Superhelden müssen nicht immer super sein – Kritik zu „Spider-Man: Brand New Day“
Nach dem emotionalen Finale von „No Way Home“ beginnt für Peter Parker ein neues Kapitel – eines, das weniger von Spektakel als von Stille geprägt ist. Warum das für einen quintessenziellen Action-Superhelden besser klappt, als gedacht:

Wer hätte vor rund einem Jahrzehnt gedacht, dass Tom Holland der erste und einzige Spider-Man-Darsteller mit ganzen vier Solo-Filmen sein wird? Nun, ganz so überraschend ist das im Zuge des über die Jahre massiv gestiegenen Interesses am MCU und der Aufnahme des Spinnenhelden in die Avengers vielleicht nicht – und doch verpasst es Holland in dem ewigen Diskurs um die beste Performance des Peter Parkers (neben Tobey Maguire und Andrew Garfield) schon irgendwie eine Art Ritterschlag. Aber darf er sich nach „Brand New Day“ jetzt auch endlich die Krone aufsetzen?
Ein Neuanfang nach „No Way Home“: Peter Parkers Leben in doppelter Anonymität
Wir erinnern uns (anders als die Figuren im Film) an das tragische Ende von „No Way Home“: Um das Multiversum zu retten, opfert sich Tom Hollands Peter Parker, was zur Folge hat, dass er aus den Erinnerungen der Menschheit verschwindet – inklusive der von seinem besten Kumpel Ned (Jacob Batalon) und seiner großen Liebe MJ, gespielt von Zendaya, mit der Holland im echten Leben liiert ist.„Brand New Day“ setzt genau an dieser Konsequenz an. Gezeigt wird das neue, alte Leben des Charakters: als Spider-Man, durch seine Heldentaten weiterhin gefeiert von ganz New York City, aber andererseits auch als Peter Parker, abgeschottet vom Rest der Welt in einem Kabuff über den Dächern der Stadt. Diese Ebene der doppelten Anonymität macht Peter sichtlich zu schaffen.
Zwischen Einsamkeit und mentaler Gesundheit: Destin Daniel Crettons Handschrift
Regisseur Destin Daniel Cretton schafft es, das Gefühl der Einsamkeit dem Publikum so zu vermitteln, dass es sich wie eine leise, aber permanente Schwere durch den ganzen Film zieht, die einen nicht mehr loslässt. Das Thema der mentalen Gesundheit steht ganz klar im Fokus des Films – und auch wenn es, ähnlich wie bei „Thunderbolts“ im vergangenen Jahr, hier wieder nur etwas zu oberflächlich thematisiert wird, ist es doch auf eine Art erfrischend zu sehen, dass selbst Superhelden nicht immer „super“ sind bzw. es auch nicht sein müssen. Nichtsdestotrotz weiß Cretton mit der Thematik umzugehen – was er bereits 2013 mit seinem überaus gelungenen Werk „Short Term 12“ unter Beweis stellte.
MJ, Ned und das Problem der verlorenen Erinnerungen
Trotz einer Vielzahl bewegender Szenen um Peter und MJ kam die Beziehung zwischen dem Trio (inklusive Ned) etwas zu kurz. Was in den vorherigen drei Filmen quasi der Motor der Geschichten war, hat nun nahezu völlig seinen Antrieb verloren. Selbstverständlich ist es durch den Gedächtnisverlust von zwei Dritteln der Gruppe schwer, erneut eine ähnliche Dynamik einzufangen – hätte der Streifen eben diesem mehr Aufmerksamkeit geschenkt oder gar eine befriedigende Lösung für das Amnesie-Problem gefunden, wäre das Zusammenspiel des Trios wohl wieder zu jener tragenden Kraft geworden, die schon in den Vorgängern so mühelos funktionierte.
Gleichzeitig ist es erzählerisch durchaus konsequent, dass verlorene Erinnerungen nicht einfach per Fingerschnipsen à la Thanos zurückkehren. Das Wiedersehen von Peter, MJ und Ned wird somit auf eine Art und Weise emotional, die in Fans definitiv Tränen auslösen dürfte – welcher Art auch immer.
Starke Nebenfiguren: Punisher und Sadie Sinks geheimnisvolle Rolle

Neben den Hauptfiguren haben besonders zwei weitere überzeugt: Jon Bernthal als Frank Castle alias Punisher und Sadie Sink in ihrer mehr oder weniger geheimen Rolle. Darüber, welchen Part Sink in „Brand New Day“ schlussendlich übernehmen würde, diskutieren Fans bereits, seitdem sie gecastet wurde. Ohne vorwegzunehmen, wen sie nun tatsächlich verkörpert, lässt sich sagen: Sie meistert ihre Aufgabe mit Bravour. Ihr Charakter verleiht dem Film eine zusätzliche emotionale Tiefe und beleuchtet besonders ein Element gelungen, zu dem Peter Parker wohl oder übel keinen Zugang bieten kann – dem der Schwesternschaft.
Überraschenderweise überzeugt auch der Punisher in „Brand New Day“ eher durch seine verletzlichen Szenen. Wie das Schicksal es so wollte, ist Frank Castle mittlerweile wohl oder übel die einzige menschliche Konstante im Leben von Spider-Man. Natürlich lebt die Beziehung der beiden auch irgendwie durch ihr Gezanke, aber wenn es darauf ankommt, können sie sich gegenseitig aufeinander verlassen – und so schafft es eben auch ein Punisher, seine sensible Seite zum Vorschein zu bringen.
Fazit: Spidey ist erwachsen geworden – ohne den Witz zu verlieren
Also: Krönt „Brand New Day“ Tom Holland nun zum König aller Spinnenmänner? Jedenfalls verleiht seine Performance Spider-Man eine gewisse Tiefe und Verletzlichkeit, die man in dem freundlichen Helden aus der Nachbarschaft vorher selten gesehen hat – und macht die Figur dadurch für Zuschauer:innen nahbarer denn je. Peter Parker ist, ähnlich wie seine Fans, die ihn seit einem Jahrzehnt bei seinen Abenteuern begleiten, erwachsen geworden und kämpft wie wir alle mit seinen mehr oder weniger konventionellen Schwierigkeiten. Dennoch schafft der Film es, wieder genau den Humor zu vermitteln, aufgrund dessen so viele Menschen überhaupt erst Gefallen an Spider-Man gefunden haben – allein dafür hat sich Tom Holland seine Lorbeeren verdient.
Fest steht letztlich nur eines: Spätestens beim Bad-Bunny-Needle-Drop dürfte „Brand New Day“ auch die letzten Zweifler überzeugt haben.
Quelle
„Spider-Man: Brand New Day“










