Kapitalverbrechen an Kapitalverbrechern

„Chabos“ trifft auf „Die Pfefferkörner“ – Kritik zu „Banksters“ auf HBO Max

HBO wartet mit seinem allerersten deutschen Original namens „Banksters“ auf. Doch passt die Serie zwischen all die Hits des Unternehmens oder ist da noch Luft nach oben?

Eren M. Güvercin wird von zwei Polizisten abgeführt. Er trägt ein rot-weißes Trikot und ist auf einem Fußballplatz.
Bänker und Bankräuber: Yusuf (Eren M. Güvercin, m.) begeistert in „Banksters“ auf HBO Max. Foto: HBO

Mit dem stark verzögerten Launch von HBO Max in Deutschland kommen nun auch endlich HBO-Originals aus dem eigenen Land. Das allererste dieser Originals ist „Banksters“, eine Crime-Serie mit einem dynamisch jungen Cast. Aber reicht der HBO-Stempel aus, um die Existenz der Serie zu rechtfertigen, oder wird den Zusehenden ein Blender untergeschoben?

„Banksters“: Darum geht es in der Serie

Berlin im Jahr 2004. Yusuf (Eren M. Güvercin) hat sein Abi mit einem 0,9er-Schnitt abgeschlossen und hat sein ganzes Leben vor sich. Doch als er herausfindet, dass sein Vater (Numan Acar) stark verschuldet ist, beginnt er eine Ausbildung zum Bankkaufmann, um den Schuldenberg seines Vaters zu tilgen – ein nobles Unterfangen, das sich aber als sehr schleppender Prozess herausstellt. Als er dann aber in der Berufsschule Malte (Merlin von Garnier) und Steven (Michelangelo Fortuzzi) kennenlernt, beginnt das Trio, ihr Bankwissen zu nutzen, um Geld zu hinterziehen. Früher oder später endet dieses Unterfangen jedoch in Bankrauben, an denen ihre Mitschülerin Melanie (Maria Dragus) ebenfalls teilnehmen will. Doch es kommt, wie es kommen muss, und Yusuf wird verhaftet – nun muss er herausfinden, wer ihn verraten hat und ob er problemlos aus der gesamten Situation herauskommen kann.

„Banksters“: ZDFneos „Chabos“ lassen grüßen

Ob „Banksters“ nun wirklich von „Chabos“ inspiriert ist, lässt sich nicht wirklich beweisen, aber man kann nicht verleugnen, dass beide Serien definitiv Teil der Y2K-Trendwelle sind. Dennoch setzen beide Serien diese Ansätze sehr verschieden um …

Während „Chabos“ Authentizität erzwingt, indem sich alles der Nostalgie unterordnen muss, ist man in „Banksters“ weniger nostalgisch unterwegs. Das ist einerseits ganz vorteilhaft, denn so bekommt man nicht alle zwei Minuten eine Referenz um die Ohren gehauen, sorgt aber auch dafür, dass man sich kontinuierlich fragt, warum die Serie überhaupt im Jahr 2004 spielt.

Einerseits beantwortet sich die Frage von selbst, denn die Serie basiert ja immerhin auf „wahren Ereignissen“. Andererseits beißt sich das Produktionsdesign kontinuierlich mit der Realität, von der man erzählen will. Während manche Orte noch recht authentisch wirken, versinken die meisten Kulissen aber im neumodernen Prunk – insbesondere das Haus der Kaisers und die Berufsschule. Dadurch wirkt es so, als würde die Serie nur im Jahr 2004 spielen, um einem Trend hinterherzurennen, der nun ironischerweise von verklärter Nostalgie für das Jahr 2016 abgelöst wird – auch wenn das während der Produktion niemand ahnen konnte …

Die Königsklasse (der Berufsschule): „Banksters“ wartet mit grandiosen Jungdarstellern und Jungdarstellerinnen auf

Eine Sache, derer ich nicht müde werde, sie zu sagen, ist, dass die FUNK-Serie „DRUCK“ (2018–2022) weiterhin ein Sprungbrett für grandiose Jungdarsteller und Jungdarstellerinnen bleibt. Sowohl Hauptdarsteller Eren M. Güvercin als auch Michelangelo Fortuzzi hatten in ebenjener Serie Staffelhauptrollen gespielt, und selbst all die Jahre später beweisen beide Darsteller, dass sie eine Bereicherung für nahezu jedes deutsche Projekt sind.

Aber auch der Rest des jüngeren Casts kann sich sehen lassen. Maria Dragus, die in Jakob Lass’ „Tiger Girl“ (2017) eine machtgierige, aber auch erbärmliche Sicherheitsbeamtin spielte, legt eine komplette Kehrtwende hin und mimt die gelangweilte Vorortfrau mit geordnetem Leben – lässt diese Performance aber nie zu einem Klischee verkommen. Und so gut all diese Leistungen sein mögen, gibt es doch eine ältere Person, die allen die Show stiehlt …

Zwischen Bösewicht und törichtem Wicht: David Ruland begeistert in „Banksters“

Im Vorgespräch zu „Banksters“ werden natürlich alle gelobt. Egal, ob die vier jungen Darstellenden oder alteingesessene Größen wie Andreas Pietschmann („Dark“), aber ich finde, eine sehr zentrale Figur wurde im ganzen Marketing außen vor gelassen. Und das ist David Ruland.

Ruland spielt in „Banksters“ prinzipiell den Antagonisten. Er ist der Ermittler, dem es gelingt, Yusuf für seine Taten in U-Haft zu bringen. Das klingt zwar auf den ersten Blick sehr rechtschaffen, aber erstens „ACAB“, wie Eren M. Güvercin sagen würde, und zweitens ist David Rulands Ermittler gar nicht allzu rechtschaffen. Viel eher ist er korrupt, unprofessionell, emotional und schlichtweg eine wirklich unsympathische Type. Und, himmelherrgott, bringt es Spaß, David Ruland dabei zuzusehen. Selbstverständlich bleibt seine Motivation etwas flach, denn prinzipiell ist er nur ein sehr emotionaler Cop, der versucht, einen Fall zu lösen, aber das geht in Rulands charismatischer Art unter. Was hingegen weniger untergeht …

Typische Serienkrankheit: Wo „Banksters“ kränkelt

Egal, ob „Bridgerton“, „Stranger Things“ oder der Dortmunder „Tatort“all diese Serien haben ein und dasselbe Problem: viel zu viele Storystränge mit zu vielen Figuren, die nur existieren, damit ausreichend repräsentiert werden kann. Das Ergebnis dieses noblen Vorhabens ist aber, dass Serienepisoden sich nicht mehr voneinander abheben. Was ich damit meine?

Um ein simples Beispiel zu nehmen, das wahrscheinlich die meisten gesehen haben dürften: „Breaking Bad“. Die Serie hat zwar multiple Handlungsebenen und repräsentiert, aber man kann Episoden voneinander unterscheiden. Da gibt es die Episode mit der Fliege, die Folge, in der Hank Heisenbergs Wohnmobil entdeckt, oder die Folge, in der Walter versucht, einen Blumenkübel durch eine Fensterscheibe zu werfen. Aber bei Serien wie „Bridgerton“ und „Stranger Things“ wird es schwieriger und schwieriger zu sagen, welche Episoden gut oder schlecht sind, weil die mangelnde Besonderheit der Einzelepisoden dazu führt, dass alles zur Suppe verschwimmt. Oder könnte mir jetzt jemand auf Anhieb verraten, was in „Bridgerton“ Staffel 3, Episode 5 passiert, ohne nachzusehen? Und mir dann noch erzählen, inwiefern sich diese Episode nun von den anderen abhebt?

Und all die Sachen, die ich gerade gesagt habe, lassen sich auch auf „Banksters“ beziehen. Die Einzelelemente greifen gut ineinander, aber sie heben sich leider auch nicht voneinander ab.

„Banksters“: Sollte man mit auf den Raubzug gehen oder nicht?

Trotz der kleinen Spitzfindigkeiten meinerseits, was „Banksters“ betrifft, muss ich dennoch sagen, dass ich mehr solcher Serien aus Deutschland will. Sprich: nicht den neuesten Krimi oder das x-te Melodrama am Fürstenhof, sondern Geschichten, die von Personen mit Leidenschaft geschrieben wurden. Und leidenschaftlich ist „Banksters“ auf jeden Fall.

Wer auch mehr solcher Dinge aus Deutschland sehen will, sollte „Banksters“ auf jeden Fall eine Chance geben, denn wenn genügend Leute einschalten, sieht HBO Max, dass in Deutschland Interesse an Geschichten besteht, die mehr als veraltete Agenten-Kamellen sind …