Absolutes Filmhighlight

Türkisch für Fortgeschrittene – Kritik zu İlker Çataks „Gelbe Briefe“

Nach seinem oscarnominierten Meisterstreich „Das Lehrerzimmer“ wartet İlker Çatak mit seinem nächsten Film auf. Dieser heißt „Gelbe Briefe“ und hat es echt in sich …

Man sieht das Poster des Films „Gelbe Briefe“.
Ein Film wie kein anderer: „Gelbe Briefe“ ist ein absolutes Highlight der Berlinale. Foto: Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

İlker Çatak ist der wohl spannendste deutsche Regisseur, der derzeit in Deutschland hinter der Kamera sitzt. Nach seinem mehr als gelungenen Jugendfilm „Es war einmal Indianerland“ (2017) und seinem Beitrag zum Auslandsoscar „Das Lehrerzimmer“ (2023) präsentiert er mit „Gelbe Briefe“ nun seinen neuesten Film. Bei diesem handelt es sich um ein politisch aufgeladenes türkisches Familiendrama, das mit vielen kreativen Ideen um die Ecke kommt.

„Gelbe Briefe“: Wovon handelt das Filmdrama?

Prinzipiell läuft für Derya (Özgu Namal) und Aziz (Tansu Biçer) in Ankara alles bestens: Sie ist eine renommierte Theaterdarstellerin und er ist angesehener Universitätsprofessor. Doch dieses schöne Leben dreht sich, denn aufgrund einer regierungskritischen Aussage seitens Aziz verlieren beide ihre Jobs. Gemeinsam mit ihrer Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) müssen sie zu Aziz’ Mutter Güngor (İpek Bilgin) nach Istanbul ziehen. Dort angekommen beginnt ein nackter Kampf ums Überleben, denn sie sind weiterhin in Geldnöten und versuchen parallel, ihre Familie um jeden Preis zusammenzuhalten – eine Herausforderung, die schwerer als gedacht ist.

Nichts ist, wie es scheint: „Gelbe Briefe“ macht das, was andere deutsche Filme nicht können

Während „Gelbe Briefe“ habe ich mir immer wieder gedacht: „Das könnte hier genauso gut ein deutsches Filmdrama von Sönke Wortmann sein – ist es aber zum Glück nicht.“ Tendenziell könnten die Hauptrollen von Florian David Fitz, Karoline Herfurth und Senta Berger gespielt werden, aber statt den vorhersehbaren Weg zu gehen, entscheidet sich Çatak dafür, lieber kreativ zu sein.

Das fängt mit den Drehlocations an. Statt den Film tatsächlich in der Türkei zu drehen, was sicherlich auch ein schwieriger Umstand gewesen wäre, behauptet Çatak lieber, dass Berlin Ankara und Hamburg Istanbul sei. Clever, denn so investiert man einerseits die ausgegebenen Kosten zurück in die fördernden Bundesländer und andererseits inszeniert man die Orte so authentisch, dass man tatsächlich glaubt, an einem der besagten Orte zu sein. Ein subversiver Ansatz, der wahrscheinlich genauso unbeliebt sein wird wie Çataks andere große Idee …

Lost without Translation: „Gelbe Briefe“ zwingt die Zusehenden, am Ball zu bleiben

Die wohl interessanteste Idee, die Çatak mitbringt, ist die Sprachauswahl. Denn statt seine Darsteller und Darstellerinnen Deutsch sprechen zu lassen, ist der komplette Film auf Türkisch inszeniert. Das ist nicht nur authentisch, sondern auch die perfekte Ausgangslage, um all jene mit Konzentrationsproblemen zu zwingen, am Ball zu bleiben – denn wer kein Türkisch versteht, muss wohl oder übel Untertitel lesen. Das ist zwar anstrengend, aber die Qualität des Films rechtfertigt die Idee.

Darsteller und Darstellerinnen, die sich sehen lassen: „Gelbe Briefe“ trumpft mit schauspielerischer Stärke

Çataks Kader ist wunderschön unverbraucht. Keine Nasen, die man in jedem deutschen Film sehen würde. Kein Casting, das nur getroffen wurde, um potenzielle Zielgruppen ins Kino zu locken. Stattdessen kontinuierlich ergreifende Darstellerleistungen, bei denen man in jeder Sekunde merkt, dass der Film allen Beteiligten am Herzen liegt.

Allen voran muss man aber unsere drei Hauptfiguren Derya, Aziz und Ezgi loben. Keine dieser Figuren ist nur eine Sache. Stattdessen wartet man mit vielschichtigen Charakteren auf, mit denen man im einen Moment sympathisiert, und im nächsten Moment hasst man ihre Entscheidungen. Özgu Namal, Tansu Biçer und Leyla Smyrna Cabas sind stets emotional aufgeladen und mit hundert Prozent dabei – etwas, was man im deutschen Film selten erlebt.

Politisch, aber kein Politikum: „Gelbe Briefe“ setzt ein wichtiges Zeichen

İlker Çatak setzt ein Zeichen und macht auf Umstände aufmerksam, die in Deutschland vermutlich nicht allen klar sein dürften. Er erzählt von Berufsverboten, unfairen Gerichtsverhandlungen und unfreiwilliger Heimatsflucht. Um Çatak zu zitieren: „Wie gehen wir mit einem System um, das uns in den zivilen Tod schickt, also vom gesellschaftlichen Leben ausschließt, uns zwar physisch am Leben lässt, doch rechtlich, sozial und beruflich auslöscht?“ Und eben darum geht es: Menschen, die unglücklich sein müssen, nicht weil sie sich selbst in die Misere gebracht hätten, sondern weil der Staat sie dazu zwingt – und erst, wenn man ganz unten angekommen ist, gräbt man sich selbst eine Grube, aus der man nicht mehr herauskommt.

„Gelbe Briefe“: Wer nicht ins Kino geht, ist selbst schuld

Es ist schon eher traurig: „Gelbe Briefe“ ist ein grandioser Film, der voraussichtlich seine Probleme haben wird, Publikum zu finden. Denn abgesehen vom Berlinale-Publikum ist das ein sehr schwermütiger und verklausulierter Film, der voraussetzt, dass man sich wirklich auf ihn einlässt.

Dennoch kann ich nur sagen, dass alle, die „Gelbe Briefe“ nicht im Kino sehen, selbst schuld sind. Denn der Film bringt eine der ehrlichsten und emotionalsten Geschichten mit, die man dieses Jahr sehen kann. İlker Çatak setzt seinen Lauf fort, und „Gelbe Briefe“ ist das perfekte Exempel dafür.