Sex, Streit, Seth Rogen – Kritik zu „The Invite“
Wer sagt, dass nur das deutsche Kino Kammerspiele servieren darf? Angeleitet von diesem Gedanken macht es sich „The Invite“ zur Aufgabe, das beste Kammerspiel des Jahrzehnts zu machen. Was hat Olivia Wilde diesmal gekocht?

Manchmal braucht es Filme, die sich mit den alltäglichen Problemen des Lebens auseinandersetzen. Das muss sich auch Olivia Wilde gedacht haben, als sie „The Invite“ gedreht hat, denn der Film geht einem der größten Probleme unserer Gesellschaft auf den Grund: Was passiert, wenn die Nachbarn über uns, die viel zu laut Sex haben, zum Abendessen eingeladen werden?
Was dabei herausgekommen ist, ist einer der lustigsten Filme des Jahrzehnts, der erneut beweist, dass die Welt mehr Seth Rogen braucht. Was macht „The Invite“ so genial und wieso sollte sich ein jeder und eine jede eingeladen fühlen?
„The Invite“: Wovon handelt die Komödie?
Eigentlich möchte Joe (Seth Rogen) einen ganz entspannten Feierabend verbringen, doch kaum ist er durch die Tür, offenbart ihm seine Frau Angela (Olivia Wilde), dass sie Besuch erwarten würden. Und nicht irgendwelchen Besuch, sondern ausgerechnet Piña (Penélope Cruz) und ihren Partner Hawk (Edward Norton). Das Paar ist Joe schon lange ein Dorn im Auge – vor allem aber, weil die beiden spät in der Nacht unfassbar lauten Sex miteinander haben.
Determiniert, seinen nervigen Nachbarn endlich die Meinung zu geigen, lässt Joe sich auf die Dinnerparty ein. Womit er aber nicht rechnet, ist, dass Hawk und Piña dafür sorgen werden, dass Joe und Angela nicht nur ihre Ehe, sondern auch ihr eigenes Sexverhalten hinterfragen müssen.
Cruzin‘ Wild: Zwischen Blocking und Cockblocking
Wer braucht schon Anne Hathaway in „Die Odyssee“ als Penelope, wenn man auch Piña, gespielt von Penélope Cruz, haben kann? Entgegen jedes Typecastings setzt Olivia Wilde dem Publikum Cruz vor, die nicht nur die Rolle mit dem höchsten Bildungsgrad in der Runde spielt, sondern gleichzeitig auch für die entlarvendsten Beobachtungen des Films sorgt. Trotz der sexuellen Thematik von „The Invite“ wird Penélope Cruz nie nur auf ihr Aussehen reduziert, sondern ihr Charakter hat stets etwas zu sagen und trägt zum Geschehen immer etwas Brauchbares bei.
Dasselbe gilt in einem etwas eingeschränkteren Rahmen für Olivia Wilde, die schauspielerisch zwar am wenigsten in dem Film präsent sein darf, dafür aber auch etwas weitaus Wichtigeres zu tun hatte. Augenscheinlich hat es sich Wilde auf die Fahne geschrieben, eine Meisterklasse des Blockings zu inszenieren. Unter Blocking versteht man die Kunst, Set, Schauspieler:innen und Kamera so zu platzieren, dass die inszenierten Bilder schon fast eher als visuelle Choreografie wahrgenommen werden. Und „The Invite“ ist wohl eine der gelungensten visuellen Choreografien der letzten Jahre. Wenn Spiegelungen Charaktere beinhalten, die die Kamera sonst nicht einfangen könnte, und die gesamte Wohnung selbst so ausgerichtet ist, dass einem kaum ein Winkel jemals vertraut oder anödend vorkommt, dann weiß man, dass einem gerade einer der technisch wertvollsten Filme des Jahres serviert wird – und das ganz ohne hölzerne Pferde und Zyklopen.
H is for Hawk: Sex, Streit, Seth Rogen
Seth Rogen offenbart in „The Invite“ erneut, dass er ein grandioser Schauspieler sowie Sympathieträger ist, der aber nie gezwungen wird, diese Rollen einzunehmen. Dabei sollte man ihn viel häufiger dazu nötigen, in seriöseren Rollen zu schauspielern, denn wie der Film beweist, liegt ihm das sehr gut.
So bringt er selbst neben Weltklasse-Schauspielern wie Edward Norton das notwendige Comedy-Timing mit, um der heimliche Star zu sein. Er dient stets als nachvollziehbare und fehlerhafte Identifikationsfigur für das Publikum und führt durch eine absurd schräge Welt, die auf den zweiten Blick tendenziell gar nicht allzu absurd wirkt.
So hat Seth Rogens Joe viele physische sowie metaphorische Widersacher in diesem Film, aber kaum einer spielt so gut Verbaltennis mit ihm wie Edward Nortons Hawk. Die Figur ist ein steter Spiegel für Joe, auf den er all seine Unsicherheiten projiziert und dabei stets ein absurdes Maß an Einfühlsamkeit und Verständnis erntet.
„The Invite“: Fühlen Sie sich eingeladen, sich fremdzuschämen
Fairerweise muss man zugeben, dass nicht jeder Witz in „The Invite“ ein Lacher ist, aber bei dem derzeitigen Kreuzfeuer an Spitzen, Vorwürfen und wirren Wortgefechten dürfte für jede Person etwas dabei sein.
Wovor man viel eher warnen sollte, ist die Tatsache, dass „The Invite“ dazu einlädt, sich fremdzuschämen. Aber offen gesagt: Wenn das größte „Problem“ eines Films ist, dass man etwas fühlt, dann sollte man eigentlich wissen, dass man gerade einen richtig guten Film schaut.
Wer also keine Lust auf dreistündige (öde) Odysseen und emotionale Tortur bei Spider-Man hat, sollte sich auf den Vierer mit Cruz, Wilde, Rogen und Norton einlassen. Das Soufflé ist zwar angebrannt, die Stimmung wird irgendwann hitzig und erotisch, aber andererseits ist die Chance auch sehr groß, dass man das Kino mit vier neuen Freunden verlässt … ganz unverbindlich natürlich.







