„Tatort“ heute: Das bisher Beste der Saison – Kritik zum Ludwigshafener Fall „Explosive Mischung“
Kommissarin Odenthal ist zurück und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die neue „Tatort“-Saison aufzuwerten. Was macht die heutige Episode „Explosive Mischung“ so gut?

Meine Damen und Herren: Lindholm, Ballauf, Schenk – alles Nullnummern im Vergleich zu Odenthal. Natürlich nicht generell, aber mit wahnsinnig viel Ruhm haben sich die Ermittler in der neuen „Tatort“-Saison auch noch nicht bekleckert. Doch das junggebliebene Team aus Ludwigshafen wartet diese Woche mit einer „Explosiven Mischung“ auf, die erneut beweist, dass Odenthal selbst nach knapp 40 Dienstjahren weiterhin unterschätzt wird …
„Explosive Mischung“: Worum geht es im „Tatort“ heute?
Odenthal (Ulrike Folkerts), Stern (Lisa Bitter), Hermann (Davina Chanel Fox) und Langenkamp (Johannes Scheidweiler) haben alle Hände voll zu tun, denn als ein Ganganführer bei einer Geldautomatensprengung ums Leben kommt, ereignet sich eine regelrechte Kettenreaktion. So gerät Langenkamp nicht nur in die Hände von Kleinkriminellen, sondern auch Stern, Odenthal und Hermann müssen sich mit dem Stadtteilsheriff Ulf herumschlagen. Früher oder später kreuzen sich die Wege aller im Polizeipräsidium – und drohen, tödlich zu enden.
Als hätte John Carpenter den Dortmunder „Tatort“ geschwängert
Ludwigshafen ist all das, was Faber (Jörg Hartmann) und seine dysfunktionale Familie aus Dortmund gerne wären, denn Odenthal und Stern gelingt es immerhin, eine fortlaufende Geschichte zu erzählen. Nachdem sich am Ende des letzten Falls „Sashimi Spezial“ herausstellte, dass der Polizeichef Breising (Bernd Hölscher) krumme Dinger dreht, wird seine Geschichte hier fortgeführt.
Anfänglich ist es zwar etwas enttäuschend, dass das interne Verfahren gegen ihn mit einem Satz abgehandelt wird, aber andererseits umgeht man so den Pathos der Gurkentruppe aus Dortmund, die eine solche Plotentwicklung noch für die nächsten acht Episoden ausgeschlachtet hätte.
Viel eher konzentriert man sich darauf, eine kompakte Geschichte zu erzählen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Film setzt auf ein Echtzeitgimmick. Dieses wäre wohl wahrscheinlich in einer Plansequenz etwas beeindruckender gewesen, aber in dem Rahmen, wie es hier gemacht wird, funktioniert es auch. Früher oder später setzt der Film nämlich auf Anspannung auf wenig Raum und erinnert mit dem Setting in der Polizeistation stark an John Carpenters „Anschlag bei Nacht“ – und diese titelgebende explosive Mischung könnte sich zu einer der besten „Tatort“-Episoden der Saison entwickeln.
Femizide, toxische Männlichkeit und Faschos – auf den Spuren des „Polizeiruf“
Dass der „Tatort“ politisch wird, ist eher eine Seltenheit. Wenn man Stellung bezieht, dann in alle Richtungen und setzt sich in typischer öffentlich-rechtlicher Unentschlossenheit zwischen alle Stühle – und bezieht somit eigentlich keine Stellung. Aber „Explosive Mischung“ wandelt in einer derartigen politischen Klarheit umher, dass es sich eher so anfühlt, als würde man den „Polizeiruf“ aus Magdeburg schauen.
Erzählt wird von häuslicher Gewalt, Männern, die noch männlicher sein wollen, und der Suche nach klassischem Heldentum in der rechten Ecke – also durch und durch furchtbaren Themen. Interessant wird der Fall vor allem dann, wenn auffällt, dass sich nicht nur der Täter rechter Ideologien bedient, um sich selbst reinzuwaschen, sondern auch der Polizeichef – wenn auch unter unterschiedlichen Vorzeichen. Aber furchtbare Menschen bleiben furchtbare Menschen, selbst wenn sie Heldentum vollbringen.
Das Einzige, was ich etwas verwirrend beziehungsweise vielleicht eher bezeichnend finde, ist, dass wie so häufig im Ludwigshafener „Tatort“ junge Leute als Täter und Täterinnen herhalten dürfen. Per se ist das auch nichts Falsches, da sich kriminelle Energie durch alle Altersgruppen zieht, aber wenn es sich mittlerweile um den dritten Fall in Folge aus Ludwigshafen handelt, der jungen Leuten kriminelle Energie zuschreibt, dann darf man das zumindest mal infrage stellen.
„Explosive Mischung“: In Odenthal we trust
Ich sage es immer wieder: Trotz einiger Schwächen versucht man wenigstens, sich in Ludwigshafen Mühe zu geben. Die wahre Stärke der Fälle aus der Pfalz sind und bleiben aber Odenthal und der illustre Cast, der um sie herum stattfinden darf. Jede Figur ist hier immerhin unterschiedlich und niemand trägt nur reinen „Schmerz“ in sich.
Wenn ein „Tatort“ ausnahmsweise mal die Frage „Wie es wohl weitergeht?“ aufwirft, dann weiß man, dass man zumindest moderat an einem Sonntagabend unterhalten wird – im Falle von „Explosive Mischung“ sogar mehr als moderat.






