Return to Sender

Heute zum letzten Mal?: „Staying Alive“ auf ProSieben ist eine erfolglose Vollkatastrophe

Dem deutschen TV gehen die Stars aus – nun muss ProSieben für die eigene, bizarre „Sing meinen Song“-Kopie sogar Verstorbene auf die Bühne holen.

Sasha und Elvis stehen auf der Bühne, hinter ihnen zwei Tänzerinnen und eine Jukebox.
Das digitale Elvisgesicht macht der Mehrfachsteckdose schöne Augen. Foto: Joyn

Vor der ersten Ausstrahlung von „Staying Alive – Stars singen mit Legenden“ wurde ein großes Geheimnis darum gemacht, wie dieser „einzigartige Musikmoment“ überhaupt möglich ist. „Fragen Sie nicht, wie es funktioniert. Es funktioniert“, war die wenig aufschlussreiche Antwort von Moderator Thore Schölermann, der bereits im Oktober 2025 für die Aufzeichnung der beiden Folgen in Köln vor der Kamera stand.

Zeitgleich ist eine Erklärung auch nicht wirklich nötig, schon allein das Konzept macht deutlich, dass hier Deepfake-KI-Technologie eingesetzt wurde, um Elvis, Whitney Houston, Freddie Mercury und Amy Winehouse noch einmal auf die Bühne zu holen. Immerhin handelt es sich nicht um Kopien früherer Auftritte, die nun in Hologrammform erneut verwertet werden, sondern um neue Auftritte mit neuen Songs, die zwangsläufig auf moderne Technik setzen müssen.

Natürlich hätte ProSieben sich auch auf gute Doubles verlassen können, an denen es bei diesen Künstlern ja nicht mangelt, aber das wäre ja keine „Innovation“. Allerdings wäre es auch deutlich weniger unangenehm gewesen als das Fremdscham-Spektakel, das der Sender am Samstag zur besten Sendezeit präsentierte.

Elvis rotiert im Grab

Es ist kein Zufall, dass ProSieben auf den Pressebildern zur Show vorrangig die tatsächlich anwesenden Stars und nicht die Promis aus dem Jenseits zeigt. Natürlich soll einen die Neugier zum Einschalten bewegen, aber es gibt noch einen weiteren Grund für diese Zurückhaltung: Es sieht einfach nicht besonders gut aus.

Der einzige Trumpf dieser zweistündigen Show – mit Werbung sind es fast drei Stunden – verpufft bereits nach einer knappen Minute, wenn die „Legenden“ erstmals enthüllt werden und Körperdoubles mit CGI-Gesichtern leblos durch die Gegend schauen. Selten war der Satz „Ich erwarte nichts und bin dennoch enttäuscht“ aus „Malcolm mittendrin“ treffender, denn mit einem kontroversen, seelenlosen Spektakel war zu rechnen – aber nicht mal mit viel gutem Willen gelingt diese Illusion.

2018 wäre das modern gewesen

Die No Angels und Elbis singen gemeinsam auf der Bühne.
Immerhin sieht der Elvis auf dem Monitor seinem Vorbild ähnlich. Foto: ProSieben/Willi Weber

Lob verdient an dieser Stelle das Livepublikum, das überzeugend staunt und begeistert auf den Auftritt der Doubles reagiert, die während der Aufzeichnung ja noch mit ihrem echten Gesicht auf der Bühne standen. Vielleicht sahen sie ihrem Vorbild ja tatsächlich ähnlicher als die Computer-Visagen, die ihnen nachträglich verpasst wurden.

Auf den Leinwänden im Studio bekamen die Zuschauer immerhin schon die „echten“ Stars zu sehen, also die Deepfake-Kopien, die man so eher in einem PlayStation-4-Spiel vermuten würde. Dass die Bewegungen auf den Bildschirmen nicht zu denen des Doubles passen, fällt da kaum noch ins Gewicht.

Flop around the Clock

Da man sich dafür entschieden hat, Freddie Mercury und Amy Winehouse erst in der zweiten Show wiederzubeleben, verkommt die ganze Angelegenheit auch zur ausgedehnten Schlaftablette. Samu Haber, die No Angels, Alvaro Soler und Sasha singen ein Duett nach dem anderen, interagieren dabei möglichst wenig mit ihren legendären Bühnenpartnern und sprechen anschließend auf dem Sofa darüber, was sie alles mit Elvis und Whitney Houston verbindet.

Das „Wir sind alle beste Freunde“-Feeling aus „Sing meinen Song“ wird hier recht gut kopiert, aber während bei der Vox-Erfolgsshow tatsächlich interessante Coverversionen bekannter Hits entstehen, bleibt einem bei „Staying Alive“ nichts im Ohr.

Dass vorerst nur zwei Shows produziert wurden, war vermutlich eine gute Entscheidung. 690.000 Zuschauer, davon 190.000 in der werberelevanten Zielgruppe, sorgen für einen enttäuschenden Marktanteil von 6,2 Prozent. Ein schwerer Rückschlag für Endemol Shine Germany, erhoffte man sich doch internationale Aufmerksamkeit für diese deutsche Eigenproduktion.

Für das Publikum ist es jedoch eher eine Erleichterung, diese befremdlichen Pixelgesichter fortan nicht jeden Samstag sehen zu müssen.

Quellen

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