Das Epitom all dessen, was am Horror großartig ist – Kritik zu „Backrooms“
Meine Damen und Herren, wagen Sie einen Schritt in meine „Backrooms“-Kritik. Doch seien Sie gewarnt: Nur die wenigsten kehren lebend zurück …

Es gibt manche Filme, die einen Hype generieren und diesem gerecht werden, und es gibt „Obsession“. Glücklicherweise gehört „Backrooms“ zur ersten Kategorie und fällt nur im selben Satz mit dem Wort „Obsession“, wenn ich beschreiben will, auf welchen Film ich gerade hyperfixiert bin.
Jetzt mögen sich manche Skeptiker und Skeptikerinnen fragen: Ist „Backrooms“ wirklich so gut oder hat der Kritiker von TVMovie wieder keine Ahnung, wo oben und unten ist? Ja, „Backrooms“ ist wirklich so gut. Und ja, ich habe wirklich keine Ahnung, wo oben und unten ist – aber auch das liegt eher an den „Backrooms“. Warum der Film jetzt schon ein moderner Klassiker ist …
„Backrooms“: Wovon handelt der Horrorfilm?

Clark (Chiwetel Ejiofor) kann sich vor Problemen gar nicht retten: Seine Ehe ist in die Brüche gegangen, sein Möbelgeschäft läuft nicht gut und sein Traum, Architekt zu sein, bleibt unerfüllt. Als dann eines Abends auch noch die Sicherungen in seinem Möbelparadies verrücktspielen, hat Clark genug – und entdeckt dabei eine Paralleldimension in seiner Wand.
Als der Möbelhausbesitzer einige Zeit nicht zu seinen Therapiesitzungen mit seiner Therapeutin (Renate Reinsve) auftaucht, entschließt sie sich, ihn zu suchen. Dabei stolpert auch sie in den wahllosen Kosmos der Backrooms, in der Hoffnung, Clark zu finden. Doch auf ihrer Suche nach ihrem Patienten ahnt sie nicht, dass auch ganz andere Wesen ihr Unwesen in dieser vergilbten Einöde treiben.
Was sind die „Backrooms“? Nicht buchstäblich, sondern inhaltlich …
Wo soll ich nur anfangen? Tatsächlich weiß man nach den „Backrooms“ nicht so ganz, wo oben und wo unten ist – und all jene, die schon vorher nicht wussten, wo links und rechts sind, werden es nach dem Film auch nicht wissen. Denn für einen Horrorfilm, der doch häufiger als simpler Vertreter der filmischen Kunst gilt, bringt „Backrooms“ ordentlich Stauraum für Themen mit, die man erst einmal entpacken muss.
Damit meine ich nicht unbedingt so einen „Elevated-Horror-Quatsch“ wie in „The Babadook“, der mit „Was wäre, wenn die wahren Monster nur in unserem Kopf sind?“ auffährt, sondern vielmehr die Tatsache, dass man sich die Mühe gibt, „die Coolness im Subtext“ mitschwingen zu lassen, um Kai aus „Lammbock“ zu zitieren. Inhaltlich passiert in „Backrooms“ recht viel, aber unter der Oberfläche eben auch. Ein wenig so, als hätte jemand „The Shining“ mit „Sinister“ vermengt. Und dieser jemand heißt Kane Parsons …
Er kam, er sah, er siegte: Kane Parsons und seine „Backrooms“
Stellt euch vor, ihr seid 20 Jahre alt und dürft einen Film mit einem Budget von zehn Millionen US-Dollar drehen, weil ihr mit 17 ein paar YouTube-Videos produziert habt, die mehr als populär waren. Und dann stellt euch vor, dass dieser Low-Budget-Film ein globaler Hit wird, der jenseits des Zehnfachen der Produktionskosten einspielt. Sollte euch das passiert sein, seid ihr Kane Parsons.
Oder genauer gesagt: Ihr seid dann Jungmeister Kane Parsons, der „Backrooms“ so souverän inszeniert, als wäre es das Einfachste der Welt, einen Film zu drehen. Selbstverständlich stecken hinter dem Setdesign und dem Drehbuch noch weitere Personen, aber was auch immer auf diesen Seiten steht, bannt Parsons in eine Flut aus wilden Ideen, die häufig schon begeistern, weil sie so simpel und dennoch gut umgesetzt sind (Stichwort: Kamera auf dem Tisch). Man weiß nie, ob nicht doch irgendwo etwas lauert, weil Parsons clever damit spielt, dass die „Backrooms“ Ecken, Säulen und weitere Verzweigungen besitzen.
Und als wäre dieses Unbehagen nicht genug, vermengt er es teilweise mit dem wohl unangenehmsten Subgenre des Horrors: Found Footage. In krisseligen 4:3-Aufnahmen eines Camcorders aus den 90ern verschlägt es die Figuren und die Zuschauerschaft in die „Backrooms“. Da sich alles noch schlechter erkennen lässt und die Kamera so dynamisch mitgehen kann, ist das Unbehagen ohnehin noch größer als zuvor.
Die „Backrooms“ leben … leider

Normalerweise hasse ich es, wenn Menschen über einen Film sagen, dass ein Gegenstand oder ein Ort ein Charakter in einem Werk sei, aber bei „Backrooms“ kann ich mich leider nicht davon entziehen, diese prätentiöse Aussage durch meine Zähne zu murmeln.
Wie in einem surrealen Traum entdeckt man hier Räume, die nicht nur der Albtraum von Wohnungssuchenden in Berlin wären, sondern mit fortschreitender Laufzeit auch immer schlimmer werden. Ohne zu viel zu verraten: Die „Backrooms“ sind ungefähr das, was man bekommt, wenn der Lehrer oder die Lehrerin Arbeitsblätter, die eigentlich in Farbe sind, schwarz-weiß ausgedruckt hat. Vielleicht lässt sich erahnen, was man erkennen soll, aber tendenziell bleibt man eher ratlos zurück.
Kein Raum gleicht dem anderen und wenn man glaubt, dass man den Abgrund schon gesehen hat, dann reißen die „Backrooms“ ganz neue Schluchten auf und präsentieren Bilder, die man zuletzt in den Fieberträumen seiner Kindheit gesehen hat.
Alles muss enden, aber vielleicht nicht so: Das eine Problem der „Backrooms“
Nachdem man fast zwei Stunden lang Fieberträume erdulden musste – beziehungsweise wollte –, kommt man am Ende an und verlangt Antworten. Einige hat man bereits erhalten und diese waren vielleicht auch einigermaßen zufriedenstellend, aber es gibt etliche Mysterien, die noch aufgedeckt werden müssen. Das wissen auch die „Backrooms“, nehmen dich bei der Hand, setzen dich hin … und lassen dich dann ratlos zurück.
Während ich im Kino ratlos dasaß und mich fragte, was die Entscheidung sollte, so vieles offen zu lassen, verstehe ich sie mittlerweile etwas besser. Einerseits wusste man wahrscheinlich, dass man es mit einem damals vermuteten moderaten Hit zu tun haben würde und wollte dementsprechend Raum für eine Fortsetzung lassen. Andererseits wusste Kane Parsons sicherlich auch, dass es der sicherste Weg wäre, manches offen zu lassen, um bei niemandem mit unschlüssigen Erklärungen anzuecken. Und zuletzt: Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass niemand jemals irgendwelche Antworten auf die aufkommenden Fragen hatte.
So endet der Film nahezu abrupt und ungelenk – und damit auch frustrierend, denn alles, was zuvor stattgefunden hat, war überwiegend großartig.
„Backrooms“: Horror ist die Zukunft des Films
Ich verstehe zwar, dass viele Menschen aufgrund irrationaler Ängste Horror meiden, aber gleichzeitig tun sie mir leid, weil sie so viel verpassen. Selbstverständlich wirkt Kino gleichgeschaltet, wenn man sich nur die ewig gleichen Genres anschaut. Dabei liegt die wahre Vielfalt doch im Horror, wo Filmschaffende noch dazu eingeladen werden, kreativ zu sein – und gleichzeitig kreativ sein müssen, denn kaum ein anderes Genre arbeitet mit derart niedrigen Budgets.
„Backrooms“ ist das Epitom dessen, was am Horror großartig ist: Bilder, die noch nie zuvor da waren, Ängste, von denen man gar nicht wusste, dass man sie haben kann – und dazwischen Augen, die versuchen, aus Unbehagen weiter als das eigentliche Bild zu blicken. Oder um es kurz zu sagen: Bitte mehr Filme wie „Backrooms“ und bitte mehr Regisseure wie Kane Parsons.









