Ein „Tatort", der seinesgleichen sucht

„Tatort“ heute: Der beste „Tatort“ des Jahres – Kritik zum Fall „Murot und der Elefant im Raum“

Heute gibt es den letzten „Tatort“ des Jahres – und der hat es in sich. Warum „Murot und der Elefant im Raum“ so unfassbar gut ist, kannst du in unserer Kritik lesen.

Ulrich Tukur (l.) steht neben mehreren Personen in einer Fantasieverison einer Wohngegend.
Das Innenleben der Anderen: Murot (Ulrich Tukur, l.) wandelt diesmal durch fremde Gedanken. Foto: HR/Senator Film/Dietrich Brüggemann

Wer hätte das gedacht? Die ARD hat sich zum Jahresabschluss noch einen ganz besonderen „Tatort aufgehoben – unserer Meinung nach sogar den besten des Jahres. Doch warum ist der Beitrag aus Wiesbaden „Murot und der Elefant im Raum“ mit Ulrich Tukur ein unsäglich gelungener „Tatort“?

„Murot und der Elefant im Raum“: Das ist die Handlung des neuen „Tatorts“

Kommissar Murot (Ulrich Tukur) fühlt sich zunehmend von seiner Arbeit psychisch belastet, weshalb er einen Therapeuten (Robert Gwisdek) aufsucht. Dieser nutzt eine neuartige Maschine, mit der man in die eigenen Gedanken abtauchen kann, als Therapiemethode. Ebenjene Maschine wird plötzlich notwendig, als eine Mutter (Nadine Dubois) ihren eigenen Sohn (Lio Vonnemann) entführt und in ein Koma fällt. Um herauszufinden, wo sich ihr Sohn aufhält, muss Murot nun einen waghalsigen Schritt gehen und in die Gedanken der im Koma liegenden Mutter eintauchen …

Brügge(mann) sehen und sterben: Technisch überzeugt „Murot und der Elefant im Raum“

Für diesen „Tatort“-Beitrag zeichnet sich der Regisseur Dietrich Brüggemann verantwortlich, der bereits vor knapp zehn Jahren den maßlos unterschätzten „3 Zimmer/Küche/Bad“ (2012) inszeniert hat. Und wie gewohnt bringt Brüggemann wieder seine komplette künstlerische Schaffenskraft mit. Das merkt man schon ganz am Anfang, wo Mutter Eva während einer gerichtlichen Sorgerechtsverhandlung ein Fadenkreuz in derselben Optik des „Tatort“-Logos auf ein Blatt Papier zeichnet. Das ist eine Art Vorbote dessen, was einen erwartet, denn danach spaltet sich dieser verspielte optische Gag in eine Vielzahl an gelungenen Gags und noch gelungenerer Optik.

So bekommt man beispielsweise einen Matchcut vorgesetzt – also einen Schnitt, der ein ähnliches Bild zeigt wie das, was man zuletzt gesehen hat. Ein weiterer toller Kniff ist, dass sich in manchen Szenen die Kamera mitdreht, wenn sich Murot aus der Schieflage des Bettes erhebt. Doch das ist nicht das Ende aller optischen Spielereien, die man hier entdecken kann.

„Where Is My Mind“: Wenn Murot im Unterbewusstsein auftaucht

Brüggemann beweist auch, dass man mit wenig viel machen kann. Die Art und Weise, wie der Regisseur das Unterbewusstsein darstellt, ist minimalistisch, aber dennoch interessant und verspielt. Statt mit weißen Räumen aufzuwarten, in denen sich dramatische Ereignisse aus Evas Kindheit abspielen, wandert man hier durch verschiedenste reale Schauplätze, in denen aber alles auf Erinnerungen basiert. Die Komparsen stehen statisch da und halten Gegenstände doppelt in den Händen, die Straßenschilder sind vollends verzerrt und wirr, und die Nutzung von Licht, Puppen oder anderer Requisiten soll komplexe Sachverhalte einfach aufarbeiten. Kreativer war man in diesem „Tatort“-Jahr noch nicht.

Nach Hohoho kommt Hahaha: „Murot und der Elefant im Raum“ ist lustig, aber nie albern

Humor im „Tatort“ ist immer eine Sache: Die Kollegen aus Münster sind meist nur klamaukig, weil es eben Krimikomödien sind, und andere Ermittler, wie zuletzt Wotans Chaosbrigade in den Niederlanden, versuchen es mit trockenem Humor oder situativer Komik. Obgleich, was man serviert bekommt, ist der generelle Konsens doch meistens der, dass niemand – insbesondere nicht die Zuschauer und Zuschauerinnen – lacht.

Doch „Murot und der Elefant im Raum“ nimmt sich, den zugrundeliegenden Fall und alles andere mehr als ernst, lässt dabei aber trotzdem Raum für Humor. Der geht diesmal vor allem von der trockenen Art der Ermittlerin Wächter (Barbara Philipp) aus, aber das Herzstück der Schmunzler ist Robert Gwisdek in seiner Rolle als Therapeut. Seine unbeholfene, aber dennoch liebenswürdige Art ist stets unterhaltsam – aber der Witz liegt selten darin, dass sich irgendwer deswegen über ihn belustigt, denn …

Das wohl charmanteste „Tatort“-Team: „Murot und der Elefant im Raum“ haben das Herz am rechten Fleck

Ulrich Tukur liegt mit einer Apparatur um den Kopf auf einem Krankenhausbett. In seiner Hand ist ein Handy.
Der komischste Kauz im „Tatort“-Kosmos: Ulrich Tukur gibt als Murot wieder alles. Foto: HR/Senator Film/Dietrich Brüggemann

Nur die seltensten Teams im „Tatort“ sind eingespielt. Klar gibt es Sonderfälle wie Batic und Leitmayr aus München, aber bei den meisten Teams ist die Stimmung eher so wie in Dortmund … wo augenscheinlich niemand mit Kommissar Faber zusammenarbeiten möchte. Aber in Wiesbaden steht vor allem Murot im Vordergrund, der ein unsäglich liebenswürdiger Charakter ist. Statt sich über die Spitzfindigkeiten anderer Leute aufzuregen, sucht er den Fehler bei sich selbst und ist stets darauf bedacht, ein netter sowie ein hilfsbereiter Kerl zu sein – fast so, als hätte sich jemand das doch etwas in Vergessenheit geratene Motto „Polizei – dein Freund und Helfer“ zu Herzen genommen.

Neben Murot trifft man hier aber allerlei herrliche Charakterköpfe. Barbara Philipp funktioniert ohnehin immer als Murots bissige Partnerin, aber es ist vor allem Robert Gwisdek als Therapeut, der einem schnell ans Herz wächst. Selbst absolute Nebenrollen wie der LKA-Präsident, welcher von der Musiklegende Heinz Rudolf Kunze gespielt wird, fallen positiv auf. Als Zuschauer oder Zuschauerin wird man mit Schauspielern und Schauspielerinnen belohnt, die sich tatsächlich so verhalten, als wären sie reale Personen, die empathisch füreinander fühlen.

Die Fans werden es hassen: „Murot und der Elefant im Raum“ ist aus den falschen Gründen der beste Fall des Jahres

Die zwei größten Schwachpunkte in einem „Tatort – selbst in den guten – sind meist Mangel an Kreativität und Passion. Kreativität wird überwiegend nicht eingesetzt, weil das Publikum so etwas schnell bestraft, indem es seinen Frust über alles, was nicht die simpelste Kriminalkamelle ist, schnell kundtut. Der Mangel an Passion hingegen keimt eher daher, dass es nicht wenige Personen gibt, die sich über die Partizipation an einem „Tatort“ belustigen.

Das Schöne bei „Murot und der Elefant im Raum“ ist aber, dass sich Kreativität an jeder Ecke findet und man Passion in jedem Bild spürt. Hier hatten alle sichtlich Lust daran, einen Fall zu erzählen, der über konventionelle ARD-Krimi-Standards hinausgeht. Das wird sicherlich manch einen stören – insbesondere jene, die nicht die willentliche Aussetzung des Unglaubens mitbringen –, aber alle, die Lust auf ein Experiment vor Neujahr haben, werden hier auf ihre Kosten kommen. „Murot und der Elefant im Raum“ ist nicht nur einfallsreich und spannend bis zur letzten Sekunde, sondern auch hochwertig inszeniert und produziert – zumindest für die Standards eines „Tatorts“ …