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Kino

Alles andere als gewöhnlich: So fand Disneys „Encanto“ seine Geschichte

Im Herbst 2021 erschien Disneys langersehnter Animationsfilm „Encanto“. Wir sprachen mit den Schöpfern Byron Howard, Jared Bush und Charise Castro Smith über den Weg des Musicals zu seiner Geschichte.

Maribel sitzt mit ihrer Familie und hät dabei die wieder intakten Kerze.
„Encanto“ ist zu einem echten Disney-Klassiker geworden. Foto: Disney

Die Familie Madrigal ist alles andere als gewöhnlich. Wohnhaft in einem kleinen Dorf in den Bergen Kolumbiens umgibt die Familie eine wahrhaft magische Geschichte, von der die ganze Gemeinschaft profitiert. Jedem Familienmitglied wird als Kind eine ganz besondere Fähigkeit zuteil. Da ist zum Beispiel Luisa, der eine unmenschliche Stärke innewohnt, mit der sie den Dorfbewohnern schon etliche Male aus der Patsche geholfen hat. Oder Isabela, die mit ihrer Schönheit und ihrer Macht, Pflanzen sprießen und erblühen zu lassen, einem jeden ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Oder Tante Pepa, die mit ihren Emotionen das Wetter beeinflussen kann.

Einzig Mirabel besitzt keine magische Gabe. Sie versucht zwar, sich nichts anmerken zu lassen und mit guter Laune über ihre wahren Empfindungen hinwegzutäuschen, doch in Wahrheit fühlt sie sich in ihrer Familie oft wie eine Aussätzige. Niemand ahnt, dass es ausgerechnet Mirabel ist, an der das Schicksal ihrer Familie eines Tages hängt. Denn die Magie, die das Haus, in dem die Madrigals leben und aus dem sie ihre Zauberkräfte beziehen, droht zu versiegen – und Mirabel ist die einzige, die das verhindern kann…

„Encanto“-Schöpfer: „Wir lieben Musicals“

Mirabel tragt einen Korb mit sich und ist von kleinen Kinder umgeben.
Mirabel ist die einzige ihrer Familie, die keine magischen Kräfte hat. Foto: Disney

„Encanto“ ist die 60. Produktion der Walt Disney Animation Studios und gleichzeitig das Herzensprojekt von Regisseur Byron Howard („Rapunzel - Neu verföhnt“) und Jared Bush („Vaiana“). Die beiden arbeiteten gerade an „Zootopia“ zusammen, als sie beschlossen, noch einmal gemeinsame Sache zu machen. "Und es wurde das aufregendste Abenteuer unserer Karriere", so Howard 2021 während der digitalen Pressekonferenz und im anschließenden Interview.

„Bei ‚Zootopia‘ hatten wir darüber gesprochen, was einen Film mit sprechenden Tieren besser machen würde - Charaktertiefe, eine gewisse Kultiviertheit ohne dabei die Unterhaltung zu opfern, aber im Kern auf etwas fußend, das wirklich etwas zu sagen hat. All diese Storytelling-Prinzipien wollten wir jetzt auf ein Musical anwenden“, erinnert sich Howard. Die Erklärung ist simpel: „Wir waren selbst lebenslang Musiker – Jared und ich spielen beide Posaune (lacht) – und lieben, lieben, lieben Musicals!“

Um sich dem Ganzen neu anzunähern, hätten sie gewusst, dass sie mit „dem Besten“ würden arbeiten müssen. Howard: „Und glücklicherweise hatte Jared mit diesem Typen wegen ‚Vaiana‘ schon zusammengearbeitet…“

Disney-Fans wissen, wer „dieser Typ“ ist: Niemand Geringeres als der preisgekrönte Komponist Lin-Manuel Miranda, der für seine Filmmusik unter anderem bereits mit einem Grammy ausgezeichnet und für einen Oscar nominiert wurde.

Bush und Howard hatten Glück: Obwohl die Storyline noch nicht stand, sagte Miranda ihnen zu. „Es passiert nur sehr selten, dass du deinen Komponisten bereits in so einem frühen Stadium an Bord hast“, erklärt Howard. Ein immenser Vorteil, wie er rückblickend sagt: „Es war eine unglaubliche Erfahrung für uns. Das hat uns als Team zusammengeschweißt und dazu geführt, dass wir alle dasselbe wollten. Wir konnten uns wirklich darauf fokussieren, wie wir diese riesige, komplizierte Familiengeschichte mit so viel Musik und Magie wie möglich erzählen wollen.“

„Wie gut kennen wir unsere Familie wirklich?“

Disneys „Encanto“: Die Familie Madrigal vor ihrer „Casita“
Foto: Disney

Doch bis diese überhaupt Form annahm, sollte noch einige Zeit vergehen. „Wir haben uns gefragt: Was haben wir alle gemeinsam?“, erinnert sich Bush an die Ideenfindung zurück. Howard ergänzt: „Familie. Egal, wie groß und wie beschaffen, jeder von uns hat eine. Und Lin, Jared und ich haben eine sehr große. Daher galten unsere ersten Recherchen tatsächlich uns selbst und unseren Familien. Bald merkten wir, dass sich unser Film um eine zentrale Frage drehen sollte: Wie gut kennen wir unsere Familie wirklich?“

Ein intensives Gespräch brachte Bush seiner Schwester nach Jahren wieder näher und schließlich wurde ihm klar, worum es in ihrem Musical gehen sollte: „Es sollte uns helfen, uns gegenseitig besser zu verstehen. Sichtweisen und Verständnis - das sollte die Grundlage des Films werden. Er soll helfen zu erkennen, dass jeder um uns herum seine eigenen Kämpfe austrägt und seine Entscheidungen trifft, und diese machen jeden zu dem/der, der/die er/sie ist.“

Die Grundidee stand also. Doch ebenso wichtig wie die Thematik eines Films ist das Setting. Howard: „Wir drei sprachen über Lateinamerika. Und je mehr wir darüber sprachen und über die Bedeutung von Familie in der Region, desto mehr wollten wir über einen Ort erfahren, den sie die Kreuzung Lateinamerikas nennen. Kolumbien.“  

Etliche Gespräche mit kolumbianischen Freunden später, gingen Howard, Bush und Miranda ihrer Idee 2018 schließlich nach - und durchstreiften das Land auf eigene Faust. „Lateinamerika ist so groß und es gibt so viele Geschichten, die von Filmemachern erzählt werden können. Für uns war ganz speziell Kolumbien der perfekte Ort, um dort ‚Encanto‘ spielen zu lassen. Dort treffen sich Musik, Kultur und so viele verschiedene Ethnien“, so Howard.

„Viele Menschen wissen nicht, wie wundervoll Kolumbien ist. Für mich war es eine Wahnsinnserfahrung, mit meinem Team nach Kolumbien zu reisen und mir mit eigenen Augen anzusehen, wie unglaublich dieses Land ist, zu sehen, was den Kolumbianer:innen wichtig ist, wie die Familien dort funktionieren. Damit betraut zu sein, das in ‚Encanto‘ repräsentieren zu dürfen, ist ein unglaubliches Geschenk, das wir sehr ernst genommen haben.“ 

Die Gesten der Figuren, ihre Eigenarten, das Essen, die Umgebung - alles in "Encanto" soll eine Hommage an die kolumbianische Lebensart sein, erklärt Howard.

So kam Disneys neuestes Musical zu seinem Namen

Während ihres Kolumbientrips machte die kleine Gruppe eine Entdeckung, die sich schließlich als zentrales Element in ihrem Musical – und in dessen Namen - wiederfinden sollte: „Eines des coolsten Dinge, die wir in Kolumbien erlebt haben, waren Orte von höherer Spiritualität, Orte der Magie, die die Leute Encantos nennen. Die gibt es überall in Lateinamerika, normalerweise in Gebieten voller natürlicher Wunder. Das hat nichts mit europäischer Magie zu tun, mit Zauberern oder Zauberstäben, sondern mit Magie. Die Encantos sind mit Emotionen verbunden und Teil einer Tradition namens magischer Realismus.“

Encanto: Das magische Haus der Madrigals
Das magische Haus der Madrigals. Foto: Disney

Hier kam Autorin Charise Castro Smith ins Spiel, die sich fortan gemeinsam mit Bush dem Script verschrieb. "Als wir die Magie in die Familiengeschichte einwoben und über diese Encantos nachdachten, wurde alles lebendig. Wenn unsere Familie in einem dieser magischen Encantos lebte, so dachten wir, vielleicht wären dann die dort geborenen Kinder etwas Besonderes...", erinnert sie sich.

Allerdings, betont Castro Smith, sei es immer ihr Wunsch gewesen, dass ihre Geschichte auch ohne Zauberei funktionieren würde. "Die Beziehungen und die einzelnen Figuren sollten so glaubhaft und in sich rund sein und die Zuschauer in ihnen wiedererkennen lassen, dass die Magie nur ein zusätzliches Element ist, das zwar schön ist und Spaß macht, aber letztendlich auf den Figuren, ihren Bedürfnissen, ihren Herzen und ihrem Drive fußt."

Lin-Manuel Mirandas Musik veränderte die Madrigals

Wichtiger Ideengeber war hier auch Miranda. "Für Charise und mich war Lin ebenfalls Drehbuchautor", berichtet Bush. Jeder von ihnen habe die Familienmitglieder sehr gut kennen müssen, um ihre Geschichten zu erzählen und seine Vorstellung von ihnen auf Papier und Leinwand zu bringen. Musik habe darauf einen großen Einfluss gehabt, so Bush.

Mirandas Stücke hätten nicht selten dazu beigetragen, die Sichtweise auf eine Figur zu ändern und diese zu einem komplexeren Charakter werden zu lassen. So wie Mirabels Schwester Luisa, in der alle nur die Starke sehen, die sich innerlich jedoch ein Leben ohne eine derartige Verantwortung wünscht. "Die Bridge in der Mitte des Stücks, in der Luisa über ihre Wünsche spricht - daran hatten wir vorher nicht gedacht", erzählt Bush.

Seine Co-Autorin ergänzt: "Lin ist wirklich grandios darin, jeder Figur eine eigene Bühne zu geben, eine eigene musikalische Idee. Es gibt zwölf Madrigals, die alle ihren eigenen Charakter, ihre Reisen, ihren Spannungsbogen, ihre eigenen Motive und musikalischen Lines, das hat uns bei der Entwicklung der Geschichte geholfen. Lins Stücke haben uns einen großen Einblick in ihr Innerstes gegeben."

Das finale Script stand übrigens erst wenige Wochen vor Kinostart. "Eine der tollen Sachen an Animationsfilmen ist, dass man sich langsam dem annähern kann, wo man hinwill", schwärmt Castro Smith. "Es bedeutet die Welt für mich, dieses Mal dabei gewesen zu sein."

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