„Tatort“ heute: Damals war auch schon schlecht – Kritik zum Kölner Fall „Schmale Schultern“
Der „Tatort“ wird heute wegen der Leichtathletik-EM auf den WDR verbannt – und dafür gräbt man mit „Schmale Schultern“ einen unfassbar öden Fall aus Köln aus.

Diese Woche müssen alle „Tatort“-Fans besonders findig sein, denn ausnahmsweise läuft die Krimireihe heute zur Primetime im WDR. Da Boerne und Thiel aus Münster aber bereits zweimal in dieser Sommerpause ran durften, werden Ballauf und Schenk aus Köln vorgeschickt, die sich mit Scheidungen, familiären Problemen und Unterhalt auseinandersetzen müssen. Das dieswöchige Abenteuer aus dem Jahr 2010 trägt den Namen „Schmale Schultern“ und hat darüber hinaus auch eine sehr schmale Story …
„Schmale Schultern“: Worum geht es im „Tatort“ heute?
Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) schauen nicht schlecht, als sie die Leiche einer Frau entdecken, die augenscheinlich aus der dritten Etage gestoßen wurde. Nun stellt sich für die Ermittler die Frage, wer ein Motiv gehabt hätte, der Toten so etwas anzutun. Zu ihrem Ärgernis gibt es in ihrem Umfeld etliche Personen, die ein Motiv haben.
Schnell tut sich für Ballauf und Schenk ein furchtbares Netz fehlgeleiteter zwischenmenschlicher Beziehungen auf, das nur von Scheidungen, Seitensprüngen und anderen Beziehungsproblemen durchzogen ist. Und als wäre das nicht genug, hat Schenk mit seiner eigenen Tochter zu kämpfen, die sich einen neuen Partner angelacht hat, den der Ermittler gar nicht ausstehen kann.
So viel Tiefgang wie in einer Daily-Soap: „Schmale Schultern“ halten wenig Gewicht aus
Ganz viel Geheule und persönliches Blahblahblah wurden eigentlich weitestgehend aus dem „Tatort“ verbannt – lediglich Fabers Gurkentruppe aus Dortmund hält hier noch die Fahne hoch. 2010 war das aber sichtlich anders, denn derartig viel Pathos und Schmalz in einem Drehbuch zu vereinen, schafft nicht einmal der Dortmunder „Tatort“.
Ballauf und Schenk wandeln durch einen Fall, der nie das Interesse mitbringt, eine Kriminalgeschichte zu erzählen. Inmitten der Unzahl an Figuren, denen das Ermittler-Duo hier begegnet, spielt der Kerngedanke des „Tatort“ die zweite Geige. Stattdessen wird man mit einer Suppe zurückgelassen, die die thematische Tiefe einer Folge „Lindenstraße“ mitbringt.
Jede Sekunde ist entweder arg verkitscht, triefend pathetisch und/oder gähnend langweilig. Und als wäre das nicht genug …
Damals war auch schon schlecht: „Schmale Schultern“ und die inhärente „Tatort“-Krankheit
In der letzten Woche wiederholte man in der ARD einen furchtbaren Borowski-Fall aus dem Jahr 2024, der symbolisierte, dass der „Tatort“ eine Sache über alles liebt: Man möchte Themen von gesellschaftlicher und politischer Relevanz ansprechen, möchte aber stets alle Seiten beleuchten, statt Stellung zu beziehen.
In „Schmale Schultern“ dreht sich vieles um Scheidungen und Unterhalt, ein Thema, das laut vielen Quellen damals noch recht unverbraucht war, aber ebenso unausgereift wirkt. Es gibt kaum Themen, die zumindest faktisch ambivalenter als Scheidungen sind, und dennoch werden sie derartig stark emotionalisiert.
In typischer Manier möchte man darstellen, dass beide Parteien in einem Scheidungskonflikt faire Ansichten vertreten können. Doch vor allem in Deutschland bricht der gesamte Themenkomplex meist auf „Vater will Geld behalten, Mutter möchte Kinder umsorgen“ herunter. Einen Vater in einem Scheidungskonflikt als Sympathieträger darzustellen, ist ein schwieriges Unterfangen und definitiv nicht etwas, wofür der „Tatort“ das notwendige Fingerspitzengefühl mitbringt.
Es ist ein wenig so, wie Ermittler Schenk es in diesem Fall anmerkt: Wer Kinder in die Welt setzt, trägt für diese auch die Verantwortung – sowohl emotional als auch finanziell. „Schmale Schultern“ versäumt es aber darzustellen, dass viele Väter diesen Umstand vernachlässigen … insbesondere dann, wenn die Scheidung um die Ecke kommt.
Ich glaube schon, dass man ein ambivalentes Bild zeichnen wollte, was wie so häufig ein ehrbares Unterfangen ist. Aber ebenso wie beim Klimawandel gibt es manche Angelegenheiten, bei denen eine klar fokussierte Darstellung helfen würde. Am Ende ist das Problem, dass man wie immer beide Seiten ergründen will. Diese „Zwischen allen Stühlen stehen“-Mentalität schadet jedoch einem Sachverhalt, in dem eine Partei moralisch mehr Recht hat.
Ver-Schenk-te Zeit: „Schmale Schultern“ ist der Rede nicht wert
Dass Ballauf und Schenk deutlich besser als interfamiliäre Dramen können, haben sie zuletzt in diesem Jahr bewiesen. Wer dennoch heute unbedingt in den „Tatort“-Genuss kommen will, kann „Schmale Schultern“ im WDR zwar schauen, sei aber gewarnt, dass der Fall mittlerweile eher kalter Kaffee ist.
Zumindest in einer Hinsicht lohnt sich das Einschalten, denn wer schon immer eine Rückversicherung über die modischen Abgründe der frühen 2010er-Jahre haben wollte, dürfte bei diesem „Tatort“ durchaus schmunzeln – wenn auch aus den völlig falschen Gründen.








