Meine Affen, mein Zirkus – Kritik zu „The Amazing Digital Circus: The Last Act“
Unglaublich digital ging am 04. Juni für viele Fans weltweit „The Amazing Digital Circus“ zu Ende. Aber ist das Finale der Webserie wirklich unglaublich digital oder ist der Zirkus nicht mehr zu retten?

Während „Masters of the Universe“ an den Kinokassen baden geht und „Scary Movie“ unerwartet erfolgreich läuft, versteckt sich dieses Wochenende ein Kinorelease in den Lichtspielhäusern, das verhältnismäßig nicht minder erfolgreich sein dürfte. Die Rede ist von „The Amazing Digital Circus: The Last Act“, der letzten Folge der Indie-Animationsserie, die gemeinsam mit der achten Episode als 90-Minüter in die Kinos gehievt wird und als großes Finale der Show fungieren soll. Doch bekommen Pomni, Jax, Kinger, Gangle, Zooble, Ragatha (und Caine) das Ende, das sie verdienen?
„The Last Act“: Worum geht es im „The Amazing Digital Circus“-Finale?
Nachdem Kinger (Sean Chiplock) die Ringmeister und KI Caine (Alex Rochon) versehentlich gelöscht hat, versinkt der gesamte Zirkus plötzlich in absoluter Dunkelheit. Alle sonst so farbenfrohen Orte sind vollends verblasst oder verschwunden und das Einzige, was der digitalen Zirkusgruppe bleibt, ist die Gesellschaft der anderen. Während Ragatha (Amanda Hufford), Gangle (Marissa Lenti) und Zooble (Ashley Nichols) gemeinsam mit Kinger versuchen, den Zirkus nach ihren eigenen Maßstäben zu gestalten, sorgt sich Pomni (Lizzie Freeman) um Jax (Michael Kovach), der kurz davor zu sein scheint, zu abstrahieren.
Ohne die Interferenz von Caine kann sich die Truppe endlich den wichtigen Fragen des Lebens stellen: Warum ist Jax so, wie er ist? Was hat es mit C&A auf sich? Und sollte man den Zirkus retten oder endlich versuchen zu fliehen?
Tränen einer Clownin: Wie befriedigend ist „The Last Act“?

Es gibt kaum etwas Schwierigeres, als ein gelungenes Finale zu schreiben und zu inszenieren, insbesondere dann nicht, wenn dein Fandom so jung ist wie das Zielpublikum von „TADC“. Da zu Beginn des Films von dem berühmten Fisch-Nebencharakter (gesprochen von „Smiling Friends“-Schöpfer Zach Hadel) aus der siebten Episode darum gebeten wird, nicht zu spoilern, werde ich nicht auf konkrete Details eingehen.
Dennoch bleibt die Frage, wie gut es der Serie gelingt, ihre Mysterien endgültig aufzulösen. Gleich zu Beginn der neunten Episode wird offenbart, warum die Gruppe rund um Pomni in diesem Zirkus gefangen ist und wie es um ihre Chancen steht, diesem zu entkommen. Die Antwort darauf ist meiner Meinung nach zumindest in sich schlüssig und offenbart sich im Verlauf der Folge nicht als ganze Wahrheit – ein Twist in einem Twist sozusagen. Andere Aspekte dürften hingegen stärker polarisieren.
Es ist nur eine Phase, Hase: Jax’ Rolle im Finale
Kurz nachdem im Finale alle Fragen erst einmal augenscheinlich beantwortet wurden, bleibt noch Jax übrig. All jene, die diesen Hasen in Latzhosen bisher nicht leiden konnten, werden ihn auch nach dem Finale nicht leiden können, auch wenn viele ihn nur deshalb nicht mögen, weil er so viel Raum in der Handlung einnimmt. Das ist im Finale nicht großartig anders. Für mindestens die Hälfte der Laufzeit ist er der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, sorgt aber auch dafür, dass man niederschmetternde Exposition rund um ihn offenbart bekommt, die einige bereits vermutet haben.
Und auch wenn es einige stören dürfte, was mit dem Charakter gemacht wird und wohin er sich entwickelt, muss man zumindest anerkennen, dass Schöpferin Gooseworx den Mumm hatte, ihre eigene Vision durchzudrücken und ihr Finale so zu erzählen, wie sie es wollte. Auch wenn die Message dahinter einige Fragen rund um die Repräsentation einer bestimmten Personengruppe aufwirft …
Die Lebenswäsche des Ringmeisters: Ein seltsames Hin und Her im digitalen Zirkus
Andere Charaktere werden im Rahmen des Finales ebenfalls noch einmal tiefer beleuchtet und bekommen ihren Raum zu wachsen. Das ist zwar schön, bringt aber zwei Probleme mit sich: Erstens kommen die Figuren, die bereits zuvor zu kurz gekommen sind, immer noch zu kurz. Und zweitens kommt das Pacing dadurch zum Erliegen.
Ungefähr in den letzten zwanzig Minuten wird noch einmal ein großes Fass rund um eine Figur aufgemacht, das einerseits hilft, das Finale auszuschmücken, sich andererseits aber vollends deplatziert in einem Abschluss anfühlt. Zeitweise wirkt dieser Abschnitt derartig losgelöst, dass man sich fragt, ob man nicht vielleicht eine komplett andere Folge schaut.
Das ist aber ohnehin ein generelles Problem, das dieser Film mitbringt, denn für eine Kinoerfahrung wird man eher mit einem seltsamen Gefühl zurückgelassen. Die Tatsache, dass man vor dem Beginn der achten Folge einen „unglaublich digitalen Recap“ bekommt und dann gezwungen ist, die achte Episode noch einmal komplett zu schauen, sorgt für ein merkwürdiges Seherlebnis. Und wenn man dann endlich im großen Finale angekommen ist, bewegt sich alles derartig schnell, dass man sich fragt, was in den nächsten 60 Minuten überhaupt noch geschehen soll. Aber irgendwie ist das auch alles egal, weil …
Ein letzter Akt ist ein letzter Akt: Das „TADC“-Finale ist ein ambivalentes Erlebnis
Das Problem mit einem Finale ist, dass alle unterschiedliche Erwartungshaltungen haben, wie etwas zu Ende gehen sollte, und viele, die das Ende nicht mögen, emotional werden. Aber ich mochte es eigentlich schon immer, wenn Menschen ihre Geschichten so beenden, wie sie es wollen, und das ist bei „The Last Act“ nicht großartig anders.
Klar, zieht sich hier manches? Ja, definitiv. Aber das war in den vorherigen acht Episoden auch nicht anders. Als jemand, der es mag, wenn Charaktere in finalen Episoden zur Rechenschaft gezogen werden und für ihre Taten einstehen müssen, bin ich auf meine Kosten gekommen. Selbstverständlich war der Weg dahin etwas holprig, aber lieber unterstütze ich ein Indie-Studio, als den großen Firmen noch mehr Geld zu schenken.
Es war schön, Pomni, Jax, Kinger, Gangle, Zooble, Ragatha und Caine im Kino „Tschüss“ sagen zu dürfen. Denn am Ende sind sie meine unglaublichen Affen in meinem digitalen Zirkus.






