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Erst „Stranger Things“, jetzt „Lupin“: Synchronsprecher-Streit bei Netflix fordert erste Opfer

Bei Netflix spitzt sich die Synchron-Situation zu: Erste Serien starten ohne deutsche Tonfassung und bekannte Rollen müssen neu besetzt werden.

Collage aus dem Netflix-Logo, einem Bild aus Lupin und einem Bild aus Stranger Things: Tales From '85.
Selbst für Lupin eine harte Nuss: Seine Stimme ist plötzlich verschwunden. Foto: Emmanuel Guimier/Netflix

Seit Monaten weigern sich viele deutsche Synchronsprecherinnen und Synchronsprecher konsequent, für Netflix zu arbeiten, weil sie die neuen KI-Klauseln in den Verträgen ablehnen. Diese Klauseln erlauben es dem Streamer, die Aufnahmen der Stimmen für Trainingszwecke einer künstlichen Intelligenz zuzuführen – ohne dass dafür eine extra Vergütung gezahlt wird.

Die Auseinandersetzung hat sich über Monate hinweg verschärft und wirkt wie ein Kampf zweier Welten. Im vergangenen Sommer einigte sich die Schauspielgewerkschaft BFFS mit Netflix auf Regelungen zum KI-Einsatz, die eine Vergütung nur vorsehen, wenn die trainierte KI tatsächlich zum Einsatz kommt.

Der Verband Deutscher Sprecherinnen (VDS), der an diesen Verhandlungen nicht beteiligt war, sieht das als unzureichend an und warnt vor der Abschaffung der Branche durch maschinelles Lernen. Seit Januar, als DWDL.de erstmals über den Streit berichtete, drohte Netflix schon mit Untertiteln statt Synchronisation – ein Schritt, der nicht nur Zuschauerärger bedeuten würde, sondern auch Jobs in der lokalen Branche gefährden könnte.

Rechtsstreit und Verhärtete Fronten

Im Februar legte der VDS ein eigenes Rechtsgutachten vor, das die Netflix-Verträge als existenzbedrohend einstuft. Darin werden Probleme im Urheberrecht, Persönlichkeitsrecht, Datenschutz und Vertragsrecht aufgelistet, die laut Gutachten die Grundlage der Synchronsprecher gefährden. Der BFFS konterte, indem er das Gutachten prüfen ließ: Die zentralen Schlussfolgerungen beruhen auf „unzutreffenden rechtlichen Ausgangspunkten“, hieß es dort lapidar.

Kürzlich eskalierte der VDS weiter und reichte eine Datenschutzbeschwerde bei der zuständigen Aufsichtsbehörde ein, um die Verträge unabhängig prüfen zu lassen. VDS-Vorstand Anna-Sophia Lumpe erklärte dazu klar: „Unsere Adressatin ist Netflix, und deren Vorgehen lassen wir jetzt von offizieller Stelle auf seine Rechtmäßigkeit überprüfen.“ Der BFFS hingegen rät vom Boykott ab und warnt, dass Sprecher durch Verweigerung umbesetzt werden und die Branche sich selbst schade.

Während die Verbände sich streiten, spürt das Publikum die Folgen. Netflix hat bereits angedroht, bei betroffenen Produktionen auf deutsche Synchronfassungen zu verzichten, was das „Erlebnis der Abonnenten beeinträchtigen“ würde. Drei Monate nach der Drohung sind die ersten Risse sichtbar – und sie betreffen nicht irgendwelche Nischenformate, sondern absolute Blockbuster.

Hörbare Verluste bei „Stranger Things“ und „Lupin“

Die animierte Ergänzung „Stranger Things: Tales From ‘85“ zeigt, wie real die Konsequenzen sind. Hier wurden zentrale Figuren wie Hopper und Eleven nicht mehr von ihren etablierten Sprechern Peter Flechtner und Carlotta Pahl vertont. Andere Hauptfiguren hatten in der Vergangenheit ohnehin wechselnde Stimmen, doch ungewöhnlich ist, dass im Abspann gar keine Infos zur deutschen Synchronisation stehen. Bei der brasilianischen Serie „Nuklearer Notfall“ kam die Synchro-Version zudem erst Wochen nach dem Originalton-Release.

Nun steht „Lupin“ Staffel 4 zumindest akustisch auf der Kippe. Die deutschen Stimmen der Hauptdarsteller Sascha Rotermund (Omar Sy) und Anne Helm (Ludivine Sagnier) haben angekündigt, die Verträge nicht zu unterschreiben, ebenso zwei weitere Cast-Sprecher. Die Produktion der französischen Hitserie läuft auf Hochtouren, doch Netflix schweigt zu seinen Plänen. Es wäre die erste große Live-Action-Serie, die voll vom Streik betroffen ist und das könnte für Fans signifikante Änderungen bedeuten.

Prominente Boykottierer und Gegenstimmen

Die Welle der Ablehner wächst. Zu den Bekannten zählen Santiago Ziesmer (Steve Buscemi), Matti Klemm (Jason Momoa), Tobias Kluckert (Gerard Butler), Ranja Bonalana (Rosamund Pike), Markus Pfeiffer (Sacha Baron Cohen) und Natascha Geisler (Jennifer Lopez), die auf Social Media andeutet, dass ihre Stimme bald ersetzt wird. Der VDS zählt Hunderte Mitglieder, doch wie viele genau boykottieren, bleibt unklar. Auf der anderen Seite arbeiten Kollegen wie Ricardo Richter (Josh Hutcherson), Ilona Brokowski (Kelly Sheridan), Uschi Hugo (Rebel Wilson) und Marcus Off (Johnny Depp) weiterhin mit Netflix zusammen und unterstützen die BFFS-Einigung.

Netflix betont seine BFFS-Vereinbarung, die KI-generierte Stimmenachbildungen nur mit ausdrücklicher Zustimmung erlaubt. Co-CEO Ted Sarandos schwört in einem Interview: „Gute Synchronsprecher sind wirklich entscheidend. Ja, es ist viel billiger, KI einzusetzen, aber ohne die schauspielerische Leistung, die sehr menschlich ist, verschlechtert sich die Qualität der Produktion.“

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