Wirbel um Doku

Natascha Kampusch: Nach Kritik stoppt ORF die Dokumentation – das ist der Grund

20 Jahre nach ihrer Flucht wollte der ORF eine Dokumentation über Natascha Kampusch zeigen. Doch jetzt haben die Verantwortlichen den Film aus dem Programm genommen – nur zwei Tage vor der Ausstrahlung

Natascha Kampusch in einem TV-Studio
Natascha Kampusch hat sich aktuell komplett zurückgezigen. Eine Doku über sie worgt jetzt für viel Wirbel. Foto: IMAGO / teutopress

Es war ein Kriminalfall, der die Welt bewegte: Am 2. März 1998 wurde die damals 10-jährige Natascha Kampusch auf dem Weg zur Schule entführt. Nach 3096 Tagen gelang ihr die Flucht. Wolfgang Priklopil, der sie gefangen gehalten hatte, beging noch am selben Tag Selbstmord. Jetzt, 20 Jahre nach der Selbstbefreiung, wollte der ORF eine Dokumentation über Natascha Kampusch (38) ausstrahlen. Doch die Sendung wurde überraschend abgesetzt.

„Unterschiedliche Auffassungen über Persönlichkeitsrechte“

In der Doku „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ sollten zum Beispiel Nataschas Schwester Claudia Nestelberger zu Wort kommen. Sie hatte beschrieben, wie es Natascha Kampusch heute geht: „Jeder weiß, wie Natascha früher vor der Kamera gesprochen hat. Das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr“, sagt ihre Schwester. „Sie ist meist in einer eigenen Welt.“ Sogar Mediziner seien mit der aktuellen Situation überfordert.

Warum die Doku so kurzfristig abgesetzt wurde? Es gebe „unterschiedliche Auffassungen betreffend die Persönlichkeitsrechte von Natascha Kampusch“, so die ORF-Pressestelle. Man wolle sich „Zeit für eine entsprechende finale Abklärung geben“. Tatsächlich hatte es viel Kritik an der geplanten Doku gegeben. Medienrechtsanwältin Maria Windhager sprach von einer „massiven Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches“. Und wie der „Standard“ berichtet, sollen sich auch die Ärzte von Natascha Kampusch gegen die Doku ausgesprochen haben.

Wusste Natascha Kampusch nichts von der Doku?

Dass die Doku vorerst nicht ausgestrahlt wird, begrüßt die Verbrechensopferhilfe Weißer Ring, die sich immer wieder für Natascha Kampusch eingesetzt hat. Die Organisation hatte gegen die Doku sogar rechtliche Schritte zur Prüfung eingeleitet. Begründung: Die mediale Aufmerksamkeit könne für Betroffene sehr belastend sein und unabsehbare Konsequenzen mit sich ziehen.

„Zentral ist, dass identifizierbare Betroffene von schweren Straftaten immer eine selbstständige und absolut informierte Entscheidung treffen können, ob und wie medial über sie berichtet wird“, betonten Caroline Kerschbaumer und Claudia Mikosz, die Geschäftsführerinnen des Weißen Rings. Da stellen sich die Fragen: Unterstützte Natascha Kampusch selbst die Dokumentation? Hat sie erst durch die Presseberichte davon erfahren? Oder weiß sie überhaupt nicht, dass es die Doku gibt?

Gleichzeitig wies der Weiße Ring darauf hin, dass bereits durch die Vorberichterstattung ein erheblicher Schaden entstanden sei. Zahlreiche Medien hätten im Zusammenhang mit der angekündigten Sendung über höchstpersönliche Details zum Gesundheitszustand von Natascha Kampusch berichtet. Die Entscheidung des ORF, die Ausstrahlung derzeit nicht vorzunehmen, sei insofern „als wichtiges Signal für einen verantwortungsvollen Umgang mit Betroffenen von Straftaten“ zu werten: „Opferschutz und die Wahrung höchstpersönlicher Lebensbereiche müssten auch im medialen Kontext oberste Priorität haben.“

Quellen

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