„Und plötzlich war ich sexuell angetan“: Interview mit Harry Lighton zu „Pillion“
Hinter jedem großen Film steht auch ein eindrucksvoller Regisseur. Im Falle von „Pillion“ ist das Harry Lighton – und diesen haben wir im Interview mit allen möglichen Fragen gelöchert.

„Pillion“ bewegt zurzeit nicht nur die homosexuelle Community, sondern auch die Filmwelt im Allgemeinen. Selten war ein Film, der sich mit Homosexualität auseinandersetzt, expliziter. Wie man damit am Set umgeht und was man tut, wenn man sich plötzlich mit Bikern auseinandersetzen muss, hat uns Regisseur Harry Lighton im TVMovie-Interview. verraten.
Vom Buch zum Film: Was macht man, wenn man das Ende nicht mag?
Jonas Kretzer, TVMovie: Soweit ich weiß, basiert „Pillion“ auf einem Buch namens „Box Hill“. Warum hast du dich dafür entschieden, diese Story zu adaptieren – und wie hast du dieser Story deinen eigenen Dreh verliehen?
Harry Lighton: Ich habe mich dafür entschieden, das Buch zu adaptieren, weil ich den Ton und die Welt fesselnd fand – vor allem die Welt der schwulen Biker-Clubs und der dazugehörigen Kink-Szene im Kontrast mit dem vorstädtischen, fast ländlichen Leben. Das Buch hat mich in der einen Sekunde lachen lassen, in der nächsten wurde ich nachdenklich und plötzlich war ich (sexuell) angetan. Diese Vielfalt in einen Film zu bannen, ist schon eine Herausforderung.
Und in Bezug darauf, wie ich dem Film meinen eigenen Dreh verliehen habe: Ich habe einiges geändert. Zum Beispiel stirbt Ray am Ende des Buches, weil er bei einem Motorradunfall ums Leben kommt. Zu dem Zeitpunkt haben sie sechs Jahre miteinander verbracht. Und dieses Ende mochte ich gar nicht.
Darüber hinaus spielt das Buch in den 70ern, aber auch das habe ich geändert, denn mir war es wichtiger, Fragen rund um Homosexualität im Hier und Jetzt zu stellen. Im Buch ist Colins Beziehung zu seinen Eltern sehr typisch für die 70er. Er hat zwar sein Coming-out, aber danach wird das Thema nie wieder behandelt. Ich hingegen fand es viel interessanter, einen bereits schwulen Charakter zu haben und seine Beziehung zu seiner Mutter darzustellen, die sich sehr für Colins Liebesleben interessiert – ich meine, sie treibt ihn ja sogar in Rays Arme, nur um dann ihre Akzeptanz zurückzuziehen, weil sie die Art und Weise, wie Colin schwul ist, nicht mag.
Kretzer: Wo wir gerade beim Thema Ende waren: Gab es einen Moment, in dem du dir gedacht hast: „Vielleicht sollte ich dem Film ein glücklicheres Ende geben?“ Ja, der Film hat kein furchtbar trauriges Ende, aber es könnte doch schöner sein, oder?
Harry Lighton: Ich glaube, das schönste Ende wäre, wenn Ray und Colin tatsächlich zusammenbleiben würden. Aber darüber habe ich nie nachgedacht, denn für mich geht es in der Geschichte darum, dass Colin lernt, wo seine Grenzen liegen. Würde er tatsächlich mit Ray zusammenbleiben, müsste er all diese Kompromisse machen – auch, weil Ray älter ist als er – und das wäre für mich kein gutes Ende. Viel eher habe ich über noch unschönere Enden nachgedacht.
Kretzer: Hast du ein bestimmtes Beispiel?
Harry Lighton: Nein, in dem Fall sind meine Lippen versiegelt (lacht).
Skarsgård-Cut: Gibt es eine noch explizitere Version des Films?
Kretzer: Alles klar. Soweit ich weiß, hast du angegeben, dass es nicht den „Skarsgård-Cut“ gibt, den Alexander Skarsgård mal angepriesen hat. Gibt es trotzdem Szenen, die zu explizit waren, um sie einem normalen Publikum zuzumuten?
Harry Lighton: Nein, es gab keine Szenen oder Einstellungen, die geschnitten wurden, weil sie zu explizit waren. Dennoch habe ich einige explizite Einstellungen geschnitten, weil sie für mich bestimmte Momente ruiniert haben. Das Beispiel, das ich immer nenne, ist die Einstellung auf Rays Penis beim Blowjob in der Seitengasse – die Peniswurzel. Bei einem Test-Screening hat das Publikum damals gelacht. Aber ich wollte, dass sie lieber vor Anspannung die Luft anhalten … dementsprechend ist die Szene rausgeflogen.
So wie in jedem guten Film habe ich mehrere Einstellungen aufgenommen, um Vielfalt im Schneideraum zu haben. Aber ich habe nie etwas geschnitten, weil ich Bedenken hatte, dass das Publikum dafür zu prüde sein könnte.
Film ab: Wie dreht man einen Blowjob?
Kretzer: Wo wir gerade bei sexuellen Themen sind: Was für ein Gefühl ist das, wenn man ans Set geht und weiß, dass man heute eine Blowjob-Szene oder eine hitzige Sexszene in der Natur drehen wird?
Harry Lighton: Vielleicht bin ich etwas seltsam, aber ich fühle mich nicht wirklich anders. Wenn überhaupt bin ich nervös, wenn ich eine sehr lange Dialogszene drehen muss. In den Sexszenen gab es so viel narrativen Spielraum, mit dem die Schauspieler arbeiten konnten. Ich mag Szenen ohne Text lieber, denn wenn ich drehe, merke ich schnell, dass mir manchmal die Art und Weise, wie ein Schauspieler oder eine Schauspielerin Text sagt, nicht gefällt. Wenn Personen Dinge hingegen physisch machen müssen, fällt es mir deutlich leichter, Feedback zu geben.
Eigentlich war es schon eher spaßig, die Sexszenen zu drehen, denn als der Dreh losging, hatte ich alles mit dem Intimitätskoordinator sowie den Schauspielern abgeklärt. Wir waren alle derselben Meinung, als es darum ging, wie Harry (Melling) die Szenen angehen wollte. Und so waren die sexuelleren Tage viel eher bereichernd als einschüchternd. Klar waren sie einschüchternd, aber weil ich alles richtig machen wollte – nicht, weil sie sexy sind.
Biker und Liebesfilme: Wenn Fetisch auf Film trifft
Kretzer: Apropos einschüchternd: Hattest du vor dem Dreh des Films irgendeinen Bezug zur Biker-Szene?
Harry Lighton: Nein, gar nicht. Ich hatte zwar in der Vergangenheit Bezug zu der einhergehenden Kink-Szene, aber ich saß vorher noch nie auf einem Motorrad. Ich mag es, wenn Filme in sehr spezifischen Welten spielen und man sich – wie in meinem Fall für fünf Jahre – in diese Welt fallen lassen kann. Irgendwann versteht man alle Nuancen. Und glücklicherweise waren alle Biker, die ich getroffen habe, sehr großzügig und haben ihre Lebensgeschichten mit mir geteilt. Das war sehr lohnenswert.
Kretzer: In unserer Redaktion gab es vor allem wegen einer Frage Diskussionen: Ist „Pillion“ ein Liebesfilm?
Harry Lighton: Ich freue mich sehr, dass ihr darüber diskutiert, und wollte nichts mehr, als dass mir jemand diese Frage stellt. Meine Antwort darauf ist, dass es meine Intention war, am Ende alle mit einem Fragezeichen diesbezüglich zurückzulassen. Es gibt nichts Schöneres, als wenn das Publikum gespalten ist. Aber im Falle von Colin glaube ich definitiv, dass es eine Liebesgeschichte ist. Und wenn man in Betracht zieht, dass Colin die zentrale Perspektive des Films ist, dann ist der Film schon eine Liebesgeschichte – Ray würde dem natürlich nicht zustimmen. Und das Publikum selbst hat diesbezüglich so viele verschiedene Ansichten, dass ich weiß, dass ich die genau richtige Entscheidung getroffen habe.
Lieblingsszenen: Wie man Harry Lighton zum Schweigen bringt
Kretzer: Es gibt richtige Entscheidungen und schwierige Entscheidungen. Wie zum Beispiel: Was ist deine liebste Szene in „Pillion“?
Harry Lighton: (Gespenstische Stille)
Es ist viel eher eine Sequenz als eine Szene, aber ich mag den ganzen Part, in dem Colin Ray nach einem „freien Tag“ fragt und dann Rays Motorrad stiehlt. Diese sieben Minuten haben es mir angetan. Zuerst möchte ich mit Colin weinen und dann doch wieder lachen. Die Szene, in der er das Motorrad stiehlt, ist übrigens die schwierigste Einstellung für mich gewesen, denn wir mussten innerhalb von zwei Sekunden Harry Melling gegen einen Stuntfahrer austauschen, weil es ein One-Take ist.
Kretzer: Und stehen dir jetzt größere Herausforderungen ins Haus? Was macht Harry Lighton als Nächstes?
Harry Lighton: Ich habe einige Projekte, die noch in den Kinderschuhen stecken und die ich im Verlauf des Jahres schreiben möchte. Es geht auf jeden Fall nicht in die Richtung von „Pillion“ oder Fetischen generell. Mehr als das kann ich nicht sagen.









