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„Deutsches Haus": Aus diesem Grund bekam Katharina Stark die Hauptrolle | Interview mit Annette Hess

Anlässlich des Starts der Serie „Deutsches Haus“ bei Disney + hatten wir die Chance Drehbuchautorin und Showrunnerin Annette Hess zu befragen.

„Deutsches Haus: Aus diesem Grund bekam Katharina Stark die Hauptrolle | Interview mit Annette Hess
"Deutsches Haus" feiert am 15. November seinen Streaming-Start auf Disney+ Foto: Disney

Am 15. November startet die Mini-Serie „Deutsches Haus“ auf der Streaming-Plattform Disney+ mit insgesamt fünf Folgen. In der Serie geht es um die Dolmetscherin Eva Bruhns (Katharina Stark), welche gemeinsam mit ihren Eltern, ihrer älteren Schwester und jüngeren Bruder in einer geräumigen Wohnung oberhalb des Gasthauses „Deutsches Haus" lebt. Außerdem hat Eva einen Verehrer, der Kaufhaus-Sohn Jürgen, der sich um eine Verlobung mit ihr bemüht. Doch dieses Glück wird von einer plötzlichen Anfrage der Staatsanwaltschaft unterbrochen.

Eva wird gebeten bei einem Prozess zu übersetzen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie aber noch nicht, wie geschichtsträchtig dieses Gerichtsverfahren wirklich werden würde. Es handelt sich dabei nämlich um die Nürnberger Prozesse bzw. ersten Auschwitzprozesse, in denen sie die Zeugenaussagen der Holocaust-Überlebenden und dessen Leid wiedergeben muss. Immer mehr wird ihr bewusst, wie grausam die Verbrechen der Nazis waren. Mit dem Auseinandersetzen der Taten rückt auch ein tief gehütetes Familiengeheimnis stärker in den Vordergrund.

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„Deutsches Haus“: So kam Annette Hess die Idee zur Serie

Die Serie hat für Drehbuchautorin Annette Hess eine besondere Bedeutung. „Als ich 10 Jahre alt war, das war 1977, sah ich im Fernsehen das „Urteil von Nürnberg“, diesen Hollywoodfilm über die Nürnberger Prozesse. Ich hatte bis dahin nichts vom Holocaust gewusst. In diesem Film werden im Gerichtssaal Originalaufnahmen gezeigt, genauso wie Dokumentarmaterial von der Befreiung des Lagers Bergen Belsen. Diese schlimmen Bilder vergisst man nie. Ich habe als Zehnjährige gewusst, dass dieses Verbrechen wirklich passiert ist und dass die Deutschen daran schuld sind“, erzählte sie TVMovie.de im Interview zum Start der Serie.

Anke Engelke als Edith Bruns in „Deutsches Haus“ Foto: Disney

Seitdem beschäftigt sich die Filmemacherin mit der deutschen Schuld und auch mit der dazugehörigen Verantwortlichkeit. Das habe auch persönliche Hintergründe, wie sie im Interview verrät: „Mein Großvater war Polizist und im Zweiten Weltkrieg in Polen stationiert. Er hat nie darüber gesprochen, was er da gemacht hat“. Die Wahrscheinlichkeit, dass er von den Taten gewusst hat und eventuell sogar Täter gewesen ist, sei nicht gerade gering. Das liege laut Hess auch daran, dass die Polizei zur damaligen Zeit unter anderem zu Erschießungen oder Deportationen hinzugezogen wurde. „Aufgrund dieses Blindenflecks in meiner Familie verspüre ich eine Verpflichtung, auch wenn eine Wiedergutmachung nicht möglich ist. Ich kann aber davon erzählen“.

Allerdings habe sie lange nach einem passenden Aufhänger, wie in ihren Werken „Weißensee“ oder der „Ku’damm“-Reihe gesucht. Diesen habe sie gefunden, als die Tonbandaufnahmen der Prozesse ins Internet gestellt wurden. Sie habe sich 400 Stunden an Material angehört und stellte dabei fest „Ich habe bis dahin gedacht, dass ich alles über Auschwitz weiß. Doch in Wahrheit wusste ich nichts“. Sie beschreibt, wie schrecklich es für die Gefangenen war, jeden Tag aufs Neue in einer Hölle zu sein.

„Bei den Prozessen gab es eine polnische Dolmetscherin, die auch in den Tonaufnahmen zu hören ist und sie hat mich sehr beeindruckt. Sie ist immer ruhig geblieben und konnte diese schrecklichen Dinge auf eine sehr beruhigende Art übersetzen. Damit hat sie diesen Zeuginnen und Zeugen das Vertrauen gegeben, zu sprechen“, erzählt sie uns. Da sie ebenfalls etwas über ihre Familie erzählen wollte, kam eines zum anderen und die Serie „Deutsches Haus“ war geboren.

„Deutsches Haus“: Deshalb spielt Katharina Stark die Hauptrolle!

Es sei nicht gerade leicht gewesen, eine passende Person für die Hauptrolle zu finden. Nach einem langen Casting stand die Entscheidung aber relativ schnell fest „Katharina hat uns […] einfach komplett überzeugt mit ihrer naiven, aber gleichzeitig schonungslosen Art. Dabei hat sie auch noch solch eine Spielfreude, Mut und Vitalität. Die Hoffnung, die sie ausstrahlt, ist wahnsinnig wichtig für die Geschichte“. Nicht jeder könne sich fünf Folgen lang mit dem schlimmsten Verbrechen der Menschheit beschäftigen, daher sei es notwendig eine Hauptfigur zu haben, die „einen an die Hand nimmt und mit Vertrauen durch die Folgen trägt“.

Katharina habe genau das getan. Hess habe unfassbaren Respekt vor der Leistung der Newcomerin, die für ihre Rolle sogar Polnisch lernen musste. „Dazu ist es nicht ohne mit solch erfahrenen Schauspielern aufzutreten“. Sie könne nicht glücklicher mit der Wahl von Katharina Stark sein.

„Deutsches Haus“: Die Bedeutung der Serie in politisch instabilen Zeiten

„Dass die Serie jetzt so in die Zeit passt, hätten wir nie gedacht“, denn die Dreharbeiten hätten schon vor einem Jahr angefangen. Es sei ihr wichtig aufzuzeigen, wohin Rassismus, Antisemitismus und Menschenverachtung führen kann.

Gerade heutzutage ist es für die Autorin besonders notwendig, über die vergangenen Verbrechen zu informieren. „Das Problem ist, dass dieses Wissen über den Holocaust und die Verbrechen verloren geht. Die Überlebenden, die zum Beispiel an Schulen gehen, existieren kaum noch. Wer soll es dann aufrechterhalten und weitererzählen“.

„Deutsches Haus“: Wie haben Erfolge von „Im Westen nichts Neues“ die Serie beeinflusst.

Hess hat eine klare Meinung zu ihren Werken. Sie überlege im Vofreld nicht, was die Leute gerne sehen würden, denn das würde für sie als Autorin nicht funktionieren. „Ich kann nur überzeugend schreiben, wenn mir meine Intuition sagt, dass es ein starkes Thema ist, welches mich fasziniert und wofür ich brenne“. Im zweiten Schritt sei es dann die Aufgabe von Sendern und Produzenten zu prüfen, „ob das jemand gerade sehen möchte“.

Interview & Text: Timon Kolloch

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