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Filme

„Siberia“-Kritik: Blutig, verstörend, sehenswert | Willem Dafoe auf der 70. Berlinale

Abel Ferrara hat es wieder getan. Mit „Siberia“ beschert uns der 68-jährige Amerikaner erneut einen kontroversen Film. Bildgewaltig, blutig, verstörend – und durchaus sehenswert!

Abel Ferraras Siberia: Berlinale-Film 2020 mit Willem Dafoe
Foto: 2020 Vivo Film, maze pictures, Piano

Wer den Filmemacher Abel Ferrara kennt, der dürfte nach dem Kinobesuch nicht allzu schockiert sein – alle anderen erwartet in „Siberia“ eine Überraschung, denn der Drehbuchautor und Regisseur liebt es zu provozieren. Das stellten auch einige Besucher der 70. Berlinale schnell fest, in deren Rahmen der Streifen aktuell im Wettbewerb läuft. „Siberia“ ist nichts für schwache Nerven und so kam es, dass im Laufe der Vorführung doch noch der ein oder andere Platz im überfüllten Kinosaals frei wurde. Ferrara selbst dürfte das wenig interessieren, denn seine Filme scheint er vor allem für sich selbst zu machen. Auch im Fall von „Siberia“ hat er sich wieder einiges an Ballast von der Seele geschrieben - dazu gehören neben Kindheitstraumata und alten Konflikte mit den verstorbenen Eltern natürlich auch erotische Fantasien aller Art. 

Wer eine klar strukturierte Erzählung erwartet, ist hier - man ahnt es bereits - ebenfalls fehl am Platz, denn „Siberia“ gleicht eher einem wirren Fiebertraum und folgt somit einem Stream of Consciousness-Konzept. Über den Protagonisten, Clint (Willem Dafoe), der in der sibirischen Einöde lebt, erfahren wir vorerst nur, dass sein Vater ihn als Kind ein paar Mal mit zum Fischen nahm. Dieser Prolog, bei dem Clints Stimme schon während der Titelsequenz in malerischen Worten ein paar Zeilen über die eigene Kindheit verliert, ist übrigens eines der absoluten Highlights. Willem Dafoes Magie bedarf überhaupt keiner Bilder. So schön die kurze Vorlesestunde auch sein mag, so irreführend ist sie zugleich. Es ist das erste und einzige Mal, dass wir aus Clints Mund geordnete oder hilfreiche Informationen darüber erhalten, wer er ist und wie er zu eben jenem Menschen wurde. Clint ist kein Mann vieler Worte. Trifft er auf andere Menschen, dann sprechen diese entweder Inuit oder Russisch. Clint hingegen spricht nur mit seinen fünf Schlittenhunden oder den Geistern seiner Vergangenheit.

Was im Leben des Protagonisten Wirklichkeit ist, was Traum oder Psychose, ist schwer auszumachen. Das Idyll der schneeverwehten Landschaft wird immer wieder jäh unterbrochen - von Nahtoderfahrungen, nackten Körpern, Sterbenden und grotesken visuellen Erzählfetzen. Nach einer erotischen Begegnung mit einer hochschwangeren Frau, einem grausigen Fund im Keller des Hauses und anderen wahnhaften Erlebnissen, macht Ferraras Protagonist sich mit seinen Huskys auf den Weg auf eine scheinbar ziellose Reise - nur um am Ende erneut vor den Trümmern seiner Existenz zu stehen. 

Unser Fazit: Auch wenn Abel Ferrara in "Siberia" hier und da ein wenig übers Ziel hinausschießt und seinem männlichen Ego beinah mehr Raum gibt als seiner eigenen Story, lohnt sich der Gang ins Kino. "Siberia" gleicht einem filmgewordenen Acid-Trip, den man wohl mit niemandem lieber erleben würde als mit Willem Dafoe. Neben viel Blut und nackter Haut hält Abel Farraras jüngstes Werk am Ende dann sogar die ein oder andere Weisheit über das menschliche Leben und seine Abgründe bereit - wenn auch nicht immer mit Absicht.  

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