„Sunny Dancer“: Diese persönliche Geschichte steckt hinter dem Film mit Bella Ramsey
Kann man einen Film über Krebs drehen, bei dem gelacht, geflirtet und gefeiert wird? George Jaques wollte genau das. Im Interview mit TV Movie spricht der „Sunny Dancer“-Regisseur über die persönliche Geschichte hinter seinem Film.

„Ich möchte eine Komödie über Krebs machen, aber ich weiß nicht, wie.“ Mit diesem Gedanken saß George Jaques einst gemeinsam mit seiner Editorin Kate Spiller im Schneideraum. Was zunächst nach einem ziemlich gewagten Vorhaben klingt, wurde schließlich zu „Sunny Dancer“.
Der Film erzählt von Ivy, gespielt von Bella Ramsey, die nach einer Krebserkrankung von ihren Eltern in ein Sommercamp für junge Betroffene geschickt wird. Ivy hat darauf zunächst ungefähr so viel Lust wie auf einen erneuten Krankenhausaufenthalt. Doch zwischen neuen Freundschaften, Partys, Flirts und einem möglichen ersten Verliebtsein wird ausgerechnet dieser Ort für sie zu einem Platz, an dem sie sich nicht erklären muss.
Dass „Sunny Dancer“ dabei zwischen ziemlich derbem Teenager-Humor und ernsten Momenten hin und her springt, ist kein Zufall. Genau darin steckt die ursprüngliche Idee von George Jaques.
Die Geschichte hinter „Sunny Dancer“ ist für George Jaques persönlich

Der Ausgangspunkt liegt viele Jahre zurück. „Meine Mutter bekam Krebs, als ich 15 war“, erzählt Jaques im Gespräch mit TV Movie. Schon damals sei in ihm der Wunsch entstanden, irgendwann eine Geschichte über die Krankheit zu erzählen. Nur eine Sache stand für ihn fest: Sie sollte nicht so aussehen, wie man es aus vielen Filmdramen kennt. „Ich wollte es auf eine ganz andere Art machen. Ohne Krankenhausszenen, ohne zwei Stunden lang jemandem dabei zuzusehen, wie er krank ist oder stirbt.“
Aber wie erzählt man dann von Krebs? Die entscheidende Idee kam ausgerechnet im Schneideraum seines ersten Spielfilms „Black Dog“. Als Jaques seiner Editorin Kate Spiller erzählte, dass er gerne eine Komödie über das Thema machen würde, berichtete sie ihm von Sommercamps für Kinder und Jugendliche, die von Krebs betroffen sind. Für Jaques war das der entscheidende Moment: „Da dachte ich: Wow, das ist der Zugang.“
Er begann mit dem Teenage Cancer Trust zusammenzuarbeiten und traf junge Betroffene. Dabei änderte sich auch sein Blick auf die Geschichte, die er erzählen wollte. Denn die Diagnose, so seine Erkenntnis, sagte erstaunlich wenig darüber aus, wer diese Jugendlichen eigentlich waren. „Man merkt, dass sie so viel interessanter sind als ihre Diagnose.“
Warum „Sunny Dancer“ bewusst nicht wie ein typischer Krebsfilm aussieht
Genau daraus entwickelte Jaques eines der wichtigsten Prinzipien für „Sunny Dancer“. Wer beim Begriff „Krebspatient“ automatisch einen Menschen im Krankenhaushemd vor Augen habe, greife viel zu kurz. Natürlich wolle er die Krankheit keinesfalls verharmlosen. „Die Menschen haben völlig zu Recht Angst davor. Es ist eine schreckliche Krankheit und sie betrifft unglaublich viele Menschen“, sagt der Regisseur. Gleichzeitig gebe es sehr unterschiedliche Krankheitsverläufe und Lebensrealitäten.
„Manche Menschen leben ihr ganzes Leben mit Krebs, manche werden krank und erholen sich wieder. Es ist furchtbar und unglaublich schwer. Aber diese Menschen werden nicht nur dadurch definiert. Sie wollen trotzdem ausgehen, feiern und all die schönen Dinge machen. Genau darum geht es in diesem Film.“ Deshalb interessiert sich „Sunny Dancer“ mindestens genauso sehr für das klassische Teenagerleben. Für erste Küsse, Verliebtheit, Sex, Unsicherheit und die Frage, wo man eigentlich hingehört.
Jaques wollte dabei bewusst nichts beschönigen. Gerade die manchmal unangenehmen Momente des Erwachsenwerdens hätten ihn gereizt. Schließlich kenne fast jeder die Erfahrung, sich beim ersten Verliebtsein vollkommen überfordert zu fühlen oder in einer intimen Situation nicht zu wissen, was man eigentlich tun soll. „Ich war fasziniert davon, eine wirklich akkurate Darstellung von Jugend auf die Leinwand zu bringen“, erklärt er. Die Krankheit stellt diese eigentlich normalen Erfahrungen lediglich in einen ungewöhnlichen Zusammenhang.
Zwischen schmutzigen Witzen und Tränen
Das bedeutet allerdings nicht, dass „Sunny Dancer“ das Schwere ausblendet. Im Gegenteil. Der Film kann innerhalb weniger Minuten ziemlich radikal die Stimmung wechseln.
„In einem Moment lacht man über all die unanständigen Witze am Strand und im nächsten erzählt dir eine Figur im Film, dass sie nach Hause fahren muss.“ Diesen abrupten Wechsel habe er bewusst gesucht. Für seine Schauspieler war das allerdings nicht immer ganz einfach. Jaques erinnert sich daran, wie Neil Patrick Harris ihm während der Dreharbeiten sagte, dass seine Szenen teilweise ziemlich herausfordernd seien: Am Anfang werde noch gescherzt, am Ende geweint und nach dem „Cut“ müsse alles wieder von vorne beginnen.
Für Jaques gehören diese Gegensätze zusammen. „Sunny Dancer“ soll eben nicht ausschließlich ein Film über Trauer sein. „Es ist auch ein Film über Freude. Und zwar im gleichen Maße.“
Das Camp sollte sich nicht nach Filmset anfühlen

Für sein Sommercamp hatte Jaques eine ziemlich konkrete Idee. Noch bevor gedreht wurde, holte er den jungen Cast für eine gemeinsame Vorbereitungswoche zusammen. Dabei ging es erstaunlich wenig darum, jede Szene bis ins Detail einzustudieren. Die Schauspieler gingen Kajak fahren, spielten gemeinsam und verbrachten vor allem Zeit miteinander.
Earl Cave, der Jake spielt, erinnert sich an eine bewusst kindliche Woche mit Kajaks, großen Spiel-Fallschirmen und Sitzsäcken. „Es war vollkommen kindisch, aber ich glaube, genau darum ging es.“
Jaques wollte die Schauspieler aus ihren vorherigen Projekten herausholen und als neue Gruppe zusammenbringen. Seine Philosophie bei Proben sei ohnehin nicht, bereits vor dem Dreh die perfekte Szene zu produzieren. Vielmehr gehe es darum, eine grobe Form zu finden und sich die Spontaneität für den eigentlichen Drehtag zu bewahren.
Für einige Szenen wurden die späteren Hütten sogar mit Klebeband auf dem Boden des Probenraums nachgebaut. Das führte am echten Set allerdings zu einer kleinen Überraschung: Plötzlich waren die Wände tatsächlich da und der Platz deutlich begrenzter. Eine Rave-Szene inszenierte Jaques deshalb zeitweise kurzerhand unter einem Bett.
Warum das Camp keinen eindeutigen Ort und keine eindeutige Zeit hat
Auch optisch wollte Jaques vermeiden, „Sunny Dancer“ zu eindeutig festzulegen. Zwar wurde in Schottland gedreht, innerhalb der Geschichte soll das Camp aber nicht zwingend dort liegen.
„Ich wollte, dass es zeitlos wirkt. Es gibt iPhones, aber trotzdem könnte es 2004, 2014 oder 2024 sein.“
Auch deshalb entschied er sich für eine Mischung verschiedener Akzente und Nationalitäten. Neil Patrick Harris fragte den Regisseur vor Drehbeginn sogar, ob er für Patrick einen britischen Akzent lernen sollte. Jaques wollte jedoch ausdrücklich, dass er Amerikaner bleibt.
Der Regisseur wollte damit auch den typischen Look mancher britischer Independentfilme aufbrechen. Statt eines bewusst grauen, sehr britischen Erscheinungsbildes sollte „Sunny Dancer“ größer und transatlantischer wirken. Als Vergleich nennt Jaques „Sex Education“, wo ebenfalls ganz unterschiedliche Figuren und Einflüsse selbstverständlich nebeneinander existieren.
Ein kleines Problem hätte die Produktion dabei allerdings bekommen können: das schottische Wetter. Für nahezu jeden Drehtag existierten laut Harris Regen-Alternativen. Gebraucht wurden sie erstaunlicherweise kaum. „Es hat einfach nicht geregnet“, erinnert sich der Schauspieler.
Hier seht ihr den deutschen Trailer zu „Sunny Dancer“:

Für George Jaques geht es am Ende um Außenseiter
Dass „Sunny Dancer“ auch Menschen erreicht, die selbst nie Krebs hatten, zeigte sich für Jaques unmittelbar nach der Berlinale-Premiere. Eine junge Frau mit einer Herzerkrankung schrieb ihm anschließend bei Instagram und bedankte sich dafür, sich durch den Film zum ersten Mal gesehen zu fühlen.
Für den Regisseur ist das ein wichtiger Punkt. Denn obwohl seine Geschichte in einem Camp für junge Menschen mit Krebs spielt, sei das Gefühl dahinter viel universeller.
„Wir haben uns wahrscheinlich alle irgendwann einmal so gefühlt, als würden wir nicht dazugehören oder wären Außenseiter.“
Genau deshalb versteht Jaques „Sunny Dancer“ letztlich nicht nur als Film über eine Krankheit. Es ist eine Geschichte darüber, was passieren kann, wenn Menschen, die sich anders oder ausgeschlossen fühlen, plötzlich auf andere treffen, denen es genauso geht.
Oder, wie der Regisseur es selbst zusammenfasst: „Ich liebe diesen Film, weil es um eine Gruppe von Menschen geht, die zusammenfindet.“
„Sunny Dancer“ startet am 13. August in den deutschen Kinos.






