„Monster“ Staffel 4: Wer war Aileen Wuornos wirklich?
Wer „Monster“ und Aileen Wuornos googelt, findet zwangsläufig den oscarprämierten Film mit Charlize Theron. Doch durch „Die Geschichte von Lizzie Borden“ bekommen wir eine neue Interpretation der bekannten Serienmörderin.

In der vierten Staffel von „Monster“ mit dem Untertitel „Die Geschichte von Lizzie Borden“ geht es nicht nur um die Borden-Morde selbst. Die Serie verwebt die Handlung mit zwei weiteren historischen Figuren: Elisabeth Báthory und Aileen Wuornos.
Während Báthory eine Inspiration für Lizzie darstellt – zumindest laut Serie, in der Realität gibt es dafür keine Beweise –, fühlt sich Wuornos Ende der Achtzigerjahre von der Legende rund um Lizzie Borden inspiriert. Auch hier erlaubt sich die Serie erzählerische Freiheiten.
Dass sich Wuornos selbst vor ihren Opfern als Lizzie Borden bezeichnet hat, wie es in der Serie dargestellt wird, lässt sich nicht beweisen. Ebenso ist ihr Besuch im Lizzie-Borden-Haus nicht belegt. Dafür mangelt es, anders als bei Lizzie Borden und Elisabeth Báthory, nicht an Fakten zu den Morden und der anschließenden Verurteilung.
Die tragische und brutale Geschichte von Aileen Wuornos hätte grundsätzlich auch im Zentrum einer eigenen „Monster“-Staffel stehen können. Allerdings hätte das wohl für Verwirrung gesorgt, existiert doch bereits ein Film namens „Monster“ über Wuornos mit Charlize Theron in der Hauptrolle.
Die Taten: Sieben Morde in Florida
Von Ende 1989 bis Ende 1990 wurden in Zentralflorida die Leichen von sieben weißen Männern mittleren Alters gefunden. Sie wurden beraubt, erschossen und ihre Autos wurden gestohlen.
Das erste Opfer war der Ladenbesitzer Richard Mallory, 51 Jahre alt. Er hatte Ende 1989 eine Prostituierte in Florida aufgelesen. Sein Körper wurde mehrere Meilen von seinem verlassenen Auto entfernt gefunden. Mallory war mehrfach in die Brust geschossen worden.
David Spears, 43, Bauarbeiter, wurde am 1. Juni 1990 nackt im Citrus County gefunden. Er war sechsmal in den Oberkörper geschossen worden. Wenige Tage später fand man Charles Carskaddon, 40, im Pasco County. Der Teilzeit-Rodeo-Arbeiter war neunmal in Brust und Bauch getroffen worden.
Troy Burress, 50, Verkäufer, wurde am 4. August 1990 im Marion County gefunden. Die Todesursache: zwei Schüsse in den Oberkörper. Dick Humphreys, 57, ehemaliger Air-Force-Major und Polizeichef, wurde am 12. September 1990 tot aufgefunden. Er war mehrfach in Kopf und Oberkörper geschossen worden.
Peter Siems, 65, verschwand im Juni 1990. Sein Auto wurde am 4. Juli in Orange Springs gefunden. Sein Körper wurde nie gefunden, doch Zeugen beschrieben zwei Frauen in der Nähe des Fahrzeugs. Walter Antonio, 62, wurde am 19. November 1990 im Dixie County gefunden. Er war viermal in Rücken und Kopf geschossen worden.
Die Verdächtige: Ein Leben voller Gewalt
Aileen „Lee“ Carol Wuornos wurde am 29. Februar 1956 in Rochester, Michigan, geboren. Ihr Vater wurde nach ihrer Geburt wegen Kindesmissbrauchs verurteilt und tötete sich später im Gefängnis. Ihre Mutter verließ sie und ihren Bruder, als sie klein waren.
Die Kinder wuchsen bei den Großeltern auf. Freunde berichteten, der Großvater habe Aileen geschlagen, die Großmutter war Alkoholikerin. Mit 11 begann Wuornos, sexuelle Gefälligkeiten gegen Geld, Bier und Zigaretten zu tauschen. Mit 14 bekam sie ihr einziges Kind. Der Vater soll ein älterer Freund des Großvaters gewesen sein. Das Kind wurde zur Adoption freigegeben.
Mit 14 flog sie aus dem Haus. Sie lebte im Wald oder reiste als Hitchhikerin durch das Land, oft unter falschem Namen. Anfang der Achtzigerjahre zog sie nach Florida, um als Prostituierte zu arbeiten. Ihre Kunden waren hauptsächlich weiße Männer mittleren Alters aus der unteren bis mittleren Schicht.
1986 lernte sie Tyria Moore in einer Bar in Daytona Beach kennen. Sie begannen eine intensive romantische Beziehung, die bis kurz vor Wuornos’ letzter Verhaftung 1991 hielt. Zusammen verkauften sie gestohlene Artikel in Pfandhäusern.
Die Ermittlungen: Ein Fingerabdruck führt zur Spur
Während der Mordermittlungen fand die Polizei Artikel von Richard Mallory in einem lokalen Pfandhaus. Der Beleg zeigte Wuornos’ Fingerabdruck. Weitere gestohlene Gegenstände von Mallory wurden zu Wuornos zurückverfolgt. Eine Kamera aus Mallorys Auto wurde in einer gemieteten Lagerhalle gefunden. Wuornos hatte die Halle unter einem Alias gemietet.
Bis 1990 war Tyria Moore misstrauisch geworden. Sie zog zu ihrer Familie nach Pennsylvania. Als Wuornos wegen eines offenen Haftbefehls in einer Biker-Bar in Harbor Oaks festgenommen wurde, spürte die Polizei Moore auf und nutzte sie, um ein Geständnis von Wuornos zu erhalten.
Der Prozess: Selbstverteidigung oder Mord?

Wuornos wurde des Mordes ersten Grades an Richard Mallory angeklagt. Die Staatsanwaltschaft argumentierte, Wuornos qualifiziere sich für die Todesstrafe, da der Mord während eines Raubüberfalls begangen wurde.
Die Verteidigung argumentierte, das videografierte Geständnis sei unfreiwillig erhalten worden. Wuornos’ Beziehung zu Moore sei ausgenutzt worden, was ihren mentalen Zustand beeinträchtigt habe. Das Gericht lehnte ab.
Während späterer Interviews mit der Polizei ging Wuornos ins Detail über ihren Selbstverteidigungsanspruch. Sie erklärte, Mallory habe sie in ein abgelegenes Gebiet gefahren, wo er sie gewaltsam vergewaltigt und bedroht habe. Als er sagte: „Du bist tot, Schlampe“, habe sie ihre Waffe gezogen und geschossen.
Gegen den Willen ihrer Anwälte sagte Wuornos im Prozess aus. Während der Kreuzvernehmung wurde sie aufgeregt und wütend. Sie berief sich 25-mal auf ihr Recht, die Aussage zu verweigern.
Das Urteil: Schuldig auf allen Anklagepunkten
Die Jury befand Wuornos nach weniger als zwei Stunden Beratung auf allen Anklagepunkten für schuldig. Eine wütende Wuornos rief: „Söhne von Hunden! Ich wurde vergewaltigt! Ich hoffe, ihr werdet vergewaltigt. Abschaum Amerikas!“
In der Strafphase empfahl die Jury die Todesstrafe mit 12 zu 0 Stimmen. Fünf erschwerende Umstände wurden festgestellt, nur ein mildernder: Wuornos litt an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Der Richter folgte der Empfehlung und verurteilte Wuornos am 31. Januar 1992 zum elektrischen Stuhl.
Nach dem Prozess: Neue Enthüllungen
Nach dem Prozess stellte sich heraus, dass Tyria Moore mehrere Buch- und Filmdeals verkauft hatte. Drei Ermittler taten dasselbe. Sie behaupteten, das Geld sei für einen Opferfonds gedacht gewesen.
Im November 1992 entdeckte ein Reporter, dass Mallory zehn Jahre wegen gewalttätiger Vergewaltigung in einem anderen Bundesstaat im Gefängnis gesessen hatte. Die Detectives hatten zuvor bestritten, dass es Beweise für Wuornos’ Vergewaltigungsbehauptungen gebe. Der Richter erlaubte diese Information jedoch nicht in den Nachverfahren.
Im Juni 1992 bekannte sich Wuornos schuldig am Mord an Charles Carskaddon. Im Februar 1993 folgte das Geständnis zum Mord an Walter Antonio. Insgesamt erhielt sie sechs Todesurteile. Keine Anklage gab es für Peter Siems, da sein Körper nie gefunden wurde.








