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"Vice"-Regisseur Adam McKay: "Die Cheneys werden den Film hassen" | Interview

Wer ist Dick Cheney wirklich? Auch "Vice"-Regisseur Adam McKay, der vor allem für seine schwarzhumorigen Komödien wie "Anchorman", "Stiefbrüder und "Die etwas anderen Cops" bekannt ist, fand bei der Recherche zu seinem Dick Cheney-Biopic erstaunliche Wahrheiten heraus. Im Interview verriet er uns nicht nur, was er dem ehemaligen Vizepräsidenten gerne unter vier Augen sagen würde, sondern was passiert wäre, wenn Christian Bale nicht die Hauptrolle übernommen hätte.

Adam McKay Vice
"Vice": Wir konntem mit "Anchorman"-Regisseur Adam McKay über sein Dick Cheney-Biopic während der Berlinale 2019 sprechen! Getty Images

TVMovie.de: Wie würden Sie Dick Cheney in einem Wort beschreiben?

Adam McKay: Ein einziges Wort kann einem Menschen nie gerecht werden. Ich würde ihn aber als "Patriot" bezeichnen. Das kann sehr unterschiedliche Dinge bedeuten. Es gibt Menschen mit schlechten Intentionen, die sich als patriotisch bezeichnen. Dick Cheney fühlt sich auch als Patriot. Und für mich ist das sehr ironisch. Außerdem ist er für mich eine typische Vaterfigur. 

Würden Sie Dick Cheney treffen, wenn es die Möglichkeit gäbe?

AM: Sehr gerne. Er würde mich sicher niemals treffen wollen. Aber ich würde ihm gerne ein paar Fragen stellen.

Und die wären?

AM: Die wichtigste Frage wäre vermutlich, ob er wegen des Irak-Kriegs jemals einen Moment von Reue verspürt hat. Er hat das bisher immer verneint. Aber ich glaube ihm nicht. Außerdem hat er viele Maßnahmen gegen die globale Erwärmung gestoppt. Und ich würde ihn gerne fragen: "Würden Sie jetzt zugeben, dass sie komplett falsch lagen?" Vor allem, da er jemand ist, der die Natur so liebt.

Haben Sie nie versucht, ihn zu kontaktieren?

AM: Wenn wir Dick Cheney zu Beginn der Dreharbeiten versucht hätten zu kontaktieren, dann hätte er glaubhaft darstellen können, dass er am Film beteiligt war. Und das hätte ihm die Möglichkeit gegeben, gegen den Film zu klagen. Uns war von Anfang an klar, dass wir eine unautorisierte Biografie drehen werden. Das sollte aber auf keinen Fall auf Kosten der Authentizität gehen. Ein Film, den Dick Cheney absegnen würde, müsste vermutlich ein Liebesbrief an ihn werden.

Was wäre passiert, wenn Christian Bale nicht verfügbar gewesen wäre?

AM: Dann hätten wir keinen Film. Er war der einzige Kandidat für die Rolle. Ich versuche immer, Filme zu drehen, die ich mir auch selbst anschauen würde. Und Christian Bale in der Rolle von Dick Cheney zu sehen, wäre auch für mich als Zuschauer ein wahr gewordener Traum. Kein anderer Darsteller setzt sich so intensiv mit seinen Rollen auseinander wie er. Tatsächlich gab es einen klitzekleinen Moment während der Produktion, als es so aussah, als könnte er es aus Zeitgründen möglicherweise nicht schaffen. Doch dann hätte es auch keinen Film gegeben.

Wie haben Sie ihn dazu gebracht, so viel Gewicht zuzunehmen?

Ich habe ihn natürlich mit einem Stock verprügelt (lacht). Nein, ganz im Ernst: Er hat es gern gemacht. Ich musste ihn allerdings überzeugen, diesmal einen Arzt zu konsultieren. Denn auf Dauer könnten diese heftigen Gewichtszunahmen gefährlich werden. Doch zum Glück hat er zugestimmt.

Hat Ihnen die Arbeit an "The Big Short" geholfen, die Struktur von "Vice" zu gestalten?

Ich habe gelernt, dass man Zuschauern viel zumuten kann. Wir werden medial mit so vielen Informationen überschüttet. Ich bin immer wieder erstaunt wie viel Zeug meine Töchter bspw. anschauen. Früher wären solche Filme wahrscheinlich als experimentell durchgegangen, aber heutzutage ist das kein großes Thema mehr. Und das war eine wichtige Erkentnnis: Ich konnte mich komplett ausleben. 

ACHTUNG SPOILER

Wie kamen sie auf die provokante Idee einen Abspann mitten im Film zu integrieren?

AM: Mir kam beim Schreiben die Idee, dass seine Geschichte eigentlich genau in diesem Moment hätte enden sollen. Er hatte nicht das Charisma um Präsident zu werden. Es war ihm wichtig, was mit seiner Tochter passiert. Er hatte einen gutbezahlten Job und war glücklich, dass er viel Zeit mit seiner Familie verbringen konnte. Die Enkel waren schon unterwegs. Das hätte der Schluss sein müssen! 

Wenn George W. Bush nicht am anderen Ende der Strippe gehangen und ihn zu einem Gespräch gebeten hätte, dann wäre die Geschichte vermutlich komplett anders ausgegangen. Und ich dachte mir: "Okay, dann lassen wir es einfach hier enden!" Im Verlauf des Drehs testet man immer wieder Dinge aus. Und ich war mir überhaupt nicht sicher, ob wir diese Szene bis zum fertigen Film beibehalten würden. Im Schnitt hat es dann aber einfach gut gepasst. 

SPOILER ENDE

Wie viel haben Sie im Vorfeld über Dick Cheney gewusst? Und was hat Sie am meisten schockiert, als Sie seine Geschichte recherchiert haben?

AM: Was ich im Vorfeld wusste, ist vermutlich genau das, was viele Amerikaner über Dick Cheney wissen oder glauben zu wissen. Er hat eine Person bei einem Jagdunfall erschossen. Viele haben damals darüber Scherze gemacht, dass Cheney in Wirklichkeit die Stränge zieht, weil Bush nicht wirklich kompetent war. Aber keiner hat es wirklich Ernst gemeint. Und dann hat man Cheney noch mit dem Folter-Programm in Verbindung gebracht. Das waren in etwa die Dinge, die man über Cheney wirklich wusste. Als er aus dem Amt ging, war er extrem unbeliebt.

Was allerdings danach passiert ist, ist ziemlich unerklärlich. Es kommt einem vor, als hätte plötzlich eine Art kollektiver Gedächtnisverlust über Dick Cheney eingesetzt. Plötzlich war dieser Kerl wieder beliebt! Was mich bei der Recherche am meisten überrascht hat, ist die Rolle seiner Frau Lynne: Sie war eigentlich die treibende Kraft hinter seinen politischen Ambitionen. In ihrer Heimatstadt gibt es immer noch den Spruch: "Egal, wenn Lynne geheiratet hätte, er wäre später Präsident oder eben Vizepräsident geworden". 

Bale Adams Vice
Dick Cheney (Christian Bale) und seine Frau Lynne (Amy Adams)          Universum Film

Hat jemand aus der Cheney-Familie auf den Film reagiert?  

AM: Liz, Dick Cheneys Tochter, hatte auf Twitter eine Art "Austausch" mit Christian Bale. Lynne und Dick haben den Trailer für den Film gesehen und haben ihn angeblich gemocht und darüber gelacht. Sie haben den Film aber nicht gesehen. 

Woher wissen Sie das?

AM: Unsere Nachbarn sind politisch aktiv und haben sehr gute Kontakte. Sie kennen einen Reporter, der den Cheneys nahe steht und ihnen wohl ans Herz gelegt hat, den Trailer zu schauen. Und ihre Reaktion auf den Trailer hat er dann wiederum meinen Nachbarn erzählt. 

Was würde Dick Cheney zu seiner Darstellung im Film sagen?

Ich habe das Gefühl, dass er bis kurz vor Ende mit dem Film ziemlich einverstanden wäre. Es ist alles relativ akkurat und zeigt nur, was er wirklich getan hat. Er wird den Teil über seine Tochter allerdings hassen. Mich würde wirklich interessieren, ob Mary Chaney den Film schauen würde. Sie weiß, dass das alles passiert ist. Gleichzeitig ist sie ihren Eltern gegenüber aber auch sehr loyal, obwohl sie gewissermaßen fallengelassen wurde. Lynne und Liz Cheney werden den Film hassen.

Wird Trump über den Film tweeten?

Er schaut ihn garantiert nicht an. Er ist viel zu lang für ihn (lacht).

Was könnte Trump von diesem Film über Macht lernen?

Er ist über den Punkt hinaus, an dem er noch etwas lernen könnte. Wenn er wirklich aufpassen würde, dann könnte er etwas über die "Unitary Executive Theory" erfahren. Aber vermutlich hat er keine Ahnung, was das überhaupt ist. Es wäre ziemlich angsteinflößend, wenn er davon wüsste, auch wenn ich mir sicher bin, dass die Leute um ihn herum darüber Bescheid wissen.

Haben Sie in ihrem Film irgendwas über Dick Cheneys Leben absichtlich ausgelassen?

Natürlich gibt es eine Menge Sachen in seinem Leben, die ich gerne im Film gehabt hätte. Das ursprüngliche Drehbuch war fast 200 Seiten lang. In der ursprünglichen Fassung hatten wir Szenen mit ihm als Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten während des ersten Irak-Kriegs. Es war aber einfach nicht spannend genug. Er wollte die "Unitary Executive Theory" nutzen, um den Kongress zu umgehen und dort einfach einzufallen. Doch George H.W. Bush wollte den Kongress nicht missachten und baute stattdessen auf eine starke Koalition. Irgendwann hat Cheney seine Entscheidung zähneknirschend akzeptiert.

Eine Sache in seiner Laufbahn als Verteidigungsminister war allerdings ziemlich brisant: Man hat Cheney im Pentagon dabei erwischt, wie er den Gebrauch von taktischen Atombomben recherchiert hat. Aber letztendlich war es mir nicht genug, um das in den Film zu integrieren.

Wie kompliziert war die Recherche für den Film? 

Es gab keine allumfassende Biografie über sein Leben. Es gibt sehr viele Bücher und Artikel, die sich mit bestimmten Phasen in Cheneys Leben auseinandersetzen. Zu unseren wichtigsten Quellen gehörten "Angler - The Cheney Vice Presidency" von Barton Gellman, "The One Percent Doctrine" von Ron Suskind oder "The Dark Side" von Jane Meyer. Wir haben uns die Interviews von ihnen angeschaut und sind dann noch tiefer in die Materie eingedrungen und haben Dokumentationen oder Nachrichten-Archivmaterial gesichtet. 

Am Ende haben wir einen eigenen Journalisten angestellt, der wichtige Personen vertraulich befragt hat. Und dadurch haben wir unglaublich relevante Einsichten bekommen. Christian Bale, Amy Adams und Sam Rockwell haben dann auch noch ihr eigenes Ding gemacht und so viele Informationen über ihre Figuren herausgefunden, wie sie nur konnten. Im Endeffekt endet die Recherchearbeit nie - auch, wenn man bereits am Drehbuch sitzt.

Christian Bale war Ihre erste und einzige Wahl als Dick Cheney. Hatten Sie ihre anderen Hauptdarsteller auch schon beim Schreiben im Kopf?

Sam Rockwell als George W. Bush schwebte mir auch schon beim Schreiben vor. Steve Carrell stand auch schon sehr früh fest: Ich wusste, dass er diesen perfekten "Vibe" als Donald Rumsfeld vermitteln würde. Tyler Perry war auch für mich eine kleine Überraschung: Mein Agent hat ihn vorgeschlagen. Er kam bei mir vorbei und ich spürte eigentlich sofort, dass er die perfekte Besetzung als Colin Powell wäre. Er ist ein riesiger Typ, hat eine unglaubliche körperliche Präsenz und diese tiefe Stimme - meiner Meinung nach ist Tyler Perry unfassbar gut in seiner Rolle. Einige glaubten, dass wir den echten Colin Powell gecastet hätten (lacht). Amy Adams ist eine der besten Darstellerinnen, die wir derzeit haben und die Wahl fiel mir extrem leicht.

Adam McKay Dreh Vice
Adam McKay mit seinen Darstellern am Set zu "Vice"          Universum Film

Glauben Sie, dass Bush wirklich so leichtsinnig war, sich auf diesen unglaublichen Deal mit Cheney einzulassen?

Die Szene im Film stammt mehr oder weniger direkt aus Barton Gillmans Buch und wurde so auch von einigen Quellen bestätigt. Und wen wundert das wirklich? Was hat George W. Bush vorher schon geleistet? Bevor er Präsident wurde hat er 12 Jahre lang einfach nichts getan! Er hat alleine in Houston gelebt und ist nur aufgefallen, wenn er gefeiert hat. Alle seine Jobs hat er seinem Namen zu verdanken. Es ist unfassbar, dass dieser Typ Präsident werden konnte, denn er hatte absolut keine Ahnung von der Materie. Cheney hat das gespürt und knallhart ausgenutzt.

Hätte es die Irak-Invasion auch ohne 9/11 gegeben?

Es wurde schon sehr lange geplant. Im Pentagon waren die Invasionspläne bereits in Arbeit. Wir haben eine Szene im Film, die genau darauf anspielt. Es war sehr wahrscheinlich, dass es früher oder später passieren wird, weil sich so viele Parteien einen Irak-Konflikt gewünscht haben. Gleichzeitig bin ich mir ziemlich sicher, dass sie ohne diesen großen Aufruhr möglicherweise eine Invasion im Iran gestartet hätten. Der Irak war eine Katastrophe. Aber eine Invasion im Iran hätte die Russen und weitere Parteien ins Spiel gebracht und möglicherweise einen Dritten Weltkrieg zur Folge gehabt. Zum Glück ist es nicht soweit gekommen ist.

Die Oscar-Verleihung steht vor der Tür. Falls Sie den Oscar bekommen sollten: Würden Sie etwas Provokantes sagen?

Selbstverständlich! Es schauen eine Milliarde Menschen zu. Da kann man sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, was ich sagen würde. Zumindest will ich meine Eltern so richtig wütend machen (lacht).

Interview & Text von: David Rams

Vice - Der zweite Mann startet am 21. Februar 2019 in den deutschen Kinos und lief im Berlinale 2019-Wettbewerb außer Konkurrenz. Einen Trailer zum Film seht ihr 

 

 



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