„Marvel's Wolverine“: Liam McIntyre über Hugh Jackman und seinen eigenen Logan
Hugh Jackman hat Wolverine über Jahrzehnte geprägt. Nun übernimmt Liam McIntyre die Rolle in „Marvel's Wolverine“. Im Interview erzählt uns der Schauspieler, wie er seine eigene Version von Logan fand, warum er wilde Hunde studierte und weshalb ihn die Rolle bis heute überwältigt.

Es gibt wahrscheinlich nur wenige Marvel-Rollen, bei denen ein Schauspieler einen derart großen Schatten vorfindet wie bei Wolverine. Seit mehr als 25 Jahren verbinden Millionen Menschen Logan mit Hugh Jackman. Seine Stimme, seine Körpersprache, seine Wut: Jackman hat unsere Vorstellung davon geprägt, wie Wolverine klingt und sich bewegt.
Nun übernimmt mit Liam McIntyre ausgerechnet ein weiterer Australier die Rolle. Der aus „Spartacus“ bekannte Schauspieler verkörpert Logan in Insomniac Games' „Marvel's Wolverine“ nicht nur stimmlich, sondern auch im Performance-Capture-Verfahren. Nach zwei Stunden mit dem Spiel war für mich bereits klar: McIntyre versucht gar nicht erst, Jackman zu kopieren. Sein Wolverine funktioniert als eigenständige Interpretation. Im Gespräch verrät der Schauspieler, dass genau das von Anfang an das Ziel war.
Für einen ersten Eindruck zu Marvel's Wolverine empfehlen wir euch unsere Video-Preview:

Hugh Jackman war im Kopf, doch eine Kopie war keine Option
„Natürlich hat man Leute wie Steve Blum oder Hugh im Kopf, denn so klingt Wolverine nun einmal“, erzählt McIntyre. Trotzdem habe er nie versucht, einen seiner Vorgänger nachzuahmen. Auch Insomniac sei es nicht darum gegangen, eine bereits bekannte Version des Charakters neu aufzulegen. Stattdessen suchte das Team nach einer Stimme, die genau zu dieser Geschichte und diesem Logan passt.
Dieser Prozess dauerte eine Weile. Gemeinsam probierte man unterschiedliche Klangfarben und Interpretationen aus, bis sich langsam eine Figur herauskristallisierte, die McIntyre als stoischen und widerwilligen Helden beschreibt. Ein rauer Mann, in dessen Innerem zwei Seiten miteinander ringen: die animalische Gewalt Wolverines und der Teil von Logan, der trotz allem versucht, ein besserer Mensch zu sein.
Gerade diese Gegensätze machen die Rolle für McIntyre so spannend. Logan könne zu ungezügelter Wut fähig sein und schäme sich gleichzeitig für genau diese Seite an sich. Trotzdem könne er nicht wegsehen, wenn jemand Schwächeres Hilfe braucht. „Er hasst Mobber“, bringt McIntyre es auf den Punkt. Für einen Mann, der selbst unvorstellbaren Schmerz erlebt habe, stecke deshalb erstaunlich viel Hoffnung in Logan.
Genau diese verletzliche Seite spielt McIntyre besonders gern. Gleichzeitig durfte er sich für Wolverines animalische Momente auf eine ganz andere Form der Schauspielarbeit einlassen. Für eine Szene, in der Logan erstmals vollständig ins Ferale kippt, studierte er beispielsweise Videos von wilden Hunden, um deren Bewegungen und Instinkte zu verstehen. „Man muss einfach mutig sein und alles geben“, erzählt er über diesen Moment. Schließlich stehe man beim Performance Capture vor einer ganzen Crew und müsse darauf vertrauen, dass die eigene Interpretation entweder bedrohlich und intensiv wirkt oder eben vollkommen absurd.
„Johnny Knife Hands“: So kam Liam McIntyre überhaupt zu Wolverine

Dass McIntyre irgendwann tatsächlich Wolverine spielen würde, war bei seinem Casting alles andere als offensichtlich. Der Schauspieler befand sich damals mit seiner Familie in Australien, als sein Agent ihn auf ein geheimnisvolles Videospielprojekt aufmerksam machte. Wie in der Branche üblich, verriet ihm zunächst niemand, worum es wirklich ging. Die Figur im Casting hieß schlicht „John“. Dann las McIntyre die Szene.
Dieser John stürzte sich plötzlich auf einen Gegner und aus seinen Händen kamen Messer. McIntyre wurde misstrauisch: „Ich dachte mir: Das fühlt sich irgendwie nach Wolverine an.“ Weil ihm selbstverständlich niemand die tatsächliche Identität der Figur bestätigen wollte, taufte er sie kurzerhand „Johnny Knife Hands“.
Für das Vorsprechen reiste er sogar in ein anderes Land. Sein Flug verspätete sich und zeitweise sah es so aus, als würde er den Termin komplett verpassen. Am Ende bekam er nach eigener Erinnerung den letzten Audition-Slot des letzten Tages. Für McIntyre stand trotzdem fest, dass er es versuchen musste. Wolverine gehörte schon als Kind zu seinen Lieblingsfiguren. Mit zwölf oder dreizehn Jahren schaute er nach der Schule „X-Men: The Animated Series“.
Das Vorsprechen selbst lief offenbar nicht schlecht. Eigentlich hätte McIntyre danach gehen sollen, stattdessen bat ihn das Team, noch zu bleiben und weitere Zeilen aufzunehmen. Seine damalige Reaktion beschreibt er heute mit typisch trockenem Humor: „Da dachte ich: Okay, dann war ich zumindest nicht scheiße.“
Danach begann allerdings erst das lange Warten. Weitere Castings, weitere Prüfungen, keine Gewissheit. Bis irgendwann der Anruf kam: Er ist Wolverine.
Dass genau das tatsächlich passiert ist, scheint McIntyre bis heute nicht vollständig zu begreifen. „Es gibt keine Welt, in der ich mir hätte vorstellen können, dass ich dieser Typ sein darf“, sagt er. „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.“
Wolverine machte Liam McIntyre zum Grunz-Spezialisten
Natürlich besteht die Arbeit als Logan nicht nur aus emotionalen Szenen. Wolverine knurrt, schreit, ächzt und grunzt. Sehr viel sogar. An einen Voice-over-Tag erinnert sich McIntyre besonders gut, weil im Skript etwa zehn Grunzlaute direkt hintereinander standen. Jeder davon sollte allerdings etwas anderes ausdrücken: aggressiv, nachdenklich, frustriert.
„Ich habe inzwischen eine unglaubliche Palette an Grunzlauten“, scherzt der Schauspieler. „Ich werde der qualifizierteste Mensch der Welt im Grunzen sein.“
Hinter dem Gag steckt allerdings eine echte schauspielerische Herausforderung. Logan ist kein Charakter, der permanent ausführlich erklärt, was in ihm vorgeht. Vieles muss McIntyre über Stimme, Haltung und kleine Reaktionen vermitteln. Genau diese Fähigkeit hatte auch Creative Director Marcus Smith in unserem exklusiven Interview hervorgehoben: McIntyre habe das Team beim Casting unter anderem deshalb überzeugt, weil er mit sehr wenigen Worten sehr viel Emotion transportieren könne.
Auch beim Performance Capture hilft ihm seine Theatervergangenheit. McIntyre war es aus kleineren Bühnenproduktionen gewohnt, mit wenig Kulisse zu arbeiten und sich Räume oder Gegenstände schlicht vorzustellen. Die eigentliche Herausforderung seien eher die technischen Einschränkungen. Eine Gesichtskamera sitzt direkt vor seinem Kopf, Größenunterschiede zwischen Figuren müssen simuliert werden und ein natürlicher Blickkontakt ist nicht immer so selbstverständlich, wie er am Ende im Spiel aussieht.
Gerade bei Szenen mit Sabretooth habe McIntyre irgendwann darum gebeten, möglichst natürlich mit seinem Gegenüber spielen zu dürfen, anstatt permanent einen künstlichen Höhenunterschied zu simulieren. Das Team habe die technische Anpassung anschließend übernommen.
Wie viel Liam McIntyre steckt tatsächlich in diesem Wolverine?

Offenbar eine ganze Menge. Marcus Smith hatte uns bereits erzählt, dass McIntyre dem Team teilweise nachts lange E-Mails mit Gedanken und Ideen zu Logan schickte. Darauf angesprochen muss der Schauspieler lachen: „An alle bei Insomniac: Es tut mir so leid.“
Gleichzeitig schwärmt er davon, wie ernst diese Ideen genommen wurden. Wenn ihm beim Nachdenken über eine Szene auffiel, dass eine Handlung möglicherweise nicht zur Figur passte oder eine Entscheidung andere Konsequenzen haben müsste, schrieb er dem Team. Manchmal erhielt er schnell eine Antwort, manchmal dauerte es länger, doch seine Fragen seien nie einfach ignoriert worden. Mal wurde eine Idee tatsächlich weiterverfolgt, mal erklärte ihm das Team, warum sie nicht funktionieren konnte.
„Sie haben mir unglaublich viel Freiheit gegeben, diese Figur gemeinsam mit ihnen aufzubauen“, erzählt McIntyre. Trotzdem betont er mehrfach, dass dieser Wolverine keineswegs allein seine Schöpfung sei. Schauspieler, Autoren, Regisseure, Stuntteam und Animatoren hätten gemeinsam an Logan gearbeitet. „Es braucht dafür wirklich ein ganzes Dorf. Wir haben ihn auf jede erdenkliche Weise zusammen erschaffen.“
Für McIntyre besitzt das Ganze noch eine besonders kuriose Ebene: Er ist selbst Gamer. Er spricht begeistert über „Tekken“, „Civilization“, „Monkey Island“ und natürlich Insomniacs „Spider-Man“. Als er den ersten Teaser zu „Marvel's Wolverine“ sah, dachte er sofort, dass er dieses Spiel unbedingt spielen müsse.
Mittlerweile gibt es dabei allerdings ein kleines Problem: Er selbst ist überall darin zu sehen.
„Es ist überwältigend“, beschreibt McIntyre das Gefühl, sich als Wolverine auf dem Bildschirm zu betrachten. Als Kind schaute er Logan im Fernsehen, heute bewegt sich diese Figur wie er, sieht ihm ähnlich und trägt seine Stimme. Als der erste Trailer veröffentlicht wurde, habe er erstmals wirklich realisiert: „Es ist echt. Ich glaube, es ist wirklich echt.“
Ganz ohne Nebenwirkungen bleibt das aber nicht. Wenn Wolverine im Spiel brutal verletzt wird, sieht McIntyre schließlich gewissermaßen sich selbst dabei. „Oh, ich wurde gerade in den Kopf gestochen. Das ist unangenehm“, scherzt er. „Bei dieser Figur ist es also auch ein bisschen traumatisierend.“
Was Liam McIntyre von Wolverine gelernt hat
Zum Abschluss wollen wir von McIntyre wissen, welchen Rat sein Logan einem Menschen fürs Leben geben könnte. Seine Antwort bringt seine Interpretation der Figur erstaunlich gut auf den Punkt: weitermachen.
„Egal wie schlimm das Leben ist: Wenn du noch einen einzigen Tropfen Hoffnung übrig hast, kannst du etwas erreichen, das unmöglich erscheint“, sagt der Schauspieler. Dabei erinnert er sich an einen Satz aus seiner Zeit bei „Spartacus“. Während eines harten Trainings habe ihm jemand beigebracht: „Es geht immer noch eins.“
Für McIntyre verkörpert Wolverine genau diese Haltung. Selbst wenn Logan überzeugt ist, dass er nicht mehr kann, steht er trotzdem noch einmal auf. Nicht, weil ihm nichts weh tut, sondern obwohl es weh tut.
Und zumindest auf eine wichtige Frage kennen wir nach unserem Gespräch ebenfalls die Antwort: Würde McIntyre Wolverine auch auf Deutsch sprechen?
„Ich müsste ein bisschen üben“, sagt er und lacht. Dabei hat er im Interview immer wieder angedeutet, dass er aus seiner Schulzeit in Australien noch über einen exzellenten deutschen Wortschatz verfügt und auch die eine oder andere Stadt in der Bundesrepublik schon besucht hat. Einen entscheidenden Vorteil hätte er aber so oder so, wie er uns zum Abschluss des Gesprächs verrät: „Ich kann problemlos auf Deutsch grunzen.“
„Marvel's Wolverine“ erscheint am 15. September 2026 auf PS5 und PS5 Pro.






