Meine brillante Karriere: Vom Buch zur Netflix-Serie – das sind die größten Unterschiede
Frech, feministisch, freizügig: Netflix hat den australischen Klassiker „My Brilliant Career“ neu interpretiert – und dabei kräftig am Original geschraubt.

Bereits in den ersten zehn Minuten von „Meine brillante Karriere“, Netflix' Neuverfilmung des klassischen australischen Romans von Miles Franklin, wird klar: Ein gewöhnliches Kostümdrama der Jahrhundertwende ist das nicht.
Zwischen anzüglichen Performances und einem Divinyls-Song deutet sich bereits an, wohin die Reise geht – und bis zum Ende der ersten Folge, in der die jugendliche Heldin Sybylla Melvin sich im Busch erleichtert und bei einem Tanz zu einem Rod-Stewart-Cover ihre Unterwäsche vor feiner Gesellschaft zeigt, scheint alles möglich.
Eine jugendliche Perspektive auf ein zeitloses Werk
„Es ist total verrückt", gibt Hauptdarstellerin Philippa Northeast, die Sybylla verkörpert, offen zu. Man erlebe die Welt der Serie konsequent aus jugendlicher Perspektive – ganz im Sinne von Sybyllas Charakter und dem jungen Alter, in dem Miles Franklin das Buch einst schrieb. Es lese sich fast wie ein Tagebucheintrag einer Teenagerin, so Northeast.
Zur Vorbereitung auf ihre Rolle recherchierte die Schauspielerin unter anderem in der State Library of New South Wales und studierte Franklins Tagebücher, um der Frau hinter der Geschichte näherzukommen – einer Geschichte, die trotz gegenteiliger Beteuerungen der Autorin deutlich autobiografische Züge trägt.
Die Netflix-Serie reiht sich damit in eine lange Tradition von Adaptionen ein, darunter die international gefeierte Verfilmung von Gillian Armstrong aus dem Jahr 1979 mit einer jungen Judy Davis und Sam Neill in den Hauptrollen sowie mehrere Bühnen- und Musicalversionen. Franklin selbst veröffentlichte den Roman bereits mit 21 Jahren, im Jahr 1901.
Rebellion als treibende Kraft der Neuadaption
Für Northeast, die damit in die bedeutenden Fußstapfen von Judy Davis tritt, ist die Geschichte zeitlos geblieben: Es gehe darin um eine Frau, die sich ein kreatives Leben erkämpfen wolle, während sie sich gesellschaftlichen Erwartungen widersetze – ein Thema, das ihr aus eigener Erfahrung vertraut sei, nachdem sie sich nach Rollen wie in „Home and Away" lange gegen ein bestimmtes Image habe durchsetzen müssen.
Verantwortet wird die Serie von einem rein weiblichen Team aus Autorinnen, Produzentinnen und Regisseurinnen. Ihre Version von Sybylla tanzt mit wilder Energie, schreit vor Frustration in den Himmel und erlebt ihre erste Auster wie auch ihren ersten Orgasmus als Schlüsselmomente ihrer Selbstfindung. Musikalisch untermalt wird das Ganze von einem energiegeladenen Mix aus feministischem Folk-Pop, Glam-Rock und Indie – unter anderem von Wet Leg und Ecca Vandal, ergänzt durch Coverversionen von Thelma Plum und Isabella Manfredi sowie Originalsongs von Kate Miller-Heidke und Beckah Amani.
„Wir haben uns bewusst dazu entschieden, eine Serie zu machen, die unverhohlen für Frauen gemacht ist", erklärt Liz Doran, Erfinderin und leitende Autorin der Serie.
Ein neu gedachter Love Interest

Die bislang ambitionierteste Adaption des Stoffes bleibt zwar dem Kern des Romans treu, verändert aber zentrale Figuren erheblich: Sybyllas Hauptliebesinteresse Harry Beecham wird nun als chinesisch-australisch dargestellt, verkörpert vom durchtrainierten „Slow Horses"-Star Christopher Chung. Zudem erweitert die Serie die Geschichte um indigene Figuren und Handlungsstränge sowie eine schwule Nebenhandlung.
Laut Doran ergaben sich viele dieser Ideen beim erneuten Lesen des Buches ganz natürlich. Bei der Entwicklung neuer Figuren – etwa der ambitionierten indigenen Landarbeiterin Nell, gespielt von Sherry-Lee Watson – oder bei der grundlegenden Neuinterpretation bestehender Charaktere wie Harry habe sich das diverse Autorenteam stets gefragt, wer im Australien des Jahres 1900 tatsächlich gelebt habe, aber im Originalbuch keine Repräsentation gefunden habe.
Im Roman sei Harry ein simpler, wenig komplexer Vertreter der wohlhabenden Landbesitzerklasse gewesen, erklärt Doran. Für die Serie habe man sich gefragt, was wäre, wenn Harrys Vater eine Chinesin geheiratet hätte – und Harry zwar mit allen Privilegien des reichsten Mannes der Region aufgewachsen sei, aber nur aufgrund seines Reichtums gesellschaftlich akzeptiert werde. Verliere er diesen Status, verliere er auch seinen sozialen Rückhalt, was ihn zu einer deutlich interessanteren Figur für Sybyllas Liebesgeschichte mache.
Chung selbst zeigte sich beim ersten Lesen des Drehbuchs beeindruckt von dessen Fortschrittlichkeit – es handle sich weder um „colour-blind casting" noch um bloße Symbolpolitik, so der Schauspieler. Harrys chinesische Herkunft werde den Zuschauern erst in der zweiten Folge bewusst, als Sybylla sein Zuhause besucht und seine Tante Augusta (gespielt von Kate Mulvany) sie bittet, zu Ehren der verstorbenen chinesischen Mutter die Schuhe auszuziehen. Chung, der für die Rolle nach Australien zurückkehrte, nachdem er 2012 nach Großbritannien gezogen war, sieht in der Serie ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich die australische Filmindustrie zunehmend um wahrhaftige Inklusion bemühe.
Die wichtigsten Unterschiede zum Roman
Laut Doran liegt die bedeutendste Veränderung in der Erweiterung der erzählten Welt um ein breiteres Spektrum an Figuren. Das Buch besitze zwar eine lockere, bis heute lebendig wirkende Erzählstruktur, sei aber zwangsläufig in dem geprägt, welche Geschichten es nicht erzähle – die Einbindung indigener Figuren sei daher ein zentraler Bestandteil der Adaption gewesen.
Zudem wurden im Zuge der Adaption zwei Tanten aus dem Roman zu einer einzigen Figur zusammengeführt, während gleichzeitig eine neue Figur namens Augusta hinzugefügt wurde. Auch das Liebesdreieck der Serie existiert im Originalroman so nicht: Dort ist Harry Beecham das eindeutige Hauptliebesinteresse, während Frank Hawden schlicht als ziemlicher Widerling gezeichnet wird. Für die Serie wollte Doran Harry echte Konkurrenz verschaffen und beide Männer daher deutlich vielschichtiger anlegen als ihre literarischen Vorbilder – schließlich müssten die männlichen Figuren einer derart eindrucksvollen Sybylla würdig sein.
Auch im Vergleich zur gefeierten Kinoadaption von Eleanor Witcombe aus den späten 1970er-Jahren zeigen sich deutliche Unterschiede. Der begrenzte Rahmen eines Spielfilms habe es damals nötig gemacht, sich auf einen zentralen Aspekt des Buches zu konzentrieren – Sybyllas Weg wurde vor allem als klassische Liebesgeschichte erzählt. Das deutlich größere Format einer Serie habe es dem aktuellen Team hingegen ermöglicht, die Welt der Geschichte auszubauen und weitere Handlungsstränge und Figuren ausführlicher zu beleuchten.





