Kritik: Magdeburger „Polizeiruf“ „Your Body, My Choice“ leistet wichtigen Beitrag zum Weltfrauentag
Zwei Wochen „Tatort“-Pause: Stattdessen gibt es den „Polizeiruf“. Der Magdeburger Fall „Your Body, My Choice“ setzt sich passend zum Weltfrauentag mit dem Thema Abtreibung auseinander …

Während der „Tatort“ sich häufig scheut, heikle Themen anzufassen, und sich auf Altbewährtes verlässt, experimentiert der „Polizeiruf“ gerne und ist sich nie zu schade, unangenehme Dinge anzusprechen. Diese Woche dreht sich in Magdeburg alles um die Abtreibungsdebatte sowie die damit einhergehenden Themen wie Abtreibungsgegner, religiöser Fanatismus und Frauenrechte – alles Dinge, die zum heutigen Weltfrauentag passen. Doch ist man nur um Aktualität bemüht, oder gelingt es tatsächlich, diesen gesellschaftlich relevanten Angelegenheiten gerecht zu werden?
- „Your Body, My Choice“: Das kann man vom Magdeburger „Polizeiruf“ erwarten
- Ein heißes Eisen: „Your Body, My Choice“ nimmt eine klare Haltung ein
- Aufklärend und belehrend – aber nie anmaßend: Weitere Stärken des neuen „Polizeiruf“
- Sinn gegen Irrsinn: „Your Body, My Choice“ eröffnet den Dialog – bleibt sich aber treu
- „Your Body, My Choice“: Ein „Polizeiruf“, der provozieren will – zurecht!
„Your Body, My Choice“: Das kann man vom Magdeburger „Polizeiruf“ erwarten
Ein gezielter Anschlag auf eine junge Radfahrerin lässt viele Magdeburgerinnen und Magdeburger sprachlos zurück. Schnell findet Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) heraus, dass die Verstorbene in einer Frauenarztklinik angestellt war. Und es gab Feinde: eine christliche Gruppe, die Abtreibung radikal ablehnt.
Parallel steht aber auch die Polin Dania (Nicola Magdalena Lüders) im Fokus, die für ebenjene Frauenarztklinik nach Deutschland gereist ist. Sie erhält Beistand von Lara (Luna Jordan), die als „Abortion Buddy“ versucht, Frauen durch diese schwierige Phase ihres Lebens zu begleiten. Und während Dania hin- und hergerissen ist, stolpert Ermittlerin Brasch in eine Welt, in der sie sich fragen muss, ob radikale Ansichten oder doch persönliche Motive hinter der Tat stecken.
Ein heißes Eisen: „Your Body, My Choice“ nimmt eine klare Haltung ein
Es ist nichts Neues, dass der Magdeburger „Polizeiruf“ gerne mal dorthin geht, wo es unangenehm ist. Zuletzt thematisierte man in einem sehr kondensierten Fall das mögliche Szenario eines Amoklaufs an einer Schule. Schon damals hat man bewiesen, dass man nah am Zahn der Zeit ist. In „Your Body, My Choice“ ist das nicht anders.
Das demonstriert allein schon der Titel. Die Parole „Your Body, My Choice“ („Dein Körper, meine Entscheidung“) – angelehnt an „My Body, My Choice“ („Mein Körper, meine Entscheidung“), den zentralen Slogan der Frauenrechts- und Pro-Choice-Bewegung – kursiert in der Umkehrung schon seit einiger Zeit in antifeministischen Bubbles. Vor allem der rechtsradikale Podcaster Nick Fuentes machte die „Your Body“-Variante populär.
Diese antifeministische Haltung, die Frauen das Recht am eigenen Körper streitig machen will, existiert aber nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland. Der dieswöchige „Polizeiruf“ stellt sich dieser patriarchalen Entgleisung jedoch entgegen und zeigt allen Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen den Mittelfinger. „Your Body, My Choice“ lässt keinen Zweifel daran, dass seine Macher:innen pro Abtreibung sind.
Aufklärend und belehrend – aber nie anmaßend: Weitere Stärken des neuen „Polizeiruf“
Den klugen Köpfen hinter dem „Tatort“ wird immer mal wieder vorgeworfen, einen „Erziehungstatort“ produziert zu haben – was viele kritisch sehen. Und auch „Your Body, My Choice“ fällt in mancherlei Hinsicht in diese Kategorie. Als Zuschauer:in stößt man sich aber nicht daran, denn der Fall klärt tatsächlich über wichtige Dinge auf. Es wird sich vor allem zur Aufgabe gemacht, aufzuzeigen, wie schikanierend der Abtreibungsprozess ist.
Um das kontextuell einzuordnen: Abtreibung ist in Deutschland bis heute rechtswidrig und nur dann straffrei, wenn der gesamte Prozess innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen abgewickelt wird. Darüber hinaus muss zwischen dem Beratungsgespräch und dem Eingriff eine Bedenkzeit von mindestens drei Tagen liegen.
Wie schwer Frauen ihre Entscheidung generell gemacht werden kann, wird in diesem „Polizeiruf“ unter anderem dadurch verdeutlicht, dass im Wartezimmer der Frauenarztklinik gut sichtbar Fotos von Säuglingen und Babys hängen.
Sinn gegen Irrsinn: „Your Body, My Choice“ eröffnet den Dialog – bleibt sich aber treu
„Your Body, My Choice“ wartet nicht mit großen, actiongeladenen Schauwerten auf, sondern erzählt seine Geschichte überwiegend in Dialogen. Brasch scheut sich nicht davor, den christlichen Fundamentalisten aufzuzeigen, dass viele schwangere Personen sich gar nicht bereit fühlen, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen.
Gleichzeitig geht Brasch aber auch mit der gleichgesinnten Jugend in den Dialog und ist dabei offen für den neuen Blick, den junge Frauen auf das Thema Abtreibung werfen.
Damit möchte man verdeutlichen, dass es zwar eine richtige Perspektive gibt, der Dialog mit Andersgesinnten aber dennoch wichtig ist – nicht, um sie zu bekehren, sondern um ihnen eine neue Perspektive zu eröffnen.
„Your Body, My Choice“: Ein „Polizeiruf“, der provozieren will – zurecht!
Der dieswöchige „Polizeiruf“ ist ein Politikum mit Daseinsberechtigung. Unfassbar viele Personen werden sich über diesen Fall aufregen – insbesondere das teils konservative ARD-Publikum. Doch damit werden genau die richtigen Personen agitiert, denn früher oder später muss jeder und jede lernen, dass die Welt sich weitergedreht hat.
Viele werden nun finden, dass es nicht die Aufgabe eines Sonntagabendkrimis sein sollte, aufzuklären oder politisch zu werden, aber in dieser Situation ist das egal. Ausnahmsweise ist die ARD sehr mutig und nutzt den prominentesten Sendeplatz der Woche, um ein Thema anzusprechen, das bis heute zu wenig Sichtbarkeit hat.
Dennoch sollte gesagt sein, wie wünschenswert es wäre, dass solche Debatten nicht nur am Weltfrauentag geführt werden.
Unser Fazit: „Your Body, My Choice“ ist ein authentischer, sehenswerter „Polizeiruf“, der die letzten „Tatort“-Filme in Sachen Bedeutsamkeit mühelos aussticht.








