„Tatort“ heute: Schwanengesang zum Ende – Kritik zum Zürcher Fall „Frei wie ein Adler“
Der Zürcher „Tatort“ ist großartig wie eh und je – und das wohl passendste Abschiedsgeschenk, das sich ein „Tatort“-Kritiker wünschen könnte …

Meine Damen und Herren, nichts ist vergänglicher als der „Tatort“ – außer vielleicht „Tatort“-Kritiker. Zumindest dieser „Tatort“-Kritiker, der diese Woche den Hut zieht. Aber immerhin ist diese „Tatort“-Kritik eine der wenigen positiven, denn das Zürcher Team rund um Grandjean und Ott begeistert wie eh und je. „Frei wie ein Adler“ ist nicht mehr und nicht weniger als eine Belohnung für die letzten fast 100 „Tatort“-Kritiken.
„Frei wie ein Adler“: Worum geht es im „Tatort“ heute?
Der Mord an einer Mutter lässt Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Ott (Carol Schuler) ratlos zurück. Alles deutet darauf hin, dass der soeben aus dem Gefängnis entlassene Vater und ehemalige Vorsitzende einer kriminellen Biker-Gang der Täter sein könnte, aber schnell wirkt es so, als könnte mehr hinter der Tat stecken. Weitere Fragen werfen ein junger Mann mit Downsyndrom sowie die restlichen Mitglieder des Biker-Clubs auf. Können Grandjean und Ott alles entwirren, bevor es zu spät ist?
Ausgewogenes Müsli, ausgewogene Unterhaltung
Beschwerte ich mich letzte Woche noch über die unausgewogene Balance zwischen Melodrama und wirklichem Drama im „Polizeiruf“ aus Rostock, beweist Zürich erneut, dass man ein Drehbuch und somit auch seine Figuren ausbalancieren kann. Der kleine Kosmos, in dem Grandjean und Ott agieren, ist immer etwas klamaukig, aber nie derartig klamaukig, dass es albern wäre.
Primär liegt es daran, dass die Figuren immer herrlich locker sind. Grandjean und Ott haben weiterhin eine großartige Chemie, aber schlussendlich ist es Aaron Arens als Noah Löwenherz, der alles perfekt abrundet. Während sich die Damen mit einem unterhaltsamen sowie schrulligen Kriminalfall rumschlagen, der trotzdem seine Spannungsmomente hat, sieht sich Löwenherz mit einer Person konfrontiert, die sein Müsli stiehlt. Daraus ergibt sich eine Szene, in der Grandjean und Ott ihn etwas auf den Arm nehmen und diese Nichtigkeit wie ihre Polizeiarbeit behandeln, was, gelinde gesagt, für „Tatort“-Verhältnisse ein großartiger Gag ist – vielleicht der zweitbeste Gag nach dem Witz mit der Eichhörnchen-Trage aus dem Münsteraner Fall „Unter Gärtnern“.
Der Peanut Butter Adler
Gleichzeitig beweist der Zürcher „Tatort“, dass man sinnvolle Inklusion betreiben kann, ohne dass es sich wie reine Auflage oder Quotenerfüllung anfühlt. Wer hätte gedacht, dass die Lösung für dieses Problem darin liegt, den Inklusionsfiguren einfach Charaktereigenschaften sowie Motivationen auf den Leib zu schreiben. Die Idee eines jungen Mannes mit Downsyndrom, der sich mit einem Hells-Angels-Verschnitt anfreundet, ist genau die Art von Geschmacksverstärker, die die stets seltsame Suppe aus Zürich braucht.
Gleichzeitig belustigt man sich aber auch nicht über die Figuren, sondern versucht, jede Personengruppe sowie jedes Milieu mit Respekt und der notwendigen narrativen Tragweite zu behandeln. Darüber hinaus hievt man manche dieser Figuren in Rollen und Richtungen, die zwar unüblich sind, aber sich nie unnatürlich anfühlen. Selbstverständlich ist vieles hier nicht revolutionär, aber dem Zürcher „Tatort“ gelingt es wie kaum einem anderen Ableger der Reihe, Geschichten zu erzählen, die man zumindest im über 50-jährigen Bestehen der Reihe kaum oder nie erlebt hat. Und das ist bei über 1300 Episoden lobenswert.
It’s over, isn’t it?
Von diesen knapp 1400 Episoden des „Tatort“ habe ich gerade mal schlappe 80 bis 90 Fälle mitbekommen. Das Absurde daran ist, dass mir niemals offiziell zugetragen wurde, Kritiken über die Krimireihe zu schreiben, sondern es einfach ein Missverständnis gab. Eigentlich sollte ich nur irgendwelche Inhalte für den „Tatort“-Sonntag vorbereiten – Sie wissen schon: Artikel, die in etwa Überschriften wie „So sah Jan Josef Liefers vor 30 Jahren aus“ tragen. Stattdessen sind es versehentlich „Tatort“-Kritiken geworden, die ironischerweise einen großen Anklang gefunden haben … sowohl im Positiven als auch im Negativen.
Nicht selten fielen Sätze wie „Immer dann, wenn der TVMovie-Kritiker einen Fall schlecht findet, weiß man, dass es gut wird“, aber das bedeutet am Ende des Tages nur, dass man Personen mit dem, was man tut, erreicht hat. Und manchmal spalten sich die Meinungen einfach, so wie der „Tatort“ jede Woche mal mehr und mal weniger Personen spaltet.
Ebenso wie Jakob im dieswöchigen „Tatort“ habe auch ich manchmal Probleme, von den Dingen und Sachen loszulassen, da man selbst für Aufgaben, die man manchmal eher als lästig empfindet, ein Verantwortungsgefühl entwickelt. Das ändert aber nichts daran, dass das hier vorerst meine letzte „Tatort“-Kritik ist – aber wer mich auch immer hier beerben sollte, wird voraussichtlich einen genauso guten oder vielleicht sogar besseren Job machen.
„Frei wie ein Adler“ lasse ich Sie alle zurück und bedanke mich dafür, dass Sie meine Kritiken gelesen haben, und wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß mit dem „Tatort“. Wie einst schon der große Todd Chavez sagte: „It was nice while it lasted.“






