„Tatort“ heute: Alles neu, alles gut? – Kritik zum Fall „Unter Freunden“ aus Kiel
In Kiel schickt man ein neues Ermittler-Duo an den Start. Doch gelingt den Norddeutschen der „Tatort“-Einstand oder geht das Doppelfolgen-Experiment erneut schief?

Meine Damen und Herren, Borowski ist tot, lang lebe Sahin … also so ungefähr, denn Axel Milbergs „Tatort“-Kultermittler sitzt kanonisch im Ruhestand und in Untersuchungshaft. Doch seine langjährige Partnerin Sahin übernimmt nun als Hauptermittlerin an der Seite ihrer neuen Kollegin Krieger. Um die neuen Umstände in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt zu feiern, wird das neue Duo in einer Doppelfolge an den Start geschickt. Teil 1 läuft heute Abend, während der zweite Part am nächsten Sonntag gezeigt wird. Aber reicht das alles aus oder versucht man, mit Superlativen Schwächen zu kaschieren?
„Unter Freunden“: Worum geht es im „Tatort“ heute?
Sahin (Almila Bagriacik) ist bester Dinge, denn nicht nur steht eine potenzielle Beförderung für sie an, sondern auch ihre alte Freundin Anna (Lilith Stangenberg), die sie aus der Polizeischule kennt, ermittelt fortan mit ihr. Ihr erster Fall führt sie zu einer Wasserleiche, die schnell in Verbindung mit dem Vorzeigeunternehmen Prometheus gebracht wird. Weitere Ermittlungen ergeben, dass rund um das Unternehmen dubiose Geschäfte und Gestalten zu finden sind. Und je tiefer sich Sahin und Novak in diesen Sumpf begeben, umso gefährlicher wird es für sie – und nur eine falsche Entscheidung könnte tödliche Folgen haben …
Ziemlich beste Freundinnen: Die wahre Stärke von „Unter Freunden“
Viele sind wahrscheinlich skeptisch, ob man Borowski überhaupt beerben kann, aber als jemand, dem Borowski nicht mehr egal sein könnte, bin ich froh, dass ein Hauch von frischem Wind durch Kiel zieht – denn frischer Wind tut dem „Tatort“, ganz egal, wo er spielt, immer gut.
Sahin ist und bleibt im „Tatort“-Neuanfang dieselbe. Sie ist stur, zielstrebig und leicht reizbar. Als Gegenpol wird ihr nun Novak zur Seite gestellt, ein kaugummikauendes Neo-Cowgirl, das in Lederbotten immer einen frechen Spruch auf den Lippen hat und die Dinge meist so nimmt, wie sie sind. Das ist zwar ein arges Klischee, aber dieses Klischee ist spätestens dann irrelevant, sobald man merkt, dass Bagriacik und Stangenberg eine sofortige Chemie miteinander haben.
Stellenweise haben die beiden sogar eine zu gute Chemie miteinander, was tendenziell kein Problem wäre, wenn der NDR nicht schon seit einiger Zeit öffentlich verraten hätte, dass man sich an das Sahin-Novak-Doppel nicht unbedingt gewöhnen sollte.
Ziemlich beste Freundinnen: Die wahre Schwäche von „Unter Freunden“
Alle Personen, die zumindest Teile des Presseechos rund um „Unter Freunden“ sowie den zweiten Teil „Unter Feinden“ mitbekommen haben, dürften wissen, dass Sahin eigentlich in Zukunft mit der Polizeipsychologin Krieger (Karoline Schuch) ermittelt.
Ohne zu viel zu verraten, aber alle Personen, die 2016 bereits den Dresdner „Tatort: Auf einen Schlag“ gesehen haben, dürften wissen, was für ein Schicksal die Figur der Novak ereilen dürfte. Und dieser Umstand ist schade, denn inhaltlich ist Novak eine unfassbar interessante Figur, die, ehrlich gesagt, weitaus größere Präsenz als Sahin oder Krieger mitbringt.
Novaks Funktion als roter Hering macht den Fall dadurch einerseits unfassbar vorhersehbar, aber andererseits ist Fallhöhe manchmal genau dann spannender, wenn man weiß, dass sie existiert. Man beschwert sich ja auch nicht, wenn man einen Horrorfilm schaut und sich dann erschreckt.
Stellenweise plakativ
Worüber man sich eher erschrecken sollte, ist, dass der Fall hin und wieder etwas plakativ anmutet. So gibt es eine Szene, in der Sahin ein Gespräch mit einem Bewerbungskomitee für ihre Beförderung hat, und in diesem Raum sitzt abgesehen von Sahin nur noch eine weitere Frau. Und während die Männer Sahin und das bevorstehende Bewerbungsgespräch latent ignorieren, ist es erst das Räuspern der anderen Frau, welches dafür sorgt, dass sich die Männer allmählich besinnen.
Per se wäre das auch gar nicht auffällig, denn mit dieser „Überhöhung“ versucht man gewissermaßen, die ebenso erschreckende Realität abzubilden, doch wenn man genauer hinschaut, dann fällt auf, dass nahezu jeder Mann in Sahin und Novaks Umfeld mindestens moralisch fragwürdig bis regelrecht furchtbar ist. Und ob das die Art und Weise ist, wie man mit gesellschaftlichen und strukturellen Problemen aufräumt, bin ich mir, gelinde gesagt, nicht sicher.
„Unter Freunden“: Bitte mehr davon
Nach dem absoluten Fiasko eines Doppel-„Tatorts“, der im letzten Jahr mit Wotan Wilke Möhring aufgeboten wurde, hat der NDR dieses Jahr einen überlangen Beitrag in petto, für den sich niemand schämen muss.
Sahin gelingt ihr Einstand – zumindest im ersten Teil ihres zweiteiligen Abenteuers. Zwar ist noch nicht ganz zu vermuten, in welche Richtung diese Reise gehen soll, und das Vertrauen, welches sich das neue Team aus Frankfurt bereits nach einem Fall verdient hatte, ist auch noch nicht da, aber immerhin ist Borowski endlich ein Geist der Vergangenheit.
Wie es weitergeht und ob ich diese positive Grundstimmung rund um das neue Kieler Duo beibehalte, erfahren Sie nächste Woche – sowohl in der ARD als auch auf TVMovie.






