„Tatort“ heute: Zwischen echt nicht gut und schlecht – Kritik zum Fall „Innere Angelegenheiten“
Tobler und Berg aus dem Schwarzwald melden sich mit dem Fall „Innere Angelegenheiten“ zurück – und beweisen weiterhin, dass sie Potenzial haben … dieses aber nicht nutzen.

Wir befinden uns kurz vor der Zielgeraden: die letzten drei Fälle vor der Sommerpause. Bevor uns in den nächsten zwei Wochen noch Wien und Zürich um die Ohren gehauen werden, gibt es mit dem Schwarzwald-Fall „Innere Angelegenheiten“ das letzte deutsche Gastspiel der Saison. In diesem ermitteln Tobler und Berg in einem vermeintlichen Mordfall, wissen aber nicht, dass die wahren Täter eigentlich unter ihnen weilen.
„Innere Angelegenheiten“: Worum geht es im Schwarzwald-„Tatort“?
Aufruhr in Freiburg: Anton Pogoni, der Mitglied der Biker-Gang „Devils“ ist, wird tot in einem Club aufgefunden. Als einziger Täter hält Ramin Taremi (Omid Memar) her, der von Ermittler Berg (Hans-Jochen Wagner) verhört wird. Parallel ermittelt Ermittlerin Tobler (Eva Löbau) im Club und sucht nach Hinweisen auf den Tathergang.
Was die beiden aber nicht wissen: Die wahren Täter sind auf freiem Fuß. Es handelt sich dabei um sechs Bereitschaftspolizisten, die versuchen, die Tat zu vertuschen. Doch zwischen den Ordnungshütern geht es emotional hoch her, denn sie sind sich uneinig, ob sie die Tat gestehen sollten oder ob sie die Beweismittel verschwinden lassen.
Fremdenfeindlichkeit ohne Ende: Ein vollends fehlgeleiteter „Tatort“
Man kennt sie: diese Personen, die noble Intentionen haben, diese aber derartig schlecht kommunizieren, dass man sich fragen muss, ob die Intentionen tatsächlich jemals nobel waren. Dieses Szenario trifft vollends auf den „Tatort: Innere Angelegenheiten“ zu.
Man will gegen Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile vorgehen, bekommt das aber nicht hin und ist stattdessen unabsichtlich fremdenfeindlich und vorverurteilend – und über das „unabsichtlich“ kann noch gemunkelt werden. Das Problem ist Ermittler Berg, der in diesem Fall wie eh und je als Identifikationsfigur herhalten soll, stattdessen aber das Programm eines CDU-Parteitags wiederkäut. Er begegnet dem mutmaßlichen Täter überwiegend mit Abneigung, Vorurteilen und mangelnder Empathie gegenüber allen Personen, die nicht gebürtig aus dem Schwarzwald kommen. Dass gerade eine solche Person als Held für die Zuschauenden zu Hause dienen soll, ist extrem problematisch – und prinzipiell mangelt es einem Charakter, der vertuscht hat, dass die Leiche seines Vaters im Garten verscharrt ist, an moralischer Autorität. Zumal diese Charakterzeichnung für Berg überhaupt nicht zu der Art und Weise passt, wie er zuvor dargestellt wurde.
Oder um es kurz zu sagen: Man kann nicht gleichzeitig noble Intentionen haben und trotzdem fremdenfeindlich sein.
Sozialkritik – aber ohne Rückgrat
Was, wenn die da oben Dreck am Stecken hätten? Aber was, wenn auch irgendwie nicht? Auch das ist eine Frage, die dieser „Tatort“ aufmacht – exemplarisch darf dafür die Polizei herhalten. Man versucht, von Machtmissbrauch und Framing zu erzählen, dargestellt durch ein sechsköpfiges Team der Bereitschaftspolizei.
Dabei stellt man sich aber derartig in die Mitte und kommt zu keinem Punkt. Man versucht auszuarbeiten, ob die Tatvertuschung moralisch integer ist oder nicht. Aber in einer solchen Situation hilft es nicht, Schwarz-Weiß-Denken als differenzierte Gedankengänge darzustellen, denn jede Person mit Rückgrat wüsste, was in dieser Situation die richtige Entscheidung wäre.
Was dabei auch nicht hilft, ist, korrupte Cops zu zeigen und ihnen als Gegenpol die „korrekten“ Ermittler gegenüberzustellen, weil das Bild dadurch verschwimmt – und weil Berg, wie bereits gesagt, auch nicht unvoreingenommen ist. Da merkt man erneut, dass man bei moralischen Gedankenspielen eher auf den „Polizeiruf“ bauen sollte.
Anatomie eines Falls: Wo „Innere Angelegenheiten“ sonst noch versagt
Ein weiteres Wort, mit dem ich gerne in „Tatort“-Kritiken um mich werfe, ist „Pacing“. Dieses Wort beschreibt die Art und Weise, wie gut es einer Geschichte gelingt, Strecke zu machen und sich dabei gleichzeitig natürlich anzufühlen. Diesen Terminus muss ich vor allem so häufig erwähnen, weil der „Tatort“ ganz häufig daran scheitert, die Geschichte sinnvoll auf die 90-minütige Länge zu verteilen.
Das erkennt man an der gähnenden Langeweile, die „Innere Angelegenheiten“ vom tiefsten Inneren zerfrisst. Es ist einer dieser Schwafel-„Tatort“-Fälle, die sich für so clever halten, dass es den Schreibenden nie in den Sinn käme, auch Personen abzuholen, die das Ganze vielleicht nicht für clever halten. Wenn das Highlight deines Falls eine Mordauflösung durch Familienaufstellung ist, dann ist das weder originell, weil Murot das bereits 2021 im Fall „Murot und das Prinzip Hoffnung“ gemacht hat, noch ist es sonderlich spannend, weil es besagte Murot-Episode das auch war. Ergo: im Westen nichts Neues – aber im Süden auch nicht.
„Tatort“: „Innere Angelegenheiten“ sollten privat bleiben
Tobler und Berg bleiben durchmischt wie eh und je. Nach dem netten Kammerspiel „Der Reini“ und dem Schlafmangel-Antibiotikum „Das jüngste Geißlein“ lässt sich „Innere Angelegenheiten“ irgendwo in der Mitte verorten. Hier und dort ganz okay, aber überwiegend frustrierend und langweilig.
Aber das war gewissermaßen auch erwartbar, denn das letztwöchige Gastspiel aus Köln hat derartig vorgelegt, dass es schwer war, dieses zu toppen. Man kann dennoch nur hoffen, dass „Innere Angelegenheiten“ nicht repräsentativ für die restlichen Fälle der Saison ist.









