Potsdamn, son

Kein „Tatort“ heute: Eine Ode an die Langeweile – Kritik zum „Polizeiruf: Goldraub“ aus Potsdam

Bisher konnte sich jeder „Polizeiruf“ in diesem Jahr sehen lassen – doch der Fall „Goldraub“ aus Potsdam möchte mit diesem Muster unbedingt brechen …

Die Kommissare Vincent Ross (André Kaczmarczyk) und Karl Rogov (Frank Leo Schröder) ermitteln in der Potsdamer Innenstadt.
Langeweile vorprogrammiert: Kommissare Vincent Ross (André Kaczmarczyk) und Karl Rogov (Frank Leo Schröder) versuchen im Potsdamer „Polizeiruf“ einen Goldraub zu lösen. Foto: rbb/Christoph Assmann

Wir sind wieder an dem Punkt des Jahres angekommen, an dem man nicht weiß, ob man am Sonntag einen „Tatort“ oder doch eher einen „Polizeiruf“ bekommt. Das perfekte Beispiel ist der dieswöchige Fall „Goldraub“, der ein Beitrag des Potsdamer „Polizeiruf“-Teams ist. Und dieses bekleckert sich diese Woche nicht unbedingt mit Ruhm.

„Goldraub“: Worum geht es im „Polizeiruf“ aus Potsdam?

In Potsdam treibt eine Bande mit Clownmasken ihr Unwesen, die Schmuckgeschäfte und Juweliere ausraubt. Nachdem der Hauptermittler des Falls in den Ruhestand gegangen ist, liegt es nun an Ermittler Ross (André Kaczmarczyk) und Rogov (Frank Leo Schröder), der Bande auf die Schliche zu kommen. Als bei einem weiteren Raubzug ein Juwelier ums Leben kommt, müssen sich Ross und Rogov aufteilen. Rogov geht mit seiner Kollegin Klempke (Anne Müller) sowie einem Spürhund auf die Suche, um einen angeschossenen Täter zu finden. Währenddessen hakt Ross nach, was es mit der gestohlenen Ware auf sich hat, und wird schnell Teil eines interfamiliären Dramas.

Ein Angriff auf die Geduld: In „Goldraub“ ist nichts los

Das Ermittlerteam aus Potsdam erinnert an das „Tatort“-Team aus Dortmund – zumindest in der Hinsicht, dass auch hier die Ermittler und Ermittlerinnen wie Unterwäsche ausgewechselt werden. Manch böse Zungen mögen behaupten, dass das mit der Qualität der Fälle zusammenhängt … ich bin eine dieser bösen Zungen.

Letztes Jahr wartete das deutsch-polnische Team in Potsdam mit dem Fall „Spiel gegen den Ball“ auf, der auch mit einer gewissen sommerlichen Gemütlichkeit um die Ecke kam. Gemütlichkeit ist per se auch in Ordnung, aber eben nicht in einem deutschen Fernsehkrimi. Minutenlang sitzt man hier nur in sonnig ausgeleuchteten Wohnzimmern, Verhörräumen oder Polizeibüros und hofft, dass mal endlich etwas von Bedeutung passiert. Aber um diese Hoffnung vollends im Keim zu ersticken: Dieser Moment kommt nicht.

Stattdessen bekommt man eher das Gefühl, dass Ross und Rogov umgeschult haben und mittlerweile Familienaufstellungen machen, denn dem toxischen Wirrwarr der Familie Michalski wird viel zu viel Raum gegeben.

Antibiotikum gegen den Sonnenstich: Immerhin sind die Ermittler in Ordnung

Ein weiteres Gleichnis zum Team aus Dortmund: Immerhin sind die beiden Ermittler als Figuren stark genug, um „Goldraub“ nicht vollends in der Belanglosigkeit versinken zu lassen. Ein wenig so, als hätte jemand Fabers Charisma auf zwei Figuren aufgeteilt.

Die Geschichten von Rogov und Ross liefern zwar keinen Mehrwert für die Handlung, sind aber ehrlicherweise interessanter als das, was im eigentlichen Kriminalfall passiert. Die zentralen Figurenfragen sind hierbei: Wird es Rogov schaffen, mit dem Rauchen aufzuhören? Und kann Ross sein Liebesleben wieder unter Kontrolle bringen? Ob es nun ein Kompliment ist, zu sagen, dass Nebensächlichkeiten, die nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun haben, interessanter sind als der Krimipart, muss jeder und jede für sich selbst entscheiden.

Waren Sie schon mal in Potsdam? Augenscheinlich nicht, denn „Goldraub“ macht ordentlich Werbung

„Goldraub“ als einen Kriminalfall zu bezeichnen, wäre aber zu hochgegriffen, denn zwischen Familienaufstellungen und privaten Problemchen der Ermittler bekommt man auch noch Werbung den Hals hinuntergewürgt – ganz nach dem Motto: „Schauen Sie mal, wie schön Potsdam in der sommerlichen Sonne ist. Würden Sie nicht mal gerne in das örtliche Museum gehen? Oder doch in einen unserer schönen Parks? Nein? Dann kann Sie ja vielleicht die wunderschöne Potsdamer Innenstadt begeistern, deren Mehrwert wir extra noch einmal hervorheben.“

Als wäre dieses Stadtmarketing nicht genug, bekommt man den Rest der Zeit Polizeiwerbung um die Ohren gehauen – fast so, als würde man das doch etwas betagte ARD-Publikum noch dazu ermutigen wollen, über eine Ausbildung nachzudenken. Dann könnte man immerhin mit Polizeihunden arbeiten, einen Gesichtsabgleich mit modernster Software machen oder im Büro schlafen. Oder man könnte einfach versuchen, einen Kriminalfall zu erzählen. Aber was weiß ich schon?

„Goldraub“: Zeit ist Geld und Geld ist Gold wert

Nach einem wirklich starken „Polizeiruf“ aus Magdeburg und einem moralischen Hin und Her in München bleibt in Potsdam ein „Polizeiruf“ für niemanden zurück – außer vielleicht all jene, denen das Ende des letztwöchigen „Tatort“ aus Frankfurt zu traurig war.

Wer heute Abend den „Polizeiruf“ schaut, wird voraussichtlich keine großartige, sondern eher eine durchwachsene Zeit haben. Aber irgendwie möchte man am Sonntagabend doch mehr als das. Man könnte zum Beispiel nach Potsdam reisen oder bei der Polizei anheuern. Ich habe gehört, das sollen echt tolle Erlebnisse sein.