Kein „Tatort“ heute: Das Herz ist schwer, die Seele leer – Kritik zum Rostocker „Polizeiruf: Sie haben Namen“
Der „Polizeiruf“ heute ist, das, was er immer war: zu viel, zu wenig und vor allem freudlos.

Meine Damen und Herren, kennen Sie das, wenn der Grundstein für das, was Sie tun, etwas ist, was Sie nicht leiden können? So geht es mir mit dem „Polizeiruf“ aus Rostock, der mir in jeder ARD-Krimi-Saison stets ein Dorn im Auge ist. Der dieswöchige Fall „Sie haben Namen“ setzt wie immer darauf, dass man Lust hätte, eine Sitcom zu schauen – aber leider heißt hier niemand Jerry, George, Elaine oder Kramer.
„Sie haben Namen“: Worum geht es im „Polizeiruf“ heute?
Auf Böwe (Lina Beckmann) und König (Anneke Kim Sarnau) wartet eine besonders harte Nuss in Form einer toten minderjährigen Prostituierten mit Migrationshintergrund. Erste Spuren deuten darauf hin, dass der Unternehmer Heiko Mischke (Sönke Möhring) hinter dem Prostitutionsring stecken könnte – was er bestätigt. Dennoch tun sich die Ermittlerinnen schwer, Mischke mit dem Mord in Verbindung zu bringen. Und als wäre das nicht genug, trifft Böwe auf ihren vermeintlichen Vergewaltiger.
Melodrama substituiert keine Unterhaltung
„Was haben wir denn schon groß? Eigentlich nichts“, wirft Thiesler (Josef Heynert) seinen Kollegen und Kolleginnen vor … und ganz unrecht hat er damit nicht. Er spielt damit zwar nicht auf den letztwöchigen „Tatort“ an, sondern meint vielmehr die Ermittlungen seiner Truppe, aber per se kann man das auch als semi-subtiles Werturteil dafür anerkennen, dass man nicht unbedingt irgendetwas Neues zu erzählen hat.
Nachdem bereits Voss und Rathgeber in der letzten Woche auf Prostitution als Ausgangslage gesetzt haben, macht man das hier zum Dreh- und Angelpunkt der gesamten Geschichte. Ich finde es okay, wenn Ideen redundant sind, aber selbst Redundanz kann immer versuchen, neue Wege zu wagen. Aber in Rostock bedeutet neue Wege zu wagen schon immer, dass man die fortlaufende Geschichte weitererzählt – die zwar nicht so wirr wie der Quatsch aus Dortmund ist, aber trotzdem nicht unbedingt fesselnd wirkt.
Alle Arbeit ist schwer – auch Charakterarbeit
Man kann einem die Charaktere nahebringen und gleichzeitig einen Kriminalfall erzählen. Das beweisen ARD-Krimi-Teams wie die des Ludwigshafener oder Kölner „Tatort“ immer wieder. Aber hier muss ich mich für alle Charaktere zwingend interessieren. Heiko ist verletzt und schmerzmittelsüchtig, Katrin hat weiterhin Daddy-Issues, Böwe räumt mit ihrer schwierigen Vergangenheit auf und Anton schläft mit einer Prostituierten.
Diese Themen nehmen zwar alle nie überhand, aber die konsequente Haltung, auf klare Hauptfiguren oder reine Kriminalgeschichten zu verzichten, ist zuweilen anstrengend. Das Schauspiel ist besser als bei „GZSZ“, aber das Melodrama nicht unbedingt.
Schlummert hier doch etwas?
Zumindest eine Figur ist interessant – oder eher weniger uninteressant als die anderen. Thorsten Mertens spielt den Staatsanwalt Jan Jürgens, der allem Anschein nach nun als „Bösewicht“ für das Team fungieren soll. Die Figur ist prinzipiell deutlich schillernder als der Rest der Bagage, weil er so immerhin einen Hauch von Spannung verstreut.
Es ist nicht unbedingt ein revolutionärer Ansatz, Charakteren (voraussichtlich) denselben Widersacher in einer Krimireihe vorzusetzen … man denke nur an Borowski … aber immerhin sorgt er dafür, dass nicht nur etwas, sondern auch in den Figuren etwas passiert – allen voran Böwe.
Ob das gut weiterentwickelt wird, interessiert mich aber am Ende des Tages auch nicht genug, da das reine Einschalten für eine Figur, die kaum zu sehen ist, nicht unbedingt der beste Zeitvertreib ist … es sei natürlich, man wird dafür bezahlt, sich mit dem Rostocker „Polizeiruf“ auseinanderzusetzen.
Weniger ist mehr – und gar nichts wäre besser
Die meisten von Ihnen dürften das Sprichwort „Manchmal ist weniger mehr“ kennen, aber in Bezug auf das Rostocker „Polizeiruf“-Team sollte es eher „Manchmal ist weniger mehr, aber manchmal ist weniger auch einfach zu wenig“ lauten. Selbstverständlich würde sich dieses Sprichwort nicht durchsetzen, da es nicht eingängig ist, aber ehrlich gesagt ist das „Sie haben Namen“ auch nicht unbedingt.
Tendenziell ist das aber auch egal, denn ganz egal, was ich sage, wird nichts an dem Umstand ändern, dass es irgendwann im nächsten Jahr so oder so mit Böwe und König weitergeht. Ich freue mich jetzt schon, wenn Volker bei seiner Fußpilz-Behandlung merkt, dass er eine posttraumatische Belastungsstörung hat, während Böwe und König sich mal wieder sagen, dass sie dringend Urlaub brauchen. Pardon, ich wollte nicht das Drehbuch für die nächste Folge vorwegnehmen …






