gör sommer

Wie „Werbung für Frauen“ – Kritik zum Charli XCX-Film „The Moment“

Sängerin und augenscheinliche Gen-Z-Ikone Charli XCX räumt in „The Moment“ mit sich selbst auf. Doch wie ehrlich ist der Film wirklich, und kommen Fans auf ihre Kosten?

Charli XCX steht mit einem Weinglas in der Hand in einem Badezimmer und telefoniert. Im Weinglas ist Aperol Spritz.
Charli XCX: Nicht auf der Bühne sondern auch in „The Moment“ ist die Sängerin eine absolute Wucht. Foto: Universal

Kaum jemand ist so in der Popkultur eingeschlagen wie die britische Sängerin Charli XCX. Der durch sie hervorgerufene „brat summer“ war 2024 ein regelrechtes kulturelles Phänomen – mit welchem XCX aber scheinbar abschließen möchte. Und irgendwo zwischen Halbwahrheiten, Überhöhungen und purem Chaos versucht Charli XCX in ihrem Mockumentary-Film „The Moment“ einzuordnen, wie sie zu sich selbst steht. Ob das funktioniert, verraten wir dir in unserer Kritik …

„The Moment“: Davon handelt der Charli XCX-Film

In „The Moment“ spielt Charli XCX sich selbst. Wir befinden uns einige Zeit nach dem brat summer, und ihr Label hat starkes Interesse daran, das Momentum, das ebenjener Sommer hervorgerufen hat, auszunutzen. Prompt soll ein Konzertfilm zu ihrer Tour entstehen, doch Charli ist mit den Ideen, die in den Raum geworfen werden, überhaupt nicht einverstanden. Ihr Traumszenario wäre es, wenn ihre Freundin und kreative Koordinatorin Celeste (Hailey Benton Gates) das komplette Projekt übernimmt, doch das Studio engagiert den übermotivierten und glattgebügelten Johannes (Alexander Skarsgård), um den Konzertfilm zu drehen. Daraus resultiert ein absolutes Chaos, bei dem Charli sich fragen muss, ob sie lieber ihr Ding durchziehen möchte oder sich dem Label beugt …

Zielgruppen: Hat „The Moment“ überhaupt eine?

Charli XCX hat sich laut eigenen Aussagen „genötigt“ gefühlt, einen Konzertfilm oder eine Tourdoku zu drehen. Stattdessen hat sie sich aber dafür entschieden, eine fiktive Dokumentation (Mockumentary) über eine ebenso fiktive Version ihrer „brat“-Tour zu konzipieren. Der Film verdeutlicht das auch, aber ich glaube, dass das gleichzeitig auch das größte Problem für alle Zusehenden sein wird.

Denn, um vollends ehrlich zu sein: Für ein breites Publikum ist der Film viel zu verklausuliert. Auch wenn man am Anfang abgeholt wird, wer XCX ist und was der brat summer war, werden all jene, die sie nicht oder kaum kennen, sich schwertun, der überhöhten Version der Sängerin zu folgen.

Gleichzeitig kommen die Fans aber auch nicht auf ihre Kosten. Denn am Ende des Tages ist davon auszugehen, dass Fans am ehesten die glattgebügelte Version sehen wollen würden – sprich einen Konzertfilm oder ein Biopic.

Die Sängerin St. Vincent hatte beispielsweise 2020 mit „The Nowhere Inn“ ein ganz ähnliches Konzept präsentiert. Doch statt eine fiktive Aufarbeitung der Ereignisse zu inszenieren, hat sie ihre Idee lieber mit einem Genre-Ansatz vermengt und so einen wirklich sehenswerten Thriller abgeliefert. Was aber hingegen „thrillt“ …

Charli XCX: Top 10 Personen, die in jeden Film gehören

Zugegeben, ich kenne mich mit der Musik von Charli XCX eher mäßig aus, aber wenn ihre Musik nur ansatzweise so gut wie ihr Schauspiel ist, dann steht dieser Frau eine noch längere Karriere ins Haus. Oder, um im musikalischen Jargon zu bleiben: Charli XCX spielt die emotionale Klaviatur einmal rauf und runter.

Dabei erinnert sie am ehesten an Adam Sandler in „Uncut Gems“ (2019) oder Griffin Dunne in „After Hours“ (1985). Der Sängerin gelingt es stellenweise immer wieder, zur menschgewordenen Panikattacke zu mutieren – und einen Moment später ist sie wieder bestens gelaunt, unsicher, tieftraurig und/oder voller Wut. Man merkt ihr an, dass sie bereits einige Jahre im Showbusiness auf dem Buckel hat und vielleicht viel häufiger nicht nur die Soundtracks für Filme bereichern, sondern auch die Filme selbst bereichern sollte.

Der mit den Tauben tanzt: Alexander Skarsgård ist das „heimliche“ Highlight von „The Moment“

Charli XCX steht neben Alexander Skarsgard auf einer Bühne.
Der heimliche Held des Films: Alexander Skarsgård ist mit Abstand der lustigste Schauspieler in „The Moment“. Foto: Universal

Wer dieses Jahr bisher noch nichts zu lachen hatte, hat noch nicht Alexander Skarsgård in „The Moment“ gesehen. Der Mann, den Hailey Benton Gates (in ihrer Rolle selbstverständlich) als jemanden beschreibt, „der Werbung für Frauen“ dreht, ist nicht nur ein herausragender Darsteller, sondern bringt auch absolutes Humorpotenzial mit.

Um das einzuordnen: Alexander Skarsgård als Johannes ist der schlimmste Albtraum. Augenscheinlich ein korrekter Typ, der aber, sobald er das Ruder in die Hand nimmt, ein absoluter Mansplainer wird. Aber: Mansplaining war noch nie lustiger. Wenn dieser Mann neben Charli auf die Bühne steigt und so tut, als wäre er sie, um ihr zu erklären, wie sie ihre Fans zu behandeln hat, dann dürfte man das wahrscheinlich schon gar nicht mehr mitbekommen – weil man zu sehr mit Lachen beschäftigt ist. Es gibt nur ein fundamentales Problem: Alexander Skarsgård bekommt nicht genügend Raum, um lustig zu sein.

„The Moment“: Wenn man „Werbung für Frauen“ etwas zu ernst nimmt

Was weniger lustig ist: der Film und seine Werbung. Denn stellenweise fühlt es sich eher an, als würde man einen Animationsfilm schauen, wenn man bedenkt, wie viel Merchandising im Hintergrund steht. Der A24-Shop ist voller Charli-XCX-Produkte. Von Feuerzeugen über T-Shirts bis hin zu brat-Kreditkarten, die (augenscheinlich?) inoffiziell vertrieben werden. Ich habe kein Problem damit, wenn man sichtlich mit einem Film Geld verdienen möchte, aber es bringt keinen Spaß, einen Film zu sehen, der anprangert, dass Musiker und Musikerinnen absurdeste und fragwürdigste Werbedeals annehmen – nur um dann zu sehen, dass das absurde Merchandise zum Film bereits in den Regalen liegt. Dieser ganze Umstand erinnert mich an „Der Lorax“ (2012) … und wenn ein Film einen an „Der Lorax“ erinnert, dann weiß man, dass etwas nicht stimmen kann.

Ebenso präsent ist Vitamin B. Charlis Freunde und Freundinnen dürfen hier glücklich durch die Botanik hüpfen, erfüllen aber keinen wirklichen Mehrwert. Viel eher kommt einem das Wort „Zielgruppenerweiterung“ in den Kopf. Wer sich erhofft, viel von Kylie Jenner oder Rachel Sennott zu Gesicht zu bekommen, wird eher enttäuscht. In dieser Hinsicht kann man sich dem Vorwurf auch nicht entziehen, „Werbung für Frauen“ zu sein – auch wenn die „Werbung“ in einem leicht anderen Kontext steht, als der Film es meint.

„The Moment“: Der brat summer ist vorbei

Eines muss man „The Moment“ lassen: Es ist ein Film, bei dem man viel spürt. Verwirrung, Freude, Abneigung, Langeweile, Nostalgie. Das sind nicht unbedingt die Eigenschaften eines guten Films, aber auch nicht unbedingt die Eigenschaften eines schlechten Films. Viel eher ist „The Moment“ ein Produkt – und ein Produkt seiner Zeit.

Der Gedanke, dass Charli-XCX-Fans diesen Film verteidigen werden, auch wenn sie ihn nicht mögen sollten, ist nicht ganz abwegig. Gleichzeitig ist aber auch vorstellbar, dass gerade Personen, die Charli XCX nicht mögen, den Film lieben werden. Ich persönlich hatte mich immer wieder an „8 Mile“ (2002) erinnert gefühlt. Nicht von der Qualität her, sondern viel eher in der Hinsicht, dass Eminem dort am Ende auf der Bühne steht und dasselbe tut, was Charli XCX hier tut. Er und sie nehmen allen anderen den kompletten Wind aus den Segeln, damit niemand mehr etwas zu beanstanden hat. Aber das scheint Eminem etwas besser gelungen zu sein, wenn man bedenkt, wie lang diese Kritik ist …