Wie ein Blowjob in der Seitengasse – Kritik zu „Pillion“ mit Alexander Skarsgård
Sexuell aktive Biker, Dominanzspielchen und Alexander Skarsgård – all das ist „Pillion“. Aber sollte die Dom-Com vielleicht mehr als das sein?

Es gibt sie alle paar Jahre: die Filme, die die homosexuelle Community in Aufregung versetzen – nicht, weil sie homophob wären, sondern weil sie neue Maßstäbe im schwulen Kino setzen. Und „Pillion“ wäre so gerne Teil dieser Aufregung, so wie es einst schon „Brokeback Mountain“ (2005) und „Call Me By Your Name“ (2017) waren. So ergibt sich das größte Problem des Films: „Pillion“ ist zu gewöhnlich und gleichzeitig zu anders.
„Pillion“: Wovon handelt der homoerotische Biker-Film?

Colin (Harry Melling) ist ein eher zurückhaltender homosexueller Mann, der tagsüber als Parkwächter arbeitet und abends gelegentlich in einer A-cappella-Gruppe singt. Bei einem seiner Auftritte lernt er den stoischen und wortkargen Ray (Alexander Skarsgård) kennen. Schnell kommt es zu einem ersten „Date“, das überwiegend sexueller Natur ist. Colin versteht schnell, dass Ray kein Interesse an einer Beziehung hat, sondern lediglich einen submissiven Partner sucht. Und so wird Mauerblümchen Colin in eine Welt eingeführt, von der er für sich selbst einordnen muss, ob er sich dort überhaupt wohlfühlt.
Sex, Sex und noch mehr Sex: Womit „Pillion“ aufwartet
„Pillion“, was übrigens die Bezeichnung für den Beifahrer oder die Beifahrerin auf einem Motorrad ist, möchte vor allem eines: sich von anderen homosexuellen Filmen differenzieren, indem man einfach sexueller ist als der Rest. Etliche Szenen laufen auf ein sexuelles Endresultat hinaus. Das erste Date mündet im Oralverkehr, eine Wrestling-Session wird zu einem „stechenden“ Erlebnis und was auf einem Ausflug ins Grüne passiert, spare ich lieber aus.
Regisseur Lighton versteht es, die sexuellen Ausbrüche der Hauptcharaktere wertig und optisch respektvoll einzufangen. Dabei lässt er aber auch Raum für Schockmomente oder vielmehr Überraschungen, da man sich dennoch traut, grafisch sowie anzüglich zu werden. Das Spiel wird so weit getrieben, dass man sich in etlichen Szenen fragt, ob die Darsteller tatsächlich miteinander schlafen – und ob der Penis, den man sieht, wirklich zu einer bestimmten Person gehört.
Doch die Leidenschaft, die für die Darstellung sexueller Praktiken verwendet wird, ist gleichzeitig auch das größte Problem des Films, denn …
Emotional nicht verfügbar: Alexander Skarsgårds Art ist ansteckend
Wenn eine Person emotional überwiegend nicht anwesend ist, dann ist es Alexander Skarsgård – und als Zuschauer oder Zuschauerin tut man es ihm gleich. Denn zwischen den ganzen Sex-Szenen, die entweder schocken oder nicht schocken, liegt ein Film, der kaum formelhafter sein könnte.
Tragische und/oder fehlgeleitete Liebesgeschichten sind im homosexuellen Kino bei Weitem nichts Neues. Auch wenn man hier versucht, diesem Genre-Klischee einen neuen Ansatz zu verleihen, indem man offenlässt, ob man überhaupt einen romantischen Film schaut, hilft das nicht dabei, zu verschleiern, dass vieles andere aus der Retorte kommt. Colin hat familiäre Probleme, Ray hat Bindungsprobleme und dazwischen gibt es kleinere Schicksalsschläge – bis schon wieder die nächste Sex-Szene um die Ecke kommt. Und ehrlich gesagt muss ein Film mehr leisten als das.
Die Skarsgårds der Schauspielkunst: In „Pillion“ fährt niemand Pillion
Alexander Skarsgård ist und bleibt wandlungsfähig. Während er in „The Moment“ noch vor einigen Wochen wohl eine der lustigsten Leistungen des Jahres darbot, könnte sein Ray in „Pillion“ kaum spaßbefreiter sein. Dennoch schaut man ihm gerne zu – aber nicht, weil er in diesem Film unbedingt ein Sympathieträger wäre, sondern vielmehr, weil man früher oder später anfängt, Ray nicht leiden zu können und man sehen möchte, wie tief dieser Abgrund gehen kann.

Denn Ray steht der treudoofe und unsichere Colin gegenüber, den Harry Melling derart putzig einfängt, dass man ihm panisch zurufen möchte, seinen „Dom“ endlich zu verlassen. Aber ein wenig so, wie Ray Colin immer wieder Brotkrumen zuwirft, werfen einem Harry Melling und Alexander Skarsgård auch immer wieder genug zu, dass man am Ball bleibt. Es sei jedoch angemerkt, dass Alexander-Skarsgård-Fans weniger auf ihre Kosten kommen dürften, denn der eigentliche Stand-out-Star ist in „Pillion“ Harry Melling. So sehr sogar, dass man sich wünscht, ihn in weiteren Produktionen zu sehen.
„Pillion“: Loud and proud, aber nichts Neues getraut
Harry Lightons „Pillion“ ist ein Film, der zumindest in Deutschland zu einem etwas ungewöhnlichen Zeitpunkt erscheint. Es gibt diese Filme, die in den USA kurz vor oder kurz nach der Award-Saison veröffentlicht werden, in der Hoffnung, vom Preis-Buzz zu profitieren. Doch „Pillion“ blieb bei den großen Auszeichnungen weitestgehend unberücksichtigt und kann in Deutschland vor allem mit dem Namen Alexander Skarsgård punkten. Gleichzeitig steht die Dom-Com so sehr zwischen den Stühlen, dass allenfalls Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich berechtigterweise über mehr Repräsentation freuen, auf ihre Kosten kommen dürften.
Und somit bleibt ein Film, der ein bisschen wie ein Blowjob in der Seitengasse ist: Du weißt zwar, was du bekommst, aber die Umstände sind so unvorhersehbar, dass du nicht weißt, ob du dich jetzt freuen oder scheuen sollst.









