewegte die Zuschauer:innen, sondern auch das, was fehlte: Seine Mutter kommt in der Dokumentation kein einziges Mal zu Wort. Während seine Brüder offen über ihre Kindheit sprechen, bleibt sie unsichtbar. Laut Moreno war ursprünglich ein Interview mit ihr geplant, doch sie zog sich kurzfristig zurück. „Sie hat mir in einer sehr herzlichen Sprachnachricht gesagt, dass sie es nicht schaffen würde, über ihren verstorbenen Mann und den Zustand ihres Sohnes zu sprechen“, erklärte der Regisseur. Er beschreibt sie als „fantastische, warmherzige Frau“, die sich ganz bewusst gegen die Teilnahme entschied – nicht aus Distanz, sondern aus emotionalem Selbstschutz. Die Themen der Doku – Trauer, Sucht und familiäre Brüche – wären für sie zu schmerzhaft gewesen.
Gedreht wurde die Doku über zwei Jahre hinweg von Juan Moreno und Sinan Sevinç, produziert von Elyas M’Barek. Der Film zeigt Haftbefehl zwischen Popularität, inneren Dämonen und dem Versuch, sich selbst nicht zu verlieren. Trotz der schonungslosen Darstellung des Rappers entschieden sich die Macher bewusst gegen reine Provokation. „Natürlich haben wir Haftbefehl beim Kokainkonsum gefilmt, und natürlich wird das nicht im Film gezeigt (...). Natürlich wäre das viral gegangen, aber es gibt Grenzen, die man respektieren muss“, betonte Moreno. Diese Haltung verleiht der Produktion eine Authentizität, die selten in Musikdokus zu finden ist. Statt auf Schockmomente zu setzen, beleuchtet der Film die menschliche Seite des Rappers, der versucht, seine Vergangenheit zu verstehen – und sich dabei selbst neu zu definieren.
„Babo – Die Haftbefehl-Story“: Ein Netflix-Hit mit emotionaler Wucht
Die Zuschauer:innen dankten es: „Babo – Die Haftbefehl-Story“ schoss in nur sechs Tagen auf Platz 1 der Netflix-Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz – und erreichte bereits über 4,1 Millionen Aufrufe. Die Doku traf einen Nerv – sie zeigt keinen unantastbaren Star, sondern einen Mann, der an sich selbst zweifelt. Haftbefehl gewährt Einblicke, die Fans und Kritiker:innen gleichermaßen überraschten: Der sonst so unnahbare „Babo“ wirkt plötzlich greifbar, verletzlich, echt. Doch auch für Regisseur Moreno war die Arbeit alles andere als leicht. Im Interview gab er zu, während der Dreharbeiten mehrfach Panikattacken erlitten zu haben. Die Nähe zu einem Menschen, der mit Sucht, Verlust und öffentlicher Aufmerksamkeit kämpft, habe ihn selbst an seine psychische Belastungsgrenze gebracht.
Dass Haftbefehl die Premiere nicht zu Ende sehen konnte, macht eines deutlich: Diese Doku ist keine einfache Musikerbiografie – sie ist eine emotionale Reise in die Psyche eines Mannes, der mit Ruhm, Schuld und Sehnsucht ringt. Sein abrupter Abgang aus dem Kino war eine ehrliche Reaktion auf eine Begegnung, die ihn aus der Fassung brachte. Für einen kurzen Augenblick schien es so, als stünde nicht etwa der große Rapper auf der Leinwand, sondern eben der kleine Junge aus den alten VHS-Aufnahmen.







