„Selbstporträt eines Serienmörders“ behandelt nicht die ganze Geschichte

Charles Manson: Das wurde aus seinen vier Söhnen

Vier Söhne, vier Frauen, vier völlig unterschiedliche Lebenswege: Die Netflix-Doku „Selbstporträt eines Serienmörders“ behandelt Mansons Leben, auf Disney+ erfährt man hingegen mehr über sein Vermächtnis.

Ein Foto von Charles Manson, im Gefängnis aufgenommen.
Auch heute leben noch einige Nachfahren von Charles Manson. Foto: IMAGO / Capital Pictures

Charles Manson gilt als einer der berüchtigtsten Verbrecher der US-Geschichte. Deutlich weniger bekannt ist hingegen, was aus den vier Söhnen wurde, die er hinterließ. Noch bevor er 1969 wegen der Morde an Sharon Tate, Jay Sebring, Abigail Folger, Wojciech Frykowski, Steven Parent sowie Leno und Rosemary LaBianca verurteilt wurde, hatte Manson mit vier verschiedenen Frauen vier Söhne gezeugt.

Die drei älteren Söhne – Charles Manson Jr. (der sich später in Jay White umbenannte), Charles Luther Manson (später Jay Charles Warner) und Daniel Arguelles – wurden bereits etwa ein Jahrzehnt vor den aufsehenerregenden Morden geboren. Der jüngste Sohn, Michael Brunner, kam hingegen nur 14 Monate vor den Taten zur Welt.

Manson selbst, der 2017 im Alter von 83 Jahren im Gefängnis eines natürlichen Todes starb, äußerte sich öffentlich kaum zu seinen Kindern. Erst über die Jahre kamen einzelne Details über die familiären Verbindungen ans Licht. Besonders bemerkenswert: Sein vierter Sohn Arguelles erfuhr erst 2022 von seiner tatsächlichen Herkunft – eine Geschichte, die in der Disney+-Dokumentation „Mein Großvater: Charles Manson“ ausführlich thematisiert wird.

Charles Manson Jr. – der älteste Sohn

Charles Manson Jr., der später offiziell seinen Namen in Jay White änderte, wurde am 10. April 1956 als Sohn von Rosalie Jean Willis geboren. Manson und Willis hatten 1955 geheiratet, ließen sich jedoch später scheiden; Willis starb 2009 an Lungenkrebs. Über das Leben von Manson Jr. selbst ist wenig bekannt – er nahm sich am 29. Juni 1993 das Leben.

Sein erwachsener Sohn Jason Freeman lebt heute noch. Als Manson 2017 starb, erkannte ein Richter Freeman offiziell als dessen Enkel an und sprach ihm den Leichnam zu – ein Streit um Mansons Erbe dauert bis heute an. Freeman, ein ehemaliger Kickboxer und Käfigkämpfer, erklärte 2012 gegenüber CNN, er habe seinen Vater nie wirklich gekannt, empfinde aber Mitgefühl für dessen Situation: „Er konnte einfach nicht loslassen … Er konnte nicht damit leben, wer sein Vater war.“

Zu seiner eigenen Beziehung zu Manson erklärte Freeman, man habe sich zwar nie persönlich getroffen, aber gelegentlich als Erwachsener telefoniert: „Von Zeit zu Zeit, hin und wieder, sagte er ‚Ich liebe dich'. Er sagte es dann zurück zu mir. Vielleicht hat er es ein paar Mal zuerst gesagt. Es hat aber eine Weile gedauert, bis wir an diesen Punkt kamen, glaub mir.“

2017 äußerte Freeman zudem gegenüber PEOPLE, sein Großvater habe seine Anhänger nie zum Töten angestiftet und „seine Hände seien sauber“ – obwohl Manson die Morde im August 1969 nicht selbst beging, wurde er juristisch für sie verantwortlich gemacht.

Charles Luther Manson – ein unbekannter Sohn

Über Mansons zweiten Sohn, Charles Luther Manson, ist nur wenig überliefert. Seine Mutter, Leona Rae Musser, auch bekannt als „Candy Stevens“, hatte ursprünglich vor Gericht gelogen, um bei Mansons Verurteilung wegen eines gestohlenen Schecks Milde zu erwirken – sie behauptete, schwanger zu sein. Tatsächlich wurde sie einige Monate später, im Dezember 1959, schwanger, woraufhin das Paar heiratete. Charles Luther kam am 24. September 1960 zur Welt und lernte seinen Vater nie kennen; seine Eltern ließen sich knapp drei Jahre später scheiden.

In einem Brief an seinen Brieffreund Michael Channels schrieb Manson 2002 rückblickend, Leona habe in Denver, Colorado, einen Sohn namens Charles Manson Jr. bekommen, über den er sich immer wieder gewundert habe. Man habe zwar einen Bluttest und entsprechende Papiere gehabt, aber nie geheiratet – Leona habe die Unterlagen gefälscht, die Scheidung eingereicht und das Sorgerecht erhalten. Charles Luther änderte seinen Namen 1976 offiziell in Jay Charles Warner und starb 2007 in Colorado.

Michael Brunner – aufgewachsen bei den Großeltern

Michael Brunner, geboren 1968 als Valentine Michael Manson, ist der Sohn von Mary Theresa Brunner, einem der ersten Mitglieder von Mansons Kult. Zum Zeitpunkt der Morde war Michael gerade einmal 14 Monate alt. Seine Mutter wurde später wegen des Mordes an Gary Hinman angeklagt, erhielt jedoch Immunität im Austausch für ihre Aussage gegen Manson und dessen Anhänger. Später war sie zudem an einem Plan beteiligt, Manson aus dem Gefängnis zu befreien, wofür sie ebenfalls Haftzeit absitzen musste, bevor sie 1977 auf Bewährung entlassen wurde.

Michael wuchs bei seinen mütterlichen Großeltern Elsie und George Brunner in Eau Claire, Wisconsin, auf, die ihn 1976 offiziell adoptierten. Er beschrieb sein Aufwachsen als liebevoll und erklärte, seine Großeltern hätten seinen Nachnamen geändert, um ihn in der Schule vor Hänseleien zu schützen und ihm ein normaleres Leben zu ermöglichen. Insgesamt habe er eine größtenteils unauffällige Kindheit gehabt, geprägt von Sport – besonders Skifahren, Skaten und Radfahren.

Zu seinem leiblichen Vater hatte Michael als Kind keinen Kontakt und ignorierte dessen Kontaktversuche aus dem Gefängnis. Nach dem Schulabschluss ging er zur Armee und arbeitete später als Militärdienstleister in Afghanistan – in dieser Zeit kontaktierte er Manson einmalig per E-Mail. Manson antwortete daraufhin mit einer Postkarte und bat seinen Sohn, sich zu melden, doch Michael kam nie dazu, bevor sein Vater 2017 starb. Rückblickend erklärte er dazu: „Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen wurden Monate. Und ich habe es einfach nie getan. Und dann war es zu spät.“

Erst nach Mansons Tod beschäftigte sich Michael intensiver mit den Verbrechen seines Vaters. Er distanziert sich dabei ausdrücklich von der „Helter Skelter“-Theorie, wonach Manson seine Anhänger zu den Morden angestiftet habe, um einen Rassenkrieg auszulösen. Nach der Lektüre von Nikolas Schrecks Schriften über die Manson-Morde kam er zu dem Schluss, sein Vater sei zwar zweifellos ein Verbrecher gewesen, aber nicht die „böse Karikatur“, zu der ihn Medien, Justiz und Öffentlichkeit gemacht hätten.

Heute lebt Michael zurückgezogen, arbeitet in der Fertigungsindustrie, hat selbst einen erwachsenen Sohn und lebt mit seiner Partnerin auf einem 56 Hektar großen Grundstück im Mittleren Westen der USA, wo sie teilweise ihr eigenes Gemüse anbauen. 2018 wurde er offiziell von der Erbliste für Mansons Nachlass gestrichen, da er als Kind adoptiert worden war.

Daniel Arguelles – eine späte Enthüllung

Daniel Arguelles im Interview.
Daniel Arguelles geht offen mit seiner Vergangenheit um. Foto: Disney+

Daniel Arguelles wusste den Großteil seines Lebens nicht, dass Charles Manson sein leiblicher Vater war. Geboren 1959, war er das Ergebnis einer kurzen Beziehung seiner Mutter Darlene Arguelles zu Manson, der damals unter dem Decknamen „Charlie Dear“ auftrat. Zwar hegte Arguelles schon früh den Verdacht, dass sein Stiefvater Jim nicht sein leiblicher Vater sei, und konfrontierte seine Mutter mit 21 Jahren damit – eine endgültige Antwort blieb jedoch lange aus.

Erst 2022 löste sich das Rätsel: Über einen DNA-Abgleich bei Ancestry.com wurde Arguelles mit Michael Brunner, einem weiteren Sohn Mansons, in Verbindung gebracht. Ein anschließender DNA-Test bestätigte schließlich, dass die beiden Halbbrüder sind und Manson tatsächlich Arguelles' Vater war.

Diese Entdeckung und ihre Auswirkungen auf Arguelles' Tochter Sophia Maddox werden in der Disney+-Dokumentation „Mein Großvater: Charles Manson“ näher beleuchtet. Arguelles arbeitete demnach zunächst als Schauspieler und Model in Hollywood, bevor er sich der Kunst zuwandte. Heute bezeichnet er sich selbst als multidisziplinären Künstler und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.

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