„Tatort“ heute: Alles neu, alles schlecht? – Kritik zum Kieler Fall „Unter Feinden“
Heute findet der neue Kieler „Tatort“ mit dem zweiten Teil „Unter Feinden“ sein Ende. Doch gelingt Sahin und Krieger die Landung oder sollte man schon jetzt den Stecker für das neue Kieler Team ziehen?

Meine Damen und Herren, der Fall „Unter Freunden“ war für viele „Tatort“-Fans genau das, was sie sich vom Kieler Neuanfang gewünscht haben. Selbst ich hatte bei Sahin und Kriegers erstem Fall kaum etwas zu beanstanden. Bei „Unter Feinden“ sieht die Welt hingegen etwas anders aus, denn trotz vieler guter Elemente merkt man, dass aller Anfang manchmal doch etwas schwerer als gedacht ist …
„Unter Feinden“: Worum geht es im „Tatort“ heute?
Sahin (Almila Bagriacik) ist am Boden zerstört, als sie ihre Kollegin und langjährige Freundin Anna (Lilith Stangenberg) tot vorfindet. Ihr ist schnell klar, dass Jan Kuper (Sven Schelker) hinter der Tat stecken muss, aber sie weiß nicht recht, wie sie ihn dazu bringen soll, es zuzugeben. Verzweifelt wendet sie sich an die Polizeipsychologin Elli Krieger (Karoline Schuch) und verwickelt diese in eine mehr als gefährliche Konfrontation mit Kuper, die schnell schiefgehen könnte.
Der NDR auf Sparkurs – oder wie man die Produktionskosten minimiert
Sollten Sie sich jemals in der unvorteilhaften Situation befinden, eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt zu sein und einen „Tatort“ produzieren zu müssen, habe ich einen sehr guten Ratschlag für Sie. Drehen Sie einfach Doppelfolgen und schreiben dann eine ganze Handlungsebene in Ihren Fall, die es nicht wirklich braucht und in der die Protagonistinnen nicht auftauchen – so spart man sich Drehtage und kann gleichzeitig effizienter drehen, da man alle Beteiligten nicht zweimal im Jahr aktivieren muss.
Wenn man ganz clever ist, dann gestaltet man die ersten zehn Minuten des Falls so, dass man das wiederkäut, was in der vorherigen Episode passiert ist. Und hierbei muss man tatsächlich Irrsinn proklamieren, denn das ARD-Publikum ist deutlich älterer Natur – die haben bei Weitem noch nicht die kaputte Aufmerksamkeitsspanne von TikTok-Nutzern und Nutzerinnen. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass die Länge der Doppelfolgen-Experimente sich selbst im Weg steht.
180 Minuten für eine 90-Grad-Drehung
Generell stellt sich die Frage, warum man den Neuanfang als Überlängen-„Tatort“ inszeniert, wenn man gar nicht genug zu erzählen hat, um die 180 Minuten Laufzeit zu füllen. Außer einem Handlungsstrang rund um die Mafia, der die Folge nicht unbedingt anreichert, und Redundanz merkt man auch, dass falsche Dringlichkeit erzeugt wird, um Strecke zu machen.
Als konkretes Beispiel dafür kann ein sechsjähriger Zeuge herhalten, der Kuper bei seiner Gräueltat gesehen hat. Statt diesem, wie allen anderen Personen vorher, einfach ein Bild von Kuper zu zeigen, findet eine indirekte und mehr als umständliche Gegenüberstellung statt, die nicht unbedingt zielführend ist. Ähnliches gilt für eine Schwester, die nur in den Hungerstreik geht, damit Sahin und Krieger mehr unter Druck stehen. Und wo wir gerade bei Krieger sind …
Krieger, Kuper, Klamauk
„Unter Feinden“ soll der großartige Neuanfang für das Duo Krieger und Sahin sein, aber statt Krieger Raum zum Atmen zu geben, widmet man sich die meiste Zeit dieser Episode eher Sahin, die bereits seit acht Jahren ermittelt, sowie einer Figur, die stirbt. Und das ist schade, denn sobald Krieger erst mal auf ihre ganz eigene Art ermittelt, merkt man, dass in dieser Figur etwas schlummert. Natürlich wird sie voraussichtlich in zukünftigen Episoden etwas mehr ausgearbeitet, bis man die Stagnation erreicht und man die Figuren einfach in einem perpetuellen Zustand der Belanglosigkeit verkommen lässt, aber nach „Unter Feinden“ würde ich als Neuanfänger nicht mal wirklich verstehen, dass Krieger weiterhin mit von der Partie ist.
Viel schwieriger ist aber, dass der „Tatort“ aus Kiel immer einer der wenigen Ableger war, der darauf achtete, tolle und teilweise ikonische Episoden-Böswichte zu haben. Hier wird das mit Kuper versucht, aber die Rechnung geht nicht wirklich auf, da sich die wenigsten guten Bösewichte plötzlich vollends anders als bei ihrer Einführung verhalten. War Kuper in „Unter Freunden“ noch eine recht normale und moralisch fragwürdige Figur, verkommt er in „Unter Feinden“ zu einer Klamauk-Karikatur sondergleichen. Auf einmal ist er ein sexistischer, misogyner, wahnsinniger sowie zugedröhnter Psychopath. Auf die wenigsten dieser Charaktereigenschaften konnte man in der vorherigen Episode schließen und ehrlich gesagt verkommt dadurch alles etwas zu einer Art Kasperle-Theater.
Es ist zwar spannend, wie der Fall mit der Konfrontation zwischen Sahin, Krieger und Kuper umgeht, aber nicht in wenigen Momenten überkommt einen dann doch auch ein großes Maß an Fremdscham.
„Unter Feinden“: Von hier an blind
Ich habe keine Ahnung, wie es im Kieler „Tatort“ von hier aus weitergeht, aber man kann nur hoffen, dass man sich in Zukunft darauf fokussiert, lieber kondensierte kleine Geschichten zu erzählen, statt alles zu überladen, um einen Eventcharakter zu forcieren. Das Absurdeste ist wohl trotzdem, dass im Kieler Zweiteiler mehr Hamburg steckt als im letztjährigen Wotan-Wilke-Möhring-Doppel-„Tatort“.
Da das Experiment „Unter Freunden“ und „Unter Feinden“ eine durchaus durchmischte Erfahrung war, ich aber trotzdem immer unterhalten war, gebe ich dem Duo Krieger und Sahin den Benefit of the Doubt und hoffe, dass sie nur nach ihrem ganz eigenen Tempo zusammenwachsen müssen – und wer weiß: Vielleicht gelingt ihnen das besser als Voss und seiner neuen Partnerin in Franken, die nächste Woche ermitteln.






